Sichtweisen: vom Zauber des Alltags

Die Kirche, die ich im Beitrag vom 31.08. indirekt als koptische Kirche vorgestellt habe, hat sich als anglikanische "All saints cathedral" entpuppt, in dem sich u.a. ein internationaler Chor trifft. Ich nehme dies als Gelegenheit, zu sagen: ich bin absolut neu als Ex-Pat (englisches Kürzel für ex patriot = außerhalb der Heimat Lebende), neu im arabischen Raum, neu als Bloggerin, daher mache ich  haufenweise Fehler; man möge mir vergeben.
 
Es würde euch so gehen wie mir, würdet ihr hierher ziehen: Dinge erscheinen im Lichte meines deutschen Gehirns zunächst verstörend, widersprüchlich, fremdartig und unangenehm. Ich fühle mich ungerecht behandelt, weil es nicht so ist wie ich es aus Deutschland gewohnt bin. Ich lebe neben den Dingen her, arrangiere mich mit Ihnen, und plötzlich, durch eine Beobachtung, ein Gespräch, einen Gedanken, erschließt sich der Sinn dahinter. Dann auf einmal verstehe ich, dass ich nicht persönlich angegriffen werde, sondern Teil eines Großen Ganzen bin, in dem es im ersten Schritt nicht anders sein kann, als es ist. Liebe Leserin, sei versichert: es ist auch, IM GRUNDE, verblüffend und zauberhaft, hier im Morgenland zu leben, in Ägypten, fi misr, wenn man sich darauf einlässt. Und dies ist mein Anspruch und er soll es bleiben, inscha’allah, mit Gottes Hilfe.
 
Nehmen wir als Beispiel die Huperei. Am Anfang, und immer wieder, ist es furchtbar, hier angehupt zu werden. Besonders als Fremde und Frau fühle ich mich angesprochen und "blöd" angemacht. (Was für ein Paradoxon, nie war ich weniger auf Flirten aus, und nie
habe ich mehr Beachtung auf der Straße gefunden als jetzt mit Mann und
Kind in Kairo.) Dann aber muss man wissen, dass der Verkehr die Schlagadern der Stadt bildet, und das Hupen die Richtung vorgibt und die zentrale Kommunikation der Autofahrerinnen untereinander ist. Meist sagt mir eine Autofahrerin, dass sie mich sieht und mich nicht gerne überfahren würde; der Taxifahrer sagt mir, dass er mich transportieren möchte; und der jugendliche Übermütige sagt mir, dass er mich als Frau so sehr wahrnimmt, dass der Säugling, der an mir hängt, gar nicht stört bei dem Versuch, seine Kumpels von seinem Mut und seiner Mannhaftigkeit zu überzeugen, in dem Moment, da sich die seltene Gelegenheit dazu ergibt. (Westliche Frauen anzusprechen ist sozial weitaus akzeptierter als Frauen mit Kopftuch anzusprechen.) Desweiteren gibt es die Theorie, dass die Ägypterinnen im Verkehr herauslassen, was sie im Alltag nicht dürfen, an Ärger und Enttäuschung über ihre Machtlosigkeit. Die Leserin urteile selbst: bin ich als Person angesprochen oder sind es die Umstände hier, die mir etwas über sich selbst erzählen?
 

1 Kommentar

Kommentar von: irene [Besucher]
Na klar bist Du als Person angesprochen, sonst könntest Du uns nicht diesen schönen Text schreiben.
Und die Umstände erzählen wohl von sich selbst, aber erzählen sie es nicht Dir?
Danke
Irene
23.11.09 @ 22:23

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