Weltschmerz und Weltfreude

Hand hoch: wer kennt dieses grauschwarze Gefühl, wenn das Herz steinschwer in der Brust liegt, die Gedanken schlammig-trübe im Kopf kreisen und der Körper schwammig-unförmig in irgendeiner Ecke kauert? Es wird gern Weltschmerz genannt. Die Glücklichen unter uns können dann in zehn Minuten fünfundzwanzig Taschentücher vollheulen. Die Anlässe dafür sind vielfältig. Einer davon könnte Liebeskummer sein.

Mein persönliches Highlight war die Trauer um einen nicht vorhandenen Vater. Die kann ich empfehlen, bei mir hielt sie ca. fünfzehn Jahre vor!

Auf jeden Fall scheint der Weltschmerz mit einem Gefühl von Trennung von etwas oder jemandem zu tun zu haben, der sehr wichtig ist für die Identität.

Auch Kinder, die einen Teil ihres Lebens im Ausland verbracht haben, werden sich dieses Schmerzes oft bedienen, wenn sie dann woanders wohnen. Denn sie haben nicht einfach eine Zeit lang dort gelebt. Sie haben dort gestaunt, gespielt, gelernt, die Kultur eingeatmet. Sie waren dort jemand, die sie nirgendwo anders mehr richtig sein können. Denn dort, im Ausland, ist so vieles anders als hier, in Deutschland. Und doch haben sie diese Grenzen wieder und wieder überflogen, so lange, bis beide Seiten tief ins Herz und in das Gefühl von "wer-ich-bin" eingegraben waren, durch nichts mehr wieder zu tilgen.

Diese Kinder sind nun aber nicht (nur) zu bedauern. Sie sind die Menschen der Zukunft, die nicht nur in ihrem Kopf, sondern auch im Herzen wissen: die Welt, die Menschen, wir sind eins. Wir streben nach denselben Dingen, wir fürchten dieselben Dinge. Und diese Wahrheit ist tiefer als die Wahrheit der Trennung.

Hand hoch: was sind eure Pendants zu den Taschentüchern? Eine gefundene und gepflegte Liebesbeziehung; ein liebevoller, präsenter Vater; ein Land, von dem man sich warm umfangen fühlt - wie feiert ihr das? Wenn wir in Zyklen weinen, so feiern wir in Zyklen; und das Lachen schallt immer ein Stückchen weiter als die Tränen sickern können. 

Weihnachten bei 20 Grad

Es gab einen Kälteeinbruch in Kairo: zeitweise mussten wir mit 14 Grad leben. Ja, ihr lächelt jetzt. Aber wir haben ja keine Heizung in der Wohnung und brauchen auch drinnen lange Unterhosen.
 
Ich wollte darüber schreiben, wie skurril es ist, wenn die begehrten Schokoladen-Nikoläuse auf den internationalen Weihnachtsbasaren in der Sonne schmelzen. Die Wahrheit ist: wenn man monatelang mit 40 Grad im Schatten gelebt hat, akzeptiert man 14 Grad als Winter, selbst wenn im Mutterland die Schneeflocken fallen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir für den Preis von 14 Grad Celsius Schneeflocken kaufen würde, selbst wenn ich es könnte.
 
So ist mir hier nichts (mehr?) skurril. Es gibt in der Adventszeit Plätzchen mit Zimt und Nelken. Wir haben einen Adventskranz. In den Kindertagesstätten werden Glitzersterne und Nikoläuse gebastelt. An Weihnachten werden wir einen geschmückten Christbaum haben. (Wie ca. 80% aller muslimischen Familien der Oberschicht Ägyptens - na gut, sie würden ihn nicht Christbaum nennen.) Der einzige Grund, warum er ohne echte Kerzen bleiben wird, ist unser kleiner Sohn, der die Wohnung nicht in Brand setzen soll. Wir werden Familie sein, fünf Personen mit demselben Nachnamen. Wir werden traditionelle deutsche Gerichte essen: Sauerkraut, Würstchen, Braten. Wir werden in einen deutschen Gottesdienst gehen - mehrmals.
 
Weihnachten: Gott wird wie du. Du wirst nie wieder so tief fallen, dass sie nicht schon da gewesen wäre. Die Liebe zu einem Neugeborenen wird in dir leuchten; klar, unschuldig, stark: als Zeugin dafür, wie Gott ist und was sie in uns hervorbringen kann. Gott wird wie du, klein, unbedeutend, verletzlich, bedürftig. Und dabei wird sie ihr Licht in dir hinterlassen. Und deshalb wirst du in ganz, ganz lichten Momenten so werden wie sie ist; so lieben wie sie es tut. Und hinterher ist nichts, wie es vorher war.
 
