Willst du ... ?

… mich heiraten?

… ein Kind von mir?

Im besonders bei Frauen sehr beliebten Genre "Die romantische Komödie" endet der Film, der einem Mal ums Mal wohlige Gänsehaut-Schauer über den Rücken gejagt hat, damit, dass das Pärchen schwanger und/oder verheiratet sein neues gemeinsames Leben beginnt. Ein Baby oder eine Hochzeit sind in unserer Gesellschaft ein klares Signal dafür, dass es jetzt zusammen weitergeht. Beim Kind erstaunt das nicht weiter: man hatte sich mindestens einmal gaaaaaanz lieb, und dann ist da ein  zunächst hilfloses Wesen, das eine Mama und einen Papa braucht. Ende der Geschichte. 

Aber wie ist das mit dem Heiraten? Dazu braucht es eine Absicht, und für diese einen Grund. Liebe? Nicht jede, die man liebt, muss man heiraten. Ring, zusammenwohnen, füreinander einstehen? Ringe und Mietverträge gibt es inzwischen bei uns auch für Unverheiratete. Und wer mal Wohngeld als Pärchen beantragen wollte, weiß, dass das Amt längerfristiges Zusammenwohnen schon als "füreinander einstehen" deutet. Steuern, Wirtschaftsgemeinschaft, Altersvorsorge, Liebesbeweis für den anderen? Wie unromantisch, unwichtig, langweilig, unreif. Es Verwandten und Freunden zeigen, feiern? Als ob die das nicht schon alle wüssten. Und feiern, bitte, dafür findet man 1000 andere Gründe, die genauso gut sind, sogar beziehungsspezifische (z.B. der Jahrestag).

Mir schwant, so wenig vollmundig das Argument auch sein mag, dass hier vor allem die Negation etwas bedeutet. Warum heiratet ein Pärchen, womöglich eines mit Kindern, nach jahre- oder jahrzehntelanger Beziehung NICHT? Wenn man sich liebt, und zusammen bleiben möchte, dann heiratet man in unserer Kultur. Viele pragmatische Gründe sprechen dafür. Der (internationale) Verwaltungsapparat und das soziale Umfeld erkennen am Ring und u.U. am Nachnamen, dass man zusammen gehört. Das spart allen Beteiligten viel Energie. Und, ja, es gibt der eigenen Seele ein ruhiges Nest. Wer sich kirchlich traut, vertraut zusätzlich auf die nie versiegende Quelle von Leidensfähigkeit, Geduld und Frustrationstoleranz namens ewige Liebe, die der Segen Gottes für eine Beziehung verspricht.

Das Leben ist so kurz, die eigenen Bindungsängste so uninteressant fürs wahre Leben (und eine Scheidung so wohltuend möglich, auch für Frauen, in unserem Land). Warum nicht heiraten?

Sag mir, wer ich bin

Die Partnerin ist ein erstklassiger Katalysator für Selbsterkenntnis. Manches erschließt man sich indirekt ("Ich rede morgens offensichtlich besonders gern"), manches bekommt man direkt gesagt. Neulich ist sogar eine neue Vokabel entstanden, als ich mit meinem Liebsten zusammen in einem italienischen Restaurant aß.

Er: "Magst du den Salat nicht, Schatz?"

Ich: "Doch, zusammen mit dem Hauptgericht. Deshalb warte ich noch."

- eine gewisse Zeit verstreicht -

Er: "Magst du das Fleisch nicht mehr?"

Ich: "Doch, aber ich habe keine Kartoffeln und kein Gemüse mehr dazu."

Er: "Dafür muss es doch ein Wort geben… du bist eine Proportionsesserin!"

Seitdem bekomme ich jedesmal, wenn ich mir z.B. zwei Schluck Kaffee für die zwei letzten Stück Kuchen eingieße, ein wissend-liebevolles "Du Proportionsesserin!" zu hören.

Erwartungen (im Advent)

Heute ist endlich der erste Advent.

