Nicht dickes, sondern braunes Fell

In einem kleinen Bergdorf wohnten vor langer Zeit einige hundert Dorfbewohnerinnen. Das Besondere an dem Völkchen war, dass sie sich nicht nur von Brot, Wasser und Luft, sondern auch von einer Gabe nährten, die ihnen der Himmel geschenkt hatte. Das waren braune Felle aus allerweichstem, aber sehr haltbarem Material. So ein Fell hielt in den rauhen kalten Jahreszeiten, so wie sie jetzt gerade beginnen, warm, und schützte gegen den eisigen Wind. Es gab sehr viel mehr solche Felle als es Einwohnerinnen gab. So ein Fell blieb aber nie lange im Besitz einer Bewohnerin, denn die Felle besaß man eigentlich nicht. Man bekam eines von einer Nachbarin, Bekannten oder Freundin geschenkt, wenn man sie traf, und schenkte gleichzeitig sein eigenes Fell her. So gab es einen ständigen Austausch der Felle, und jede Beschenkte bekam durch das Geben und Nehmen ein wunderschönes Gefühl im Herzen.

Eines Tages jedoch dachte jemand: „Warum soll ich eigentlich meine wertvollen Felle einfach so verschenken? Ich habe es so schwer im Leben. Wenn ich recht überlege, habe ich immer mehr Felle verschenkt, als ich bekommen habe.“ Sie machte sich an die Arbeit, eigenes Fell herzustellen. Dieses Fell war weiß, ruppig anzufassen, hielt nicht warm und ging schnell kaputt. Diese Dorfbewohnerin fing an, die warmen Felle bei sich zuhause zu verstecken und zu sammeln und die weißen Felle auszuteilen. Andere merkten, dass das braune Fell rar wurde und taten es ihr gleich. Das Problem war, dass es das braune Fell nicht vertrug, lange ungenutzt zu lagern. Es schimmelte vor sich hin und wurde unbrauchbar. Die Bewohnerinnen fingen langsam an, zu frieren und zu darben, denn sie vermissten es, sich unbefangen und fröhlich in die braunen Felle zu schmiegen. Das traute sich jetzt keine mehr, denn dann würden die anderen sehen, dass sie welche besaß. Keine wollte zugeben, dass sie mit Schuld war an dem Verschwinden des braunen Fells.

Eine kleine Gruppe von Bewohnerinnen hatte das Problem erkannt. Sie versuchten, die anderen davon zu überzeugen, das braune Fell einfach wieder auszuteilen. Bei den meisten gelang ihnen das nicht. Sie saßen auf ihrer Kiste aus braunem Fell, eingewickelt in kalte, kratzige weiße Decken, mit stumpfen Augen und verleugneten, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Die Gruppe nahm alle braunen Felle, die sie finden konnte, und machte sich auf ins nächste Dorf, um die Bewohnerinnen dort vor einer ähnlichen Entwicklung zu warnen.

Ich bin ein Nachkomme von einer der Bewohnerinnen, die sich damals davongemacht haben. Es gibt heutzutage dieses himmlische greifbare Fell nicht mehr. Aber es gibt etwas Ähnliches, es ist weniger greifbar. Die Substanz des braunen Fells findet sich in Sätzen wie

-    „Wenn ich bei dir bin, fühle ich mich zuhause!“
-    „Du bist etwas ganz Besonderes für mich, weil…“
-    „Ich brauche deine Nähe, weil …“
-    „Ich mag an dir, dass …“
-    „Ich bin stolz auf dich, weil …“
-    „Vielen Dank, dass du … gemacht hast.“
 

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