Dieses Neugeborene, es wird Jesus heißen, und wir warten auf ihn. Noch 9 Mal werden wir zum Adventskranz gehen, und auf die vergangenen 15 Tage schauen: Blume, Engel, Rentier, Hase, Schlitten, Stern, Nikolaus, Geschenk, Vogel, Schneemann, Oma, Mama, Papa, Linus, Mond. Ich warte, bin voller Hoffnung und mache Platz in meinem Leben für einen, der die Menschen mehr liebt als sein eigenes Leben. 

Stell' dir vor - wie wäre das?

Liebe Sabine,
 
stell’ dir vor, wie wäre das?
 
Du studierst zwar, aber du kannst dich auf deine ureigenen Interessen dabei konzentrieren, denn Arbeit musst du hinterher nicht unbedingt finden: dein zukünftiger Ehemann wird alles für dich bezahlen! Dein eigenes Geld aber, was dir deine Familie vermacht, wirst du immer sicher für dich behalten - ob als alleinstehende Frau, als Ehefrau oder als geschiedene Frau.
 
Wie wäre das?
 
Du kannst, sobald du merkst, dass du eine Frau wirst, weite Blusen tragen, deine Haare mit einem hübschen Tuch bedecken, und dein soziales Umfeld achtet und ehrt dich als Frau. Du musst niemandem beweisen, wie hübsch und schlank du bist. Du bist nicht "out", nur weil du nicht halbnackt, rauchend und trinkend bis spät in die Nacht in die Diskotheken ziehst, im Gegenteil.
 
Wie wäre das?
 
Deine Familie ist präsent. Du weißt, dass du ihnen wichtig bist, und dass es darauf ankommt, wie du denkst und was du machst. Dein Bruder begleitet dich außer Haus, aus Sorge, dass dir etwas passiert. Du lebst lange mit deiner Familie zusammen. Du bist kein Einzelkind, nein, du gibst von Kindesbeinen an auf deine Geschwister und Nichten und Neffen acht und hilfst ihnen.
  
Wie wäre das?
 
Deine Freundinnen, deine Familie, sie unterstützen deine Lebensentscheidung, deine Energie darin zu investieren, ausschließlich deinen Ehemann und deine Kinder zu umsorgen und zu pflegen. Niemand fragt: "Warum arbeitest du nicht?" Es ist gut, alle respektieren es! Putzen gehört eher nicht zu deinen Aufgaben. Hat dein Mann auch nur ein bißchen Anstand und Geld, bezahlt er dir eine Putzhilfe. Möchtest du arbeiten, geht das höchstwahrscheinlich auch.
 
Wie wäre das? 
 
Fünf Mal am Tag erreicht dich ein Ruf vom Gebetshaus, der dich daran erinnert, dass auf dieser Welt das Irdische nicht die ganze Wahrheit ist, sondern dass es einen barmherzigen Allah gibt, der dich sanft und sicher durch die Welt begleitet. Während dein Mann immer Freitags ins Gebetshaus gehen muss, bist du von dieser Pflicht befreit, denn deine Arbeit als Hausfrau und Mutter wird hoch geschätzt. Schon der Prophet war schließlich ein Freund starker Frauen. Du wirst für deinen Glauben nicht belächelt, du musst dich vor niemandem davor rechtfertigen, warum du an einen barmherzigen Gott glauben möchtest, nein. 
 
Stell’ dir vor, wäre das nicht schön? In Ägypten, für Malakah, ist das heute so.
 
 
 
 
Lieber Abdurahman,
stell’ dir vor, wie wäre das? 
 
Während du studierst, steht dir die ganze Welt offen. Du kannst dir zwar die Meinung deiner Familie anhören, es passiert aber nichts, wenn du ihr nicht folgst. Im Gegenteil. Es ist allgemein anerkannt, wenn man seiner inneren Stimme folgt; egal, ob man sich damit von seiner Familie entfernt. Du kannst dich entscheiden, alleine zu leben. Im Gegenzug musst du auch auf deine Schwester nicht mehr Acht geben als auf deine Brüder. Die kommen schon alleine klar.
  