Ich fühle mich schon seit geraumer Zeit in Vorweihnachtsstimmung. Vielleicht weil ich, Advent hin oder her, guter Hoffnung bin. Im Advent wartet man auf etwas, was noch nicht da ist, aber schon in einem angelegt. Das mache ich jetzt praktisch doppelt. Es ist toll, dass mein Küken sich in dieser schönen Zeit ankündigt, sehr passend. Trotzdem ist die Hoffnung und Erwartung in der Adventszeit für mich im Moment ebenso lebensspendend wie meine Gebärmutter. Das Küken wird zunächst zu mir aufschauen, und ich werde ihm nahebringen, dass Advent große Hoffnung bedeutet, für jeden Menschen. Und wenn es flügge wird und es sich ausgekükt hat, bleibt mir immer noch der Advent.

Den Menschen kann man sich nur denken hoffend und erwartend. Worauf hofft unsere Seele? Auf Geld, das sich mehrt? Auf die Technik, den Fortschritt? Auf eine politische Idee, Strategie? Auf die Liebste oder die große Liebe, die wir mal haben werden? Darauf, dass wir endlich volljährig werden oder endlich in Rente gehen? Auf die Ankunft von Gott, der Barmherzigen, die uns Heil und Vergebung bringt? Hoffnung und Erwartung sind etwas Wunderbares, sie geben Motivation und die Sicherheit, dass das Leben mehr ist als das, was die Welt uns gegenwärtig zeigt.

Ich bleibe einen Moment bei der Hoffnung auf die große Liebe. Und möchte meine Hand über dieser Verbindung zweier Menschen halten, um sie vor zu vielen Erwartungen zu schützen. Wir wollen tollen Sex mit der Liebsten haben, mit ihr Kinder großziehen, unsere intellektuellen Gedanken und politischen Überzeugungen mit ihr teilen, wir wollen gemeinsam unsere Spiritualität leben, zuammen schlafen gehen, aufstehen, essen, ausgehen, und am Besten noch denselben Hobbies nachgehen.

Hilfe, Halt!!! Egal ob Mutter, Partnerin oder Kind: Menschen können sich nicht in allem nah sein. Ein Mensch kann nicht Alles für einen sein. Wir sind es, die sich um uns selbst kümmern müssen, weil wir allein für uns verantwortlich sind. Ja, in Erwartung von Gottes Hilfe.

Himmlisches Schaukeln

Mitten in einem dieser kalten Tage, die manchmal warm sind und manchmal sonnig, legen wir uns aufs Bett, beide müde. Wir liegen auf der Seite, und du hast deine Arme um mich geschlungen. Ich berühre dich an so vielen Stellen wie möglich, meistens geht es immer noch besser: mehr Fuß, mehr Bein, den Kopf so drehen, dass ich dich riechen kann und deinen Atem hören. Dann liegen wir still. Vielleicht zuckt schon irgendein Körperteil beim Einschlafen. Und dann fängt eine von uns an, ganz sacht hin und her zu wippen. Die andere nimmt die Bewegung auf. Wir schaukeln ganz leicht hin und her, in einem himmlisch-verträumten Takt. Das dauert höchstens drei Sekunden.

Gott hat mich nie gefragt, ob ich leben möchte. Jeden Tag wieder, fühlen, leiden, lachen, Dinge machen müssen. In vielen schaurigen Augenblicken zweifle ich. Jedoch, um dieses Momentes Willen: hätte sie es getan, die richtige Antwort wäre „Ja!“ gewesen.
 

Wem gehört die Zukunft?

Kämen die Kinder mit dem Klapperstorch, wären diejenigen im Vorteil, die ihr Leben umweltnah ausgerichtet haben. Viele Kinder würden in der Nähe wasserreicher Gegenden im Dreieck Spanien-Russland-Nordafrika zur Welt kommen.

Bekämen diejenigen Kinder, die reich sind, würden die USA und Europa aus allen Nähten platzen, und der viele Reichtum auf der Welt würde umverteilt werden: es wäre nicht mehr sehr viel Geld auf sehr wenige Menschen verteilt, sondern Viele hätten mehr.

Bekämen solche Leute Kinder, die immer ihren eigenen Vorteil suchen und lieber besitzen als teilen, die ihre Zeit und ihre Energie für sich ganz alleine haben wollen – sie hätten sicher traurige Kinder.

