Nicht-Wissen als Kultur
Ja, jetzt bekommen alle Menschen Herzrasen. Nicht-Wissen. Es wird mit Unwissen gleich gesetzt, und im Prinzip erhebt sich jeder über jeden, weil er denkt, mehr zu wissen. Der Chef über den Angestellten und der Westen über die Drittweltländer. Wir leben doch in einer Wissensgesellschaft! Wenn wir etwas können und wollen, dann Wissen produzieren und verbreiten! Und wenn wir etwas nicht wissen, macht uns das ganz wuschig, und wir fühlen uns hilflos und klein. Früher gab’s dafür schlechte Noten. Heute hat man Angst vor sozialer Blamage.
Ich plädiere hiermit für eine gesunde Kultur des Nicht-Wissens. Ich fand es immer schon total prickelnd, dass wir über diesen ominösen Gott nichts wissen. Oder über den Ursprung des Universums. Dass es an der Uni keine richtig befriedigende Theorie gab, weil jede von ihnen an den Enden ausfaserte in den Bereich des Nicht-Wissens. Die Grenzen der Forschung, das Nicht-Wissen der westlichen Wissenschaft, wird uns immer begleiten. Wir werden niemals alles wissen über uns selbst und die Welt. Und vor allem nicht: über Zukunft und Vergangenheit und hier besonders: die Zukunft.
Was wird gleich passieren? Was heute Abend, was morgen, was in fünf, in zehn Jahren? Wir legen auch hierfür Pläne an. Ehe, Kinder, Beruf, wir scheinen genau wissen zu müssen, wann wir was wollen, und wofür wir zu kämpfen und Weichen zu stellen haben. Mag der mich? Bin ich schwanger? Macht mich dieser Job wirklich so erfolgreich, wie ich sein will?
Viel zu sehr beschäftigen wir unseren Kopf mit solchen Fragen. Der Verstand schneidet alles messerscharf und rennt dabei um 1000 Ecken wie ein verängstigtes Hündchen. Nur - unser Körper, unsere Seele und unser spirituelles Dasein, sie kommen nicht hinterher. Und vor allem kommen sie nicht zu Wort. Würden wir zuhören, würden sie uns sagen:
Die Dunkelheit brauchen wir genauso sehr wie das Licht. Im Licht betrachtet sind alle Konturen da, was da ist, wird genau beleuchtet. Im Verborgenen jedoch liegt die ganze Fülle der Möglichkeiten. Alles findet in der Dunkelheit Raum, zu werden und zu wachsen. Uns ängstigt, dass wir die Kontrolle über die Dunkelheit nicht haben. Jede von uns ist aber nur ein Teil im wunderbaren Tanz des Universums. Es ist lächerlich zu glauben, dass wir alles kontrollieren können, alles erreichen können, was wir wollen. Das müssen wir auch nicht! In unserem Körper, in unseren Beziehungen zu anderen Menschen und zur Mutter Welt können wir alles finden, was wir brauchen: Nahrung, Ruhe, Dankbarkeit, Sammlung, Kraft und Freude am Leben. Fühle die Gravitation, wie stark sie dich hält. Fühle dein Herz schlagen, fühle wie dein Atem in dir atmet. Das ist alle Gewissheit, die wir brauchen. Wir leben, in Dunkelheit und Licht, wir können nicht alles wissen, aber alles, was uns wirklich angeht, können wir mit unseren Sinnen begreifen, können wir mit unserem ganzen Sein er-leben.
Ich muss jetzt weg, an einem Pfirsich schnuppern.