Wie wäre das?
 
Du musst keine Angst haben, dass jemand schlecht über dich und deine Familie denkt, weil deine Schwestern oder deine Freundin Spaghettiträger zeigen oder nachts alleine ausgehen. Es ist normal, dass jede sich so kleidet, wie sie möchte oder wie es dem Wetter entspricht. Die Kleidung und das Verhalten einer Frau kann deine Ehre nicht angreifen, deine Würde nicht zerstören. Du kannst auch die Bedienung im Aldi heiraten, wenn dir ihr Aussehen, ihre Art und ihre Gedanken gefallen.
 
Wie wäre das?
 
Du triffst eine Frau, und du hast kein Geld. Ihr könnt trotzdem in einer kleinen Wohnung zusammen wohnen und zusammen studieren! Ihr müsst dafür nicht heiraten. Ihr könnt beide Geld verdienen, und euch dann eine größere Wohnung kaufen und Kinder bekommen. Es ist für sie selbstverständlich, dass sie sich auch Arbeit sucht, solange ihr keine Kinder habt. Und selbst dann wird sie bald wieder arbeiten wollen. Es lastet nicht allein auf deinen Schultern, deine Familie zu versorgen. Wenn ihr beide keinen Erfolg habt, muss nicht unbedingt die Familie einspringen. Es hilft euch auch der Staat.
 
Wie wäre das?
 
Du kannst deine Arbeit unterbrechen, wenn du ein Kind bekommst, und der Staat wird dir Geld dafür bezahlen, dass du auf dein Kind aufpasst, für es kochst, ihm die Windeln wechselst, und es in den Schlaf singst! Deine Frau sorgt für euer Einkommen. Gut, es würde ein bißchen Kritik geben. Aber du hast die Wahl, möglich ist das durchaus.
 
Wie wäre das?
 
Selbst wenn du sehr gläubig wärst, müsstest du nicht einen Tag lang auf das Essen tagsüber verzichten. Du müsstest niemals im Jahr Durst leiden für Gott. Du würdest Gott auf eine andere Weise nahe kommen, du könntest beten, wann und wo du möchtest. Nicht ein einziges Mal müsstest du dich für Gott niederwerfen. Du könntest Schweinefleisch essen und Alkohol trinken, und trotzdem als sehr gläubig gelten. Du könntest eine Partei wählen, die Ziele deiner Religion politisch umsetzen will. Und wenn die Mehrheit in deinem Land sie wählt, wird sie auch regieren.
 
Stell’ dir vor, wäre das nicht schön? In Deutschland, für Thomas, ist das heute so.

~ Weihnachts- und Neujahrspause ~

Allen, die einer Tochter der offensiven Liebe gern durch ihr Geschriebsel folgen, wünsche ich gesegnete und entspannte Feiertage. Tiefe Freude, eine Schwester der Liebe, findet sich am ehesten in der Ruhe und Stille, und dazu lädt Weihnachten herzlich ein. Weiterhin wünsche ich euch einen fröhlichen Rutsch ins neue Jahr, ob zwischen tausenden von Menschen am Brandenburger Tor oder allein vorm Fernseher in Brandenburg. Es wird ein Jahr der grandios guten Nachrichten werden!

Der große Neuanfang

Wir haben jetzt einen Fernseher. Vier Jahre habe ich ohne gelebt, bin Akademikerin mit vielen Hobbies, aber diese Sendungen wie „Deutschland, deine Teens“, „MTV made“ oder „Bei Kallwaas“ haben auch auf mich eine Anziehungskraft. Da erfährt man von Mädchen, die lange einer OP entgegenfiebern, die ihre Brüste größer oder kleiner machen soll. Von dicken Kindern, denen eine Ernährungsberaterin eine bessere Zukunft verspricht durch Sport und gesunde Ernährung. Von Jugendlichen, die ihren Vater suchen und schließlich wieder finden. Von unscheinbaren, schüchternen und unbeachteten Schülerinnen, die durch Image-Coaching einen Beliebtheitswettbeweb gewinnen. Von Erwachsenen, die nach langer Ochsentour durch die Arbeitslosigkeit einen Job finden. Von Pärchen, die endlich lernen, offen miteinander zu reden und so ihre Probleme zu bewältigen.

