Über das Sterben - und das Werden
Der Schlaf ist der kleine Bruder des Sterbens. Wir sterben also jede Nacht, um am Morgen wieder aufzustehen. Als eine andere - im Schlaf haben wir uns verändert. Wir sind älter geworden, wir haben aber auch dazugelernt.
Die Zeit wird von uns behandelt, als sei sie gleichmäßig fließend. Wir brauchen diese Einteilung in Jahre, Monate, Wochen, Stunden und Minuten, um uns zu orientieren, um miteinander zu kommunizieren, um unser Leben einzuteilen, einzuordnen, abzugleichen. Die Zeit in unserer Wahrnehmung spricht eine andere Sprache. Sind wir ganz eins mit unserem Tun, existiert die Zeit nicht mehr. Sind wir nicht gerne, wo wir sind, oder möchten woanders hin, steht sie still.
Die Zeitabschnitte unseres Lebens, sie mögen nah oder fern wirken - ja, sie gehören zu uns - wir waren aber andere und werden andere sein. Ich im Mutterbauch, ich als Kleinkind, als Schülerin, als Jugendliche - habe ich nicht woanders gewohnt, anders ausgesehen, anders gedacht, gehandelt, andere Dinge und Menschen für wertvoll erachtet?
Die Frage, was nach dem Tod kommt, ist nicht wirklich eine Leerstelle. Sie ist ebenso leer wie die Frage, was in zehn Jahren ist. Wir werden sein, denn wir waren schon immer. Ein Teil des Großen und Ganzen, ein Teil des Lebensatems, des Lebensbaumes, Lebensflusses, ein Teil der Göttin. Wohin geht die Kerzenflamme, wenn sie gestorben ist? Wo war sie vorher? Die Möglichkeit der Flamme war da, und dann war sie weg (buddhistische Weisheit). Es gab andere Flammen, es wird andere geben. Und doch wird nie wieder eine Flamme so sein, wie die unserer grünen Kerze heute morgen auf dem Frühstückstisch.
Ein kleines Baby stirbt im Mutterleib. Das passiert jedem fünften Baby. Vier von fünf Babys erblicken das Licht der Welt, sie leben länger, bevor auch sie sterben. Warum ist es gerade das fünfte, das stirbt? Warum stellen wir solche Fragen, wo doch Werden und Vergehen uns seit Jahrtausenden so klar vor Augen stehen?
Weil wir leben, wie nur wir Lebewesen leben können. Heiß und vollblütig. Wir sind voller Leidenschaft für Ziele, andere Menschen, Themen. Mütter wollen gesunde Kinder gebären und großziehen, Familien lieben sich und wollen für immer zusammen bleiben. Bloggerinnen wollen Diktaturen stürzen. Nationen wollen leben, überleben, neu leben, weiterleben. So viel Wille ist da, Lebenswille. "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will" (A.Schweitzer).
Wir "sollen" nicht "unseren Nächsten" lieben, weil "Gottvater" uns dann nicht ins "Paradies" einlässt. Wir "müssen" uns nicht ständig von unseren Bedürfnissen "distanzieren", um das Nirwana zu schauen. "Imagine there’s no heaven - it’s easy if you try - no hell below us - above us only sky - imagine all the people living for today!" (John Lennon)
Lasst uns jetzt und heute feiern, was wir haben und trauern über das, was wir verloren haben. Lasst uns lebensdienlich leben; lasst uns andere Lebewesen gelten lassen, genau so wie sie sind; lasst uns nicht ängstlich auf irgendeine Autorität starren, und lasst uns nicht vergessen, dass in unserem Vergehen Neues entsteht - jeden Tag wieder. " Jeden Morgen geht die Sonne auf in der Wälder wundersamer Runde. Und die hohe, heil’ge Schöpferstunde, jeden Morgen nimmt sie ihren Lauf." (Hermann Claudius)