Wer bekommt aber nun wirklich Kinder?
Diejenigen, die begehren, die zusammen sein wollen, die fühlen wollen und dafür Selbstschutz und Schüchternheit ablegen. Diejenigen, die nicht nur denken, sondern auch einfach mal machen. Diejenigen, die sich komplett ausziehen vor einem anderen Menschen, körperlich und emotional. Diejenigen, die sich füreinander entschieden haben, die sich vertrauen, sich gegenseitig öffnen, annehmen, die sich trotz-alledem gegenseitig mögen. Diejenigen, die Verantwortung füreinander übernommen haben, zusammengezogen sind, geheiratet haben. Kinder kommen aus den Bäuchen von Frauen. Kinder kommen in Häuser, wo die Liebe ist. Wer liebt, der gehört die Zukunft.

Nicht dickes, sondern braunes Fell

In einem kleinen Bergdorf wohnten vor langer Zeit einige hundert Dorfbewohnerinnen. Das Besondere an dem Völkchen war, dass sie sich nicht nur von Brot, Wasser und Luft, sondern auch von einer Gabe nährten, die ihnen der Himmel geschenkt hatte. Das waren braune Felle aus allerweichstem, aber sehr haltbarem Material. So ein Fell hielt in den rauhen kalten Jahreszeiten, so wie sie jetzt gerade beginnen, warm, und schützte gegen den eisigen Wind. Es gab sehr viel mehr solche Felle als es Einwohnerinnen gab. So ein Fell blieb aber nie lange im Besitz einer Bewohnerin, denn die Felle besaß man eigentlich nicht. Man bekam eines von einer Nachbarin, Bekannten oder Freundin geschenkt, wenn man sie traf, und schenkte gleichzeitig sein eigenes Fell her. So gab es einen ständigen Austausch der Felle, und jede Beschenkte bekam durch das Geben und Nehmen ein wunderschönes Gefühl im Herzen.

Eines Tages jedoch dachte jemand: „Warum soll ich eigentlich meine wertvollen Felle einfach so verschenken? Ich habe es so schwer im Leben. Wenn ich recht überlege, habe ich immer mehr Felle verschenkt, als ich bekommen habe.“ Sie machte sich an die Arbeit, eigenes Fell herzustellen. Dieses Fell war weiß, ruppig anzufassen, hielt nicht warm und ging schnell kaputt. Diese Dorfbewohnerin fing an, die warmen Felle bei sich zuhause zu verstecken und zu sammeln und die weißen Felle auszuteilen. Andere merkten, dass das braune Fell rar wurde und taten es ihr gleich. Das Problem war, dass es das braune Fell nicht vertrug, lange ungenutzt zu lagern. Es schimmelte vor sich hin und wurde unbrauchbar. Die Bewohnerinnen fingen langsam an, zu frieren und zu darben, denn sie vermissten es, sich unbefangen und fröhlich in die braunen Felle zu schmiegen. Das traute sich jetzt keine mehr, denn dann würden die anderen sehen, dass sie welche besaß. Keine wollte zugeben, dass sie mit Schuld war an dem Verschwinden des braunen Fells.

Eine kleine Gruppe von Bewohnerinnen hatte das Problem erkannt. Sie versuchten, die anderen davon zu überzeugen, das braune Fell einfach wieder auszuteilen. Bei den meisten gelang ihnen das nicht. Sie saßen auf ihrer Kiste aus braunem Fell, eingewickelt in kalte, kratzige weiße Decken, mit stumpfen Augen und verleugneten, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Die Gruppe nahm alle braunen Felle, die sie finden konnte, und machte sich auf ins nächste Dorf, um die Bewohnerinnen dort vor einer ähnlichen Entwicklung zu warnen.

