Was machen wir hier den ganzen Tag?
Auf der Straße laufen, so wie ich es mit Linus im Gepäck tue, unterscheidet sich sehr von den Straßen, sagen wir, Denzlingens. Erstmal ist es hier immer noch sehr heiß, 36 Grad. Sobald ich die Straße betrete, wird dies mindestens von unserem hilfsbereiten Bawwab wahrgenommen und wir grüßen uns gegenseitig.
Desweiteren trifft man alle 20 Meter auf einen uniformierten, mit einem Gewehr bewaffneten jungen Mann. Von wem sie beauftragt sind, scheint uneinheitlich und mannigfach. In unserem Viertel werden vor allem die Botschaften bewacht. Dann gibt es die Touristenpolizei rund um die Hotels. Und die, teilweise selbsternannten, Vorsteher der Straßenkreuzungen. Ob die Waffen wirklich geladen sind oder überhaupt funktionieren, ist bei uns immer wieder Anlass zur Spekulation.
Auf der Straße herrscht der Staub. Das erkennt man von Weitem an den Autos, die mit buntem Decken mit 70er-Jahre-Muster komplett abgedeckt sind. Die Decken sind aber nicht einfach darübergeworfen, nein, sie passen sich dem Auto nebst Rücklichtern an wie maßgeschneidert. Auf den Blättern der Bäume, die hier durchaus grünen, liegt eine braune, dicke Staubschicht. Die jungen Blätter, die noch die Sonne sehen können, sind daher eindeutig zu indentifizieren.
Gehwege neben der Straße gibt es. Aus verschiedenen Gründen werden sie aber kaum betreten, so dass Passantinnen nebenher laufen, bzw. neben den Autos, die Stoßstange an Stoßstange auf beiden Seiten neben den Gehwegen parken. Der Bordstein ist z.T. einen gefühlten Meter hoch. Er wird von den Häuschen der Bewaffneten versperrt. Oder Männer sitzen in Plastikstühlen darauf und machen Siesta. Einige lesen im Koran. Was soll man auch sonst machen, Essen und Trinken darf man ja nicht.
Schließlich gibt es eine Menge Schutt und Schlaglöcher auf den Gehsteigen. Also laufe ich, wie fast alle Fußgängerinnen, auf der Straße. Nachteil hier: alle 30 Sekunden fährt ein Taxi vorbei, welches mich als mögliche Kunden mit lautem Hupen auf sich aufmerksam macht. So ist es eine Glanzleistung vom Zwerg, dass er sich trotzdem von Mamas Geschunkel einschläfern lässt:
Wie sich aus der Beschreibung erahnen lässt, ist es hier mit städtischer Naherholung nicht weit her, so dass ich gezwungen bin, die Angebote der Hotels und Clubs wahrzunehmen. Da vergeht schon einmal ein Vormittag im Marriott-Hotel. Im dortigen Restaurant kann man draußen sitzen, was ansonsten in Kairo eher die Ausnahme ist.
Oder wir gehen eine Mama aus der Krabbelgruppe besuchen. Linus durfte unter Antons Spielebogen liegen. Er fand das super, und Anton auch!
Was ich in Berlin erst ganz zum Schluss geschafft habe, habe ich hier in den allerersten Tagen gemacht: das nächstgelegene Museum im Viertel besuchen. In Zamalek ist dies das islamische Keramikmuseum.
Am Besten gefiel mir eine Plastik aus der Said El-Sadr Gallerie.
Auch schön: etwas Geschirr aus Persien und der Türkei, 18. Jhdt.
Jedoch gehen wir zugegebenermaßen am aller-öftesten in einen Supermarkt. Hier gibt es westliche Produkte, die ich selbst nur vom Hörensagen kannte, z.B. Hershey-Schokolade oder "I can’t believe it’s not butter!" aus den USA. Stoff für eine Mr-Bean-Folge gibt m.E. eine sich wiederholende Szene: an der Kasse, während ich die Waren aufs Band räume und dann versuche, die Scheine in der noch fremden Währung zusammenzusuchen, fängt mein Engel an zu brüllen. Das kenne ich ja schon aus Deutschland. Hier kommt noch dazu: ich bestelle den Heimbringdienst, der diverse Daten von mir erfragen muss (Name/Adresse/Preis/Uhrzeit). Dies alles in gebrochenem Englisch während mein Lieblingssäugling vor Wut fast blau anläuft. Schwitz.
Wieder zuhause angekommen, macht Wäsche waschen einerseits mehr Spaß, da alles nach einem halben Tag trocken ist. Andererseits muss ich mich noch an die Agressivität des hiesigen Waschpulvers gewöhnen. So kommt es, dass ein Großteil unserer Sachen jetzt rosa verfärbt sind. Das trifft natürlich meine beiden Jungs besonders hart. Auf dem letzten Photo trägt Linus denselben Body, den er im Tiergarten schon anhatte (siehe Eintrag 03.09).
Und draußen vor unserem Balkon fahren schrill beleuchtete Ramadan-Partyboote den Nil rauf und runter, eine fragwürdige Mischung aus orientalischer und Technomusik verschallend. Diese Boote kann man mieten.
Am Wochenende machen wir Familienausflüge. Letztes Wochenende waren die Pyramiden von Sakkara dran, inklusive ältester Pyramide der Welt. Es gibt dort sehr beeindruckende pharaonische Reliefs zu bewundern. Hinterher, wie kann es anders sein, ging es ab in den Club, wo ich zum ersten Mal seit Linus’ Geburt wieder schwimmen war. Herrlich!