Lieben lernen

So viele Jahre probt man sich an der Liebe: man flirtet, man küsst, man definiert etwas als Beziehung, und irgendwann zerbricht der Kontakt zu einem ehemals geliebten Menschen, und alles geht von vorne los. Mit einem Unterschied: eine weitere Enttäuschung ist angehäuft, und eine weitere Ex-Partnerin, mit der man bittersüße Erinnerungen verbindet. Muss das so sein?

Paare, die zusammen bleiben, leiden entweder still vor sich hin, betrügen und entfremden sich, oder sie haben eben wahnsinniges Glück gehabt. Ist das wirklich so?

Glücklich zu sein an der Seite eines Menschen, verlangt -ebenso wie das glücklich sein im Allgemeinen- eine Persönlichkeit, die zu Glück fähig ist. Einen speziellen Menschen lieben zu können, über lange Zeit hinweg, verlangt, lieben zu können im Allgemeinen, über lange Zeit hinweg. All das, was man können muss in einer Partnerschaft, ist in einer reifen Persönlichkeit entwickelt. Natürlich sind gerade junge Menschen noch keine reifen Persönlichkeiten. Sie sind Anfängerinnen in der Liebe. Liebesfähigkeit kann aber gelernt werden, ob mit oder ohne Partnerin.

Zum Lieben können gehört: 

- Sich Sehnen. Wenn mein Herz gesagt hat, es braucht einen Menschen, dann weiß ich das auch. Wenn meine Hand sich gesehnt hat nach einer anderen, die sie nimmt, dann weiß ich, was ich möchte, und ich weiß, dass ich angekommen bin, wenn ich diese Hand gefunden habe. Was man sich ersehnt, ist individuell, und man muss meistens einige Fehlversuche hinnehmen auf der Suche danach. Hat man es aber wirklich gefunden, steigt der Glückspegel und hält sich auf hohem Niveau. Altmodische nennen das tiefe Dankbarkeit.

- Einen Menschen als Ganzes sehen. Nicht nur den Teil, den ich attraktiv finde. Das Handeln eines Menschen hat nicht immer mit mir zu tun, sondern mit seiner Geschichte. Weint jemand, weint sie vielleicht nicht, weil ich ihr wehgetan habe, sondern weil sie sich an alte Verletzungen erinnert fühlt. Was eine Person tut, sagt mehr über sie aus als über mich. Deshalb tut man gut daran, sich nicht sofort angegriffen zu fühlen und den Menschen abzustempeln als "zickig" oder "gefühllos", sondern sich erst mal in Ruhe anzusehen, was sie macht, und es dann zu verstehen versuchen. Altmodische nennen das Demut.

- Platz machen im eigenen Leben. Man möchte beruflichen Erfolg, viele Freunde, alle Hobbies und Ehrenämter ausleben und in die Welt reisen. Außerdem möchte man ganz viele Dinge nicht tun, besonders eines: verzichten. Es ist aber mit der Liebe so wie mit allem anderen auf der Welt: möchte man etwas, sollte man bereit sein, etwas anderes dafür herzugeben; Zeit und Energie sind hier zwei wichtige Güter. Eine Partnerin verändert die eigene kleine Welt! Bin ich furchtlos genug, mir das wirklich zu wünschen?

- Geben. Letztlich sind wir für die anderen Menschen da und nicht für uns allein. Ein liebender Mensch fährt Antennen aus: wo und wie werde ich gebraucht? Wo und wie werde ich von einem Menschen gebraucht, den ich liebe oder lieben möchte? Natürlich soll sich keiner verbiegen. Man kann nur das geben, was man auch besitzt. Aus der Quelle der Liebe können wir zum Glück alle schöpfen, aber was genau wir herausfischen, ist unterschiedlich. Aufmerksamkeit und Mitgefühl sind alte Klassiker.

Wer sitzt am längeren Hebel, wenn es darum geht, einen Menschen zu lieben? Nicht die andere mit ihren Fehlern und Häßlichkeiten. Sondern ich.

Noch kein Feedback

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Kannst du "Liebe" schreiben?
antispam test
free blog themes