Alle diese Leute kommen an einen Punkt, an dem ihr Leiden ein Ende hat und an dem endlich alles ins Fließen kommt. Sie blicken fortan mit erhobenem Kopf und gestärkter Selbstachtung ins Leben. Es ist dies alles die große „Vorher-Nachher“ Show. Sie fasziniert uns, weil wir uns voll damit identifizieren können. Bei uns läuft sie immer parallel zur Wirklichkeit im Kopfkino mit. Jede von uns denkt in „Wenn-dann“ Sätzen:

-    Wenn ich schlanker bin, werde ich von allen geachtet werden.
-    Wenn ich mit meinem Projekt Erfolg habe, werden alle zu mir aufblicken.
-    Wenn ich diesen Doktortitel habe, ist meine berufliche Zukunft gesichert.
-    Wenn ich eine Partnerin gefunden habe, wird mein Leben sich nur noch auf Wolke sieben abspielen.

Die Vorstellung eines veränderten, besseren Ich oder einer neuen, herbeigesehnten Situation ist einerseits erhebend, motivierend, andererseits natürlich zu Schwarz-Weiß, um wirklich realistisch zu sein. Schließlich besteht die Gefahr, sein eigenes Leben nicht richtig zu leben, bis das Ersehnte endlich eingetroffen ist. Geneen Roth hat dies in Bezug auf die Partnersuche auf den Punkt gebracht. Sie empfiehlt, die Partnersuche nicht allzu krampfhaft zu betreiben, denn: „Wenn man die Liebe seines Lebens trifft, ist nichts weiter passiert, als dass man die Liebe seines Lebens getroffen hat.“ Ich kann ihr nur zustimmen. Liebesleben, Gesundheit, beruflicher Erfolg, Politik, Familie und Finanzen: selten ist alles so, dass kein Wunsch offen bleibt – außer in der Vorstellung. Insofern leben wir unser Leben im Hier und Jetzt auf Grundlage eines großen „Trotzdem“.

Aber wenn es uns passiert und die magische Veränderung eintritt, dann nichts wie: Gott herzlich danken, Photos machen, es allen erzählen, ein Fest feiern, ein Buch oder ein Blog darüber veröffentlichen, sich ein großes Lob auf den Spiegel schreiben, sich jeden Tag daran erinnern, lächeln und sich freuen, und zwar für den Rest des Lebens.

Wer liebt?

Habe mir heute mal ein paar Gedanken darüber gemacht, ob die Suche nach Liebe auch immer die Suche nach einer Partnerin bedeutet. Da die Antwort offensichtlich „Nein“ lautet, ist die Frage, wohin und aus welchen Gründen man seine Liebe noch überall verströmen kann, wenn nicht deshalb, um jemanden ins Bett zu kriegen.

Als Kind habe ich mal einen Betreuer angehimmelt. Er hat so nett gelächelt und so toll gesungen und Gitarre gespielt, und ich habe mir gewünscht, er wäre nur für mich da. Er war aber für Viele da, und das war kein Problem. Ich dachte: „Er hat eine Frau, aber er ist nicht nur bei seiner Frau. Er teilt sein Leben auch mit anderen.“ Liebe gibt es nicht nur ausschließlich zwischen zwei Menschen. Ein Mensch, der andere anlächelt und mit anderen kommuniziert, der sie zum Lachen bringt, zum Singen, Tanzen, Träumen oder Nachdenken, geht ihnen unter die Haut und verteilt sich selbst, seine guten Seiten, seine Energie und Zeit unter sie. Wenn das mal nicht Liebe ist?!

Aber auch ohne zu kommunizieren oder jedenfalls sehr viel weniger, kann man stark in die Welt hinein wirken. Als einsame Wissenschaftlerin. Als geniale Ingenieurin. Als Gärtnerin in einem Kloster. Wenn man sich voll einer Tätigkeit hingibt, in ihr aufgeht, tun sich neue Welten auf für einen selbst, und man selbst öffnet die Welt neu für die anderen.

Man kann auch nicht nur Menschen lieben. Einsame Menschen, alte Menschen vor allem, aber natürlich auch junge Menschen oder Familien, lieben Tiere. Für manche von ihnen sind Tiere ebenbürtig mit menschlichen Familienmitgliedern oder Freundinnen. Ich persönlich finde das unangemessen. Aber solchen Tierliebhaberinnen ist die Beziehung ihrem Haustier ein wichtiges Band auf dieser Welt, und das respektiere ich.