Ich bin ein Nachkomme von einer der Bewohnerinnen, die sich damals davongemacht haben. Es gibt heutzutage dieses himmlische greifbare Fell nicht mehr. Aber es gibt etwas Ähnliches, es ist weniger greifbar. Die Substanz des braunen Fells findet sich in Sätzen wie

-    „Wenn ich bei dir bin, fühle ich mich zuhause!“
-    „Du bist etwas ganz Besonderes für mich, weil…“
-    „Ich brauche deine Nähe, weil …“
-    „Ich mag an dir, dass …“
-    „Ich bin stolz auf dich, weil …“
-    „Vielen Dank, dass du … gemacht hast.“
 

Die drei Worte

„Ich liebe dich“? Was soll das denn heißen?! Na klar: alles Mögliche!

Liebesbekenntnis:
-    Da sind warme und starke Gefühle in meinem Herzen für dich.
-     Ich möchte dich Heiraten und Kinder von dir haben!
-    Du überraschst mich immer wieder, du bist ein toller Mensch!
-    Ich kann und will nicht mehr ohne dich leben!

Appell:
-    Ich möchte eine Partnerschaft mit dir eingehen!
-    Ich möchte mit dir schlafen!
-   Es tut mir leid. Ich hoffe, du bist nicht böse auf mich deswegen.
-    Bitte verlass mich nicht!
-    Was ich jetzt sagen werde, heißt nicht, dass du mir nicht wichtig bist.
-    Liebst du mich?

Alltägliche Kommunikation:
-    Tschüss, bis bald!
-    Na, Kleine, guck mal her!
-    Das war großartig.
-    Guten Morgen Sonnenschein!
-    Danke für dein Verständnis.

Ausflucht:
-    Kann ich doch nichts dafür, wenn ich eifersüchtig und besitzergreifend bin!
-    Hoffentlich kann ich dich damit um den Finger wickeln!

Sich selbst glücklich schätzen:
-    Toll, wie ich mich auf dich verlassen kann!
-    Ich bin stolz auf mich, weil ich dich habe.
-    Was für’n Tag! Ein Glück ist der vorbei, und du bist immer noch bei mir.
-    Zum Glück konnte ich das vor dir verbergen. Ich hab zwar ein schlechtes Gewissen, bin aber total dankbar, dass noch alles so ist wie vorher.

Wenn man mal in Film, Fernsehen und der eigenen Familie drauf achtet, kann man die Liste unendlich weiterführen. Vorschlag, wenn der Satz zu oft im Raum steht: mal die eigentliche Bedeutung aussprechen. Wenn nicht: unbedingt mal wieder sagen!

Warum so schweigsam?

Gabi war den ganzen Tag munter, so wie immer. Sie lacht mit Klaus und erzählt viel. Aber auf einmal schaut sie ihn nicht an und schweigt. Sie jammert ab und zu über Schmerzen, oder sie beschwert sich über den langen Weg zur U-Bahn, über Kälte, Hunger oder Müdigkeit. Die anderen Menschen scheinen ihr nur auf die Nerven zu gehen. Anfangs hat Klaus Verständnis. Aber mit der Zeit fällt es ihm schwerer, Gabi nicht böse zu sein. Ist sie sauer auf ihn? Genügt er ihr nicht? Dabei ist er doch so freundlich zu ihr und versucht, es ihr recht zu machen! Gabi ist schlecht drauf, sie kann auch nur raten, warum. Anstrengender Tag, alles tut weh, alles ist furchtbar ermüdend. Mit Klaus hat das wahrscheinlich nichts zu tun. Trotzdem nimmt sie ihn kaum wahr. Es fühlt sich an, als sei sie in einem Nebel verloren, in dem Gabi nicht viel machen kann außer ihre Ruhe suchen.

Klaus ist auch manchmal in dieser Stimmung. Besonders Morgens ist es einfach toll, im Internet Fußballergebnisse nachzuschauen und YouTube nach neuen Gags zu befragen. Und es ist eigentlich bequemer, nicht zu sprechen und alleine zu frühstücken. Er weiß ja, es wäre irgendwie richtiger, für Gabi den Frühstückstisch zu decken und ihr zuzuhören, wenn sie von ihren Träumen und den Plänen für den kommenden Tag erzählt. Aber es geht jetzt einfach nicht. Gabi sieht ihren grummelnden, schweigenden Klaus an. Hat sie sich doch einen geangelt, einen "typischen Mann"? Hat sie es verdient, wie Luft behandelt zu werden?

