Demos in Ägypten

Es ist ganz bewegend, bezaubernd, beängstigend, wie hier ein Volk, dass 30 Jahre lang zugeschaut hat, gegen die Dauerherrschaft von Hosni Mubarak aufbegehrt. Er ist angetreten in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, 1981. Er hat nicht, wie er anfangs versprach, die Regierungszeit des Präsidenten begrenzt, er hat keinen Nachfolger benannt im Falle seines Todes - er ist immerhin schon 82 Jahre alt. Die Wirkung der Notstandsgesetze wurde eben um 2 Jahre verlängert; der Staat kann verhaften, einbuchten und foltern, wen er möchte und solange das für ihn nützlich ist. Die Menschen haben zu kämpfen gegen die blanke Angst, niedergeprügelt zu werden und keine Unterstützung zu erhalten, nicht von ihren Landesschwestern und schon gar nicht vom Ausland. Die USA und Europa unterstützen Mubaraks Regime: immerhin hält er islamistische Kräfte in Schach. Naja so einigermaßen. Die ein oder andere Bombe in einem Touristenzentrum oder in einer christlichen Kirche geht trotzdem hoch.

Erstaunlicherweise organisieren sich die Demonstranten nicht vorrangig über eine Partei oder einen Führer, sondern über soziale Medien wie Facebook und Twitter. Das weiß auch das Regime - heute Abend sind Facebook (We are all Khaled Said) und Twitter gesperrt, sms können nicht mehr geschrieben werden, in manchen Stadtteilen geht einfach das Licht aus. Eine anerkannte Internet-Zeitung (Al Masry Al Youm, auf englisch, lest sie!) gibt Tipps, wie man sich auf Demonstrationen so verhält, dass Polizeigewalt weitgehend verhindert oder die Gefahr gemildert werden kann.

Eine ägyptische Bekannte, eine junge Tanzlehrerin geht auf die Straße, um zu protestieren; eine weitere Ägypterin, eine junge Mutter, ist einfach nur genervt und will, dass die Straßenblockaden aufhören. Eine Dänin feiert munter und zieht durch die Stadtteile; eine Italienerin geht mit Protestieren, eine deutsche Mutter hat schon den Benzintank aufgefüllt, um sich startklar Richtung Flughafen zu machen.

Unsere Familie mittendrin. Wir verlassen seit dem Dienstag unseren Stadtteil nicht mehr. Meinem Gast ist sight-seeing nicht möglich. Wir gehen mit meinem Sohn in die Parks und Cafés im Stadtteil. Wunderschöner Sonnenschein und Kaffee am Vormittag, am Nachmittag die Neuigkeiten im Internet, meist über Proxy, verfolgend: wie viele sind es jetzt? Zehntausende. Wer schaltet sich ein? El Baradei und die Muslimbrüder wollen morgen mit dabei sein. Wie viele Tote gibt es? Sieben. Was wurde bisher angezündet? Eine Polizeistation in Suez.

Sie wollen nicht aufhören, auf die Straße zu gehen, bis Mubarak das Land verlässt; bis er verspricht, weder sich noch seinen Sohn zur Wiederwahl zu stellen. Sie wollen einen Mindestlohn, demokratische Wahlen und eine limitierte Amtszeit des Präsidenten.Wir schauen nur zu von unserem Reichen-Stadtteil aus, es ist deren Kampf, der Kampf der hungernden und unterdrückten Ägypter. Niemand weiß, was auf politischer Ebene passieren wird, und wie lange es dauern wird, bis die Leute aufhören, zu demonstrieren, und aus welchem Grund sie aufhören werden.

Nichts deutet darauf hin, dass unsere Familie in Gefahr geraten wird. Ich weiß, dass zwei Kilometer von meinem Haus entfernt Steine geworfen und Demonstranten verprügelt und mit Tränengas gequält werden, und das auf der anderen Seite blutjunge, müde Männer in der Uniform stecken, die sofort die Seiten wechseln würden, wenn sie damit nicht ihre Lebensgrundlage gefährdeten.Also liebe Freunde und Verwandte: wenn ihr bange sein wollt und angespannt, dann nicht unseretwegen, sondern wegen dem ägyptischen Volk, das sich nach 30 Jahren Dulden und Hinnehmen seine Angst überwindet und nach dem tunesischen Vorbild seine Stimme erhebt.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Wir sind Umweltwesen. Definieren unsere Identität über soziale Beziehungen. Und werden, je nachdem welche Schule man fragt, auch ein bißchen bis völlig von den Sternen/ dem Mond/ der Sonne beeinflusst.

Wie beeinflusst es uns Ex-Pats denn, wenn zwischen den Jahren auf einmal die Sonne bei 20 Grad scheint?

Prinzipiell ist einem sommerlich zumute, weil die Bäume grünen. Sagen Gäste aus Deutschland. Ich selbst fühle mich winterlich wie die Ägypter, bin schon akklimatisiert. Aber stellt euch Folgendes vor:

Ein Tag zwischen den Jahren. Die lieben Verwandten sind zurückgekehrt nach Hause. Stille im