Stellen wir uns vor, ein Mensch tut etwas Konstruktives sehr intensiv und geht innerlich in der Tätigkeit auf. Aber er gewinnt nie einen anderen Menschen dazu, Bett und Tisch mit ihm zu teilen, warum auch immer. Kann dieser Mensch sein Leben voll ausschöpfen, lieben, Gott nahe sein? Ist es dazu vonnöten, der Menschheit zu nützen, Politik, Geschichte und/oder Wissenschaft zu beeinflussen? Die Liebe kennt 1000 Wege. Ich nicht.
 

Das große Sehnen

Als Single war ich immer in einem sehnsuchtsvollen Zustand. Kam ich in einem Raum, konnte ich sofort sagen, welcher Mann mich interessiert. Auf jeder Party war die Hoffnung mit zu Gast, dass doch mehr werden möge aus einer kleinen Plauderei. Auf mindestens zwei Single-Börsen im Internet war ich immer angemeldet. Und wenn es nichts wurde mit dem Zauber des Verliebt-Seins auf den ersten Blick, dann nahm ich den nächstbesten Flirt, um ein bisschen körperliche Nähe zu spüren, ein bisschen Bewunderung und Bestätigung als Frau. Ich war mir klar darüber, dass es sehr wichtig ist für einen jungen Menschen, auch mal eine Zeit allein sein zu können, als Single. Ich habe auch alleine gewohnt und war eine Zeit lang Single. Es ging mir nicht gut dabei. Ich konnte meine Sehnsucht einfach nicht abstellen.

Mit meinem offenen Wesen und einer positiven Ausstrahlung hatte ich keine Probleme, Kontakte zu knüpfen, die schnell tiefer gingen. Es war für mich immer Liebe und die Hoffnung auf eine tiefere Verbindung mit im Spiel. Klar, ich war naiv, aber aus irgendeinem Grund schreckte ich selten davor zurück, mich innerlich voll und ganz auf meinen Angebeteten einzulassen, und sprachen noch so viele Gründe dagegen. Eine kleine Auswahl:
-     ein Badischer Metzgergeselle, als ich Vegetarierin war
-    ein halbitalienischer Kfz-Mechaniker und Leistungssport-Bodybuilder, während ich Wissenschaftstheorie an der Uni büffelte
-    ein Kroate ohne Aufenthaltsgenehmigung, der mich bald heiraten wollte
-    ein Muslim aus Syrien, wo meine Kinder doch getauft werden sollten
-    zu guter Letzt ein Berliner Polizist, der mit dem Gedanken liebäugelte, sich ein Wehrmachtskreuz auf den Oberarm tätowieren zu lassen.

Irgendwann wich dem Verliebtheitsgefühl dann eine innere Beklemmung, und verschiedene Szenen erhärteten den Verdacht, dass er doch nicht der richtige sei. Anfangs machte ich das mit mir alleine aus, und am Ende knallte ich ihm den Schlussstrich einfach so hin. Später bezog ich die Herren in meine Überlegungen mit ein, stiftete aber damit mehr Verwirrung als Klarheit. Und wie schmerzhaft, wie schrecklich jeder Abschied war! Jeder einzelne der Jungs und Männer hat einen Platz in meinem Herzen – ich habe sie geliebt, bete für sie, und ab und zu träume ich von ihnen. Andererseits – nachdem Schluss war, fühlte ich mich unglaublich befreit und lebendig.

Nach 10 Jahren Beziehungen, einige dauerten mehrere Jahre, fragte ich mich, ob das nun ewig so weitergehen wird. Sich kennen lernen, seine Geschichte von vorne erzählen, sich gegenseitig abtasten und herausfinden, ob man dem anderen verzeihen kann, dass er so ist, wie er ist. Ein Schema erkannte ich nicht: Bildungsschicht, Herkunft, Religion, Alter, Statur, lauter oder leiser Charakter, es war von allem etwas dabei gewesen. Und immer noch rief meine Hand nach einer anderen, und mein Kopf wollte auf einer Brust zur Ruhe kommen.  

Ausnahmsweise gibt es heute mal keine Moral von der Geschicht’. Vielleicht gibt es ja Singles, die sich schämen, weil sie sich so sehr sehnen. Oder die befürchten, dass der oder die Richtige niemals kommen wird. Ich sehne mich sehr und bin sehr bedürftig. Ich glaube fest daran, dass solch ein menschliches Sehnen nicht unbeantwortet bleibt. Es hat einen Ursprung und ein Ziel, und beides geht weit über die menschliche Vernunft hinaus.