Gabi und Klaus haben sich wegen solcher Szenen am Anfang gegenseitig viele Vorwürfe gemacht. Und auch heute ist es nicht leicht, solch eine Laune des anderen auszuhalten. Aber wenn Gabi sagt: "Es hat nichts mit dir zu tun!", dann versucht Klaus insgeheim die Belastungen zu sehen, die es Gabi schwer machen. Und wenn Klaus sagt: "Ich kann dir jetzt nicht mehr zuhören", dann denkt Gabi an all die Dinge, die sie machen kann, wenn sie nicht mit Klaus redet, um ihm die Zeit für sich gönnen zu können. Manchmal wissen wir doch selbst nicht, was mit uns los ist. Manchmal werden wir uns selbst zur Last. Das Beste, was die Liebste dann tun kann, ist: nicht noch einen Zentner zusätzlich draufzupacken.

Das erwartungsvolle Schweigen

„Würd’st du mich wirklich lieben, dann wüsstest du genau, wie ich gerade fühle und was ich wirklich brauch’.“ Diese Zeile singt Annett Louisan in ihrem Lied „Ausgesprochen Unausgesprochen“. Laut Lousian kann man das, was die andere braucht, am Schweigen ablesen, am verzogenen Gesicht, an der Körpersprache, am aggressiven Blick. Wie "gut" das funktioniert, zeigen uns Gabi und Klaus.

Klaus ärgert sich mal wieder über Gabi. Sie kommt von der Arbeit heim, gibt Klaus einen Kuss, und fragt gleich, ob es etwas zu essen gibt. Sie schaut in den Kühlschrank. Klaus schaut ihr dabei zu und ist sehr genervt. Er hat die Wohnung
geputzt, Essen gemacht und den Rasen gemäht. Beim Einkaufen wurde er von der Kassiererin unfreundlich behandelt. Er seufzt laut, als Gabi das Essen aus dem Kühlschrank nimmt und es sich in der Mikrowelle aufwärmt. Gabi fragt ihn: „Ist alles in Ordnung, Schatz?“ Klaus sagt nichts. Gabi zuckt mit den Schultern, legt sich mit der Zeitung in der Hand auf die Couch und beginnt zu essen. Diese Szene dauert zwanzig Minuten. In Klaus brodelt es. Gabi weiß doch, was er braucht! Warum nur, warum, enthält sie es ihm vor? Stattdessen sitzt sie auf der Couch und widmet ihm keinen Blick. Gabi bemerkt, dass Klaus angespannt ist und mit den Augen rollt. Das geht ihr auf die Nerven, weil Klaus nicht mit der Sprache rausrückt. Und um weiter nachzubohren, fehlt nach dem langen Arbeitstag einfach die Energie. Was weiter? Die beiden schweigen sich an und gehen sich aus dem Weg, bis es zu einem großen Krach kommt. Klaus macht Gabi Vorwürfe. Gabi fällt aus allen Wolken und fühlt sich angegriffen. Sieht Klaus denn nicht, dass sie (mindestens!) genauso viel in die Beziehung investiert wie er? Im Job war’s heute auch butal!
 
Gabi weiß zwar, was Klaus braucht. Dasselbe wie sie selbst und alle anderen Menschen auch: Bestätigung, Aufmerksamkeit, Dankbarkeit, Anerkennung und Trost. Sie weiß aber nicht, wie; sie weiß nicht, wann; und sie weiß nicht, warum. All das muss Klaus ihr sagen.

Warum rückt Klaus nicht gleich mit der Sprache raus? Erstens: weil er sich als Junge eine Liebesbeziehung anders ausgemalt hat. Wer sich wirklich liebt, versteht sich ohne Worte!  Diese Vorstellung nimmt Lousian in ihrem Lied so nett aufs Korn. Zweitens: weil Klaus sich schämt. Welcher anständige Mann braucht z.B. schon
-    Anerkennung dafür, dass er leichte und selbstverständliche Hausarbeiten erledigt hat?
-    Trost, wenn er etwas Beängstigendes geträumt hat?
-    Beistand, weil er das Hemd bald durchgeschwitzt hat und alle das sehen werden?

Das nächste Mal sagt Klaus also: „Ich bin sehr angespannt. Heute hat mich die Kassiererin genervt. Nimm mich mal in den Arm.“ Klaus erzählt die Geschichte. Gabi legt die Arme um ihn und tröstet ihn. Dann sagt Klaus: „Ich habe geputzt. Und das Essen habe ich frisch gekocht, weil du das so gerne hast. Und den Rasen gemäht habe ich auch.“ Gabi sagt: „Den Rasen habe ich gar nicht gesehen. Aber das ist eine wichtige Arbeit. Das hast du ganz toll gemacht. Die Wohnung glänzt ja richtig. Und über das Essen freue ich mich sehr.“ Klaus ist froh, weil er alles gern gemacht hat, und nun noch ein Kompliment bekommen hat.

Auch Gabi muss, um die sehr benötigte Hilfe von Klaus zu bekommen, ihre Scham überwinden. Welche anständige Frau braucht z.B. schon
-    Anerkennung dafür, den Arbeitstag überstanden zu haben, der sie innerlich so aufgekratzt hat (besonders an bestimmten Tagen)?
-    Unterstützung, wenn sie vor einem Essen mit Freunden in Stress gerät?
-    Trost, wenn ein Kloß im Hals sitzt, und sie nicht weiß, weshalb?

Die beiden überwinden sich immer öfter, und sagen sich gegenseitig, was sie geleistet haben, um Anerkennung zu ernten. Oder sie sagen sich, dass sie Unterstützung brauchen, wenn sie sich überfordert fühlen. Sie entwickeln auch einige Rituale: Wer gekocht hat, bekommt prinzipiell ein Lob oder Dankeschön, bevor gegessen wird. Klaus denkt zwar immer noch, dass er eine anspruchsvolle Frau zuhause hat. Aber er weiß auch, dass Gabi sieht, was er für sie tut, weil er es ihr sagt und sie ihm Anerkennung dafür gibt.

Wir sind alles kleine Narzistinnen, Prinzessinen und Helden. Wir wollen gesehen werden in unseren Anstrengungen und unserem guten Willen. Liebende enthalten sich gegenseitig nichts vor: „Bittet und ihr werdet es bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet!“ (Matthäus 7, Vers 7 und 8). Gedanken lesen können jedoch auch Liebende nicht.
 
 

Vergeben

Du – in meiner Wohnung
Du – an meinem Tisch
Du – in meinem Bett

Wie du brennst
Unter meiner Haut
In meinem Herzen!

Plötzlich ein Bild:
Du, verschwunden. Du, tot.
Nicht mehr an meiner Seite,
Nicht mehr mir gegenüber,
Nie wieder deine Lippen, deine Hände
Auf meinen.

Es ist die Liebe, die mich warnt
Vor der Schlagkraft ihrer selbst.
Sie tut es vergebens.

Meine Tränen des Glücks sind daher auch
Tränen der Traurigkeit über die, die ich von nun an
Ohne dich bin.
 

Die Wut

Die verzwickteste Situation in einer Beziehung ist, wenn beide wütend aufeinander sind. Im Horrorstreifen „28 days later“ werden die Menschen mit dem Wut-Virus befallen. Es wird eindeutig dokumentiert, dass Wut aus uns willenlose Monster macht, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre Lieben in viele Stücke zerteilen. So weit kommt es im wahren Leben zum Glück nicht oft. Aber wer schon einmal richtig wütend war und Dinge getan hat, die sie hinterher bitter bereut hat, weiß, wovon hier die Rede ist. Als Erste-Hilfe-Programm schlage ich also vor: Abstand nehmen und später eine Entschuldigung anbringen.

Es ist für auf Harmonie bedachte Pärchen, die sich sehr nahe sind, schwer, eine Auszeit zu nehmen. Es passt nicht zum Bild, das sie sich von ihrer Beziehung gemacht haben. Oder für die Intellektuellen, die denken, dass sich durch gute Argumente alle Wut und Verletzungen auflösen lassen. Die Erfahrung zeigt: weder Harmoniebedürfnis noch Argumente helfen weiter, wenn es im Innern brodelt.