Klage gegen Gott

Gott,
wie kannst du so grausam sein?

Du hast mich mit unendlich viel Sehnsucht ausgestattet. Mit dem Bedürfnis, berührt zu werden von warmer Haut! Bedacht zu werden mit neugierigen Blicken! Mich an eine Brust zu schmiegen! Fest in den Armen gehalten zu werden, wenn ich traurig bin! Zu verschmelzen mit einem geliebten Körper und einer verehrten Seele! Mit dem Wunsch, jemanden an meiner Seite zu haben, der Zeuge meines Alltags wird, der mich begleitet, der mich kennt, mit dem ich mich austauschen und die Welt teilen kann!
 
Du schicktest mir einen jungen Menschen. Ich machte ihn mir vertraut, er war mir so nah. Ich kannte seine Stimme, seinen Geruch, sein Lächeln, seine Geschichte, seine Zärtlichkeit, seine Trauer, seine Wut. Aber es ist auseinander gegangen! Nun sehe ihn nicht mehr, kenne ihn nicht mehr. Ich vermisse ihn! Er war mir so nah, unter meiner Haut, in meinem Herzen! Und nun werde ich ihn nie wieder sehen. Soll ich ihn vergessen? Das kann ich nicht!

Dann war ich einsam, so schrecklich einsam! Meine Seele, meinen Körper vermissten ihn! Das kam zur Sehnsucht dazu, die du, Herr, mir schon gegeben hattest.

Ein zweites Wesen lernte ich kennen, und wie merkwürdig es doch war, dass sich wieder ein zartes Pflänzchen Zuneigung entwickelte, und dann ein großes Feuerwerk zwischen uns. Aber nach einer Weile wurde es wieder zur schrecklichen Gewissheit: dass es keine Zukunft mehr für uns geben wird! Mein Blick ist nun getrübt und ich taumele vor Schmerz.

Herr, wie oft noch soll ich mein Herz an einen Menschen verschenken? Wie oft mein Inneres offenbaren? Warum hast du meine Seele so empfindlich gemacht und warum lässt du Wunden niemals heilen?

Heil wäre mein Herz, hätte es nur einen Menschen für mich gegeben von Anfang an. Eine Seele, einen Körper, zu lieben bis in Ewigkeit. So hast du die Welt und mich aber nicht gemacht! Warum nur, Herr?

- gewidmet M.K. -
 

Lieben lernen

So viele Jahre probt man sich an der Liebe: man flirtet, man küsst, man definiert etwas als Beziehung, und irgendwann zerbricht der Kontakt zu einem ehemals geliebten Menschen, und alles geht von vorne los. Mit einem Unterschied: eine weitere Enttäuschung ist angehäuft, und eine weitere Ex-Partnerin, mit der man bittersüße Erinnerungen verbindet. Muss das so sein?

Paare, die zusammen bleiben, leiden entweder still vor sich hin, betrügen und entfremden sich, oder sie haben eben wahnsinniges Glück gehabt. Ist das wirklich so?

Glücklich zu sein an der Seite eines Menschen, verlangt -ebenso wie das glücklich sein im Allgemeinen- eine Persönlichkeit, die zu Glück fähig ist. Einen speziellen Menschen lieben zu können, über lange Zeit hinweg, verlangt, lieben zu können im Allgemeinen, über lange Zeit hinweg. All das, was man können muss in einer Partnerschaft, ist in einer reifen Persönlichkeit entwickelt. Natürlich sind gerade junge Menschen noch keine reifen Persönlichkeiten. Sie sind Anfängerinnen in der Liebe. Liebesfähigkeit kann aber gelernt werden, ob mit oder ohne Partnerin.

Zum Lieben können gehört: 

- Sich Sehnen. Wenn mein Herz gesagt hat, es braucht einen Menschen, dann weiß ich das auch. Wenn meine Hand sich gesehnt hat nach einer anderen, die sie nimmt, dann weiß ich, was ich möchte, und ich weiß, dass ich angekommen bin, wenn ich diese Hand gefunden habe. Was man sich ersehnt, ist individuell, und man muss meistens einige Fehlversuche hinnehmen auf der Suche danach. Hat man es aber wirklich gefunden, steigt der Glückspegel und hält sich auf hohem Niveau. Altmodische nennen das tiefe Dankbarkeit.