An dieser Stelle wird es Zeit, Gabi und Klaus vorzustellen. Wir haben die beiden 1991 durch Die Prinzen kennen gelernt. Gabi und Klaus stehen für zwei Liebende. Es könnten auch Dieter und Klaus oder Gabi und Eva sein. Gabi und Klaus zoffen sich also. Sie werden laut dabei, sie argumentieren, sie verstehen sich nicht, sie werden immer verzweifelter. Da denkt Gabi an die Streit-Erste-Hilfe. Sie sagt zu Klaus: „Ich brauche eine Pause“. (Das kommt sicher besser an als „Mit dir ist es ja nicht auszuhalten!“ -Türknallen-)

Diejenige, die zuerst runterkommt von ihrer Wut, macht den ersten Schritt. Sagen wir, Gabi konnte etwas Abstand gewinnen. Sie war nach dem Streit spazieren und hat im Park ein gutes Buch gelesen. Außerdem hat sie sich an Momente erinnert, in denen Klaus sie bezauberte mit seinem Humor, seinem Charme und der kleinen Zahnlücke. So ausgerüstet geht sie zu Klaus. (Wären die beiden christlich verheiratet, würde sie die Traukerze anzünden als Zeichen der Versöhnung.) Klaus sitzt noch traurig, wütend und bockig auf der Couch. Gabi seufzt innerlich. Das wird nicht leicht werden. Klaus wiederholt seine Vorwürfe vom Streit. Jetzt bekommt Gabi ein Problem: sie fand ihr Verhalten trotz allem Mitgefühl Klaus gegenüber richtig und würde es genauso wieder machen. Sie könnte ja sehen, dass sie ihn damit nicht verletzen wollte! Er kennt sie doch, und müsste wissen, dass sie es nicht so meint! Leider fühlt sich Klaus nach wie vor angegriffen, trotz Vertrauen und Nähe, sein Brustkorb fühlt sich eng an, im Körper ist Aufruhr, und er weiß sich nicht anders zu helfen, als anzuklagen. Gabi leidet ein bisschen mit Klaus mit, weil es ihm offensichtlich nicht gut geht.

Schritt zwei: Gabi sagt jetzt einfach mal „Es tut mir leid!“. Sie kann all die Dinge sagen, von denen sie weiß, dass sie Klaus gut tun. Sie weiß ja: ist er wieder versöhnt, wird es für sie auch schön, sie wird als Retterin der Situation dastehen. Aber im Moment muss sie ihm helfen, über seinen Schatten zu springen. Also sagt sie: „Klaus, ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Du zitterst sogar ein bisschen. Du fühlst dich sehr angegriffen von mir. Du hattest heute einen anstrengenden Tag, und als ich XY gesagt / getan / unterlassen habe, bist du traurig / wütend geworden, weil dir XX wichtig ist, und du das bedroht sahst. Es tut mir leid, dass das heute alles so gelaufen ist.“ Während Gabi so spricht, wird das Herz von Klaus leichter, der Kopf wird freier. Er fühlt sich verstanden, er sieht wieder die Gabi, die er liebt. Selbst wenn Gabi ihm das nicht sofort ansehen kann: er gewinnt infolge dessen die Kapazitäten zurück, sich ihr wieder zuzuwenden.

Verlassen wir die beiden. Es kann sein, dass die Szene noch lange dauert, weil es Klaus sehr schlecht geht. Oder die beiden müssen sogar die Rollen tauschen, weil die Wut von Gabi noch einmal hoch kommt. Wünschen wir ihnen, dass sie am Ende die Sache geklärt haben und sich in den Armen liegen.

Ich behaupte, ein „Es tut mir leid“ von Gabi muss nicht heißen, dass sie es das nächste Mal anders machen würde. Die Hauptsache ist, dass sie das Problem von Klaus versteht. Denn sie können einander zu nichts zwingen, und sie brauchen es auch nicht. Liebe gibt sich freiwillig hin. Wenn der Wut-Virus nicht dazwischen kommt.
 
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