- Einen Menschen als Ganzes sehen. Nicht nur den Teil, den ich attraktiv finde. Das Handeln eines Menschen hat nicht immer mit mir zu tun, sondern mit seiner Geschichte. Weint jemand, weint sie vielleicht nicht, weil ich ihr wehgetan habe, sondern weil sie sich an alte Verletzungen erinnert fühlt. Was eine Person tut, sagt mehr über sie aus als über mich. Deshalb tut man gut daran, sich nicht sofort angegriffen zu fühlen und den Menschen abzustempeln als "zickig" oder "gefühllos", sondern sich erst mal in Ruhe anzusehen, was sie macht, und es dann zu verstehen versuchen. Altmodische nennen das Demut.

- Platz machen im eigenen Leben. Man möchte beruflichen Erfolg, viele Freunde, alle Hobbies und Ehrenämter ausleben und in die Welt reisen. Außerdem möchte man ganz viele Dinge nicht tun, besonders eines: verzichten. Es ist aber mit der Liebe so wie mit allem anderen auf der Welt: möchte man etwas, sollte man bereit sein, etwas anderes dafür herzugeben; Zeit und Energie sind hier zwei wichtige Güter. Eine Partnerin verändert die eigene kleine Welt! Bin ich furchtlos genug, mir das wirklich zu wünschen?

- Geben. Letztlich sind wir für die anderen Menschen da und nicht für uns allein. Ein liebender Mensch fährt Antennen aus: wo und wie werde ich gebraucht? Wo und wie werde ich von einem Menschen gebraucht, den ich liebe oder lieben möchte? Natürlich soll sich keiner verbiegen. Man kann nur das geben, was man auch besitzt. Aus der Quelle der Liebe können wir zum Glück alle schöpfen, aber was genau wir herausfischen, ist unterschiedlich. Aufmerksamkeit und Mitgefühl sind alte Klassiker.

Wer sitzt am längeren Hebel, wenn es darum geht, einen Menschen zu lieben? Nicht die andere mit ihren Fehlern und Häßlichkeiten. Sondern ich.

Bedürftigkeit

Warum ist unsere Gesellschaft im Ganzen und jede Person im Einzelnen so scharf darauf, Pärchen zu produzieren?

Für die Gesellschaft und das Fortbestehen der Menschheit im Allgemeinen sind Pärchen die Grundlage dafür, dass Kinder in die Welt kommen und gut versorgt werden. Eine nackte evolutionspsychologische Erklärung: wer im Kreise von Artgenossinnen wohnt, speist und spazieren geht, fällt seltener feindlich gestimmten Lebewesen anheim. Oder ökonomisch: man kann sich, anstatt alles alleine machen zu müssen, Aufgaben teilen. Und man muss nur einmal Miete und Milch bezahlen. Entwicklungstheorie: wir sind es von klein auf gewohnt, berührt, gestreichelt und geküsst zu werden. Kleinkinder, die nicht in diesen Genuss kommen, leiden stark darunter.

Am schwersten wiegt aber folgende Begründung: ein fühlender Mensch ist eine Frage, die beantwortet werden möchte. In der Nähe eines geliebten Menschen werden Glückshormone frei, wir atmen tiefer, fühlen uns geborgen, unsere Abwehrkräfte werden stärker. Ist lange niemand da, der über meine Haut streichelt, hört mein Herz nicht auf, vor Sehnsucht leise zu klagen. Es gibt innere Bilder, tief in mir angelegt: eine Hand in meiner. Ein Gesicht über meinem. Arme, die mich festhalten und alles gut machen. Ich bin ganz klar angewiesen auf ein liebendes Gegenüber, wenn ich ein erfülltes Leben führen möchte.

Unschick und unbequem, gerade dieser letzte Satz? Wir sind doch frei und nicht abhängig! Wir können auch alleine Einiges auf die Beine stellen! Freunde machen unglaublich stark! Dies alles trifft zu. Jede entscheidet für sich, ob es eine Person in ihrem Leben geben darf und soll, die ihr ganz nahe kommt. Auch gelten in jeder Lebenssituation und in jedem Lebensalter unterschiedliche Voraussetzungen. Jedoch, um einen Aspekt des Mensch-Seins kommen wir nicht herum. Ob ich Partnerin, Familie, Freundin oder Nachbarin nicht missen will: die Grundsituation eines Menschen ist Bedürftigkeit und Angewiesen-Sein.

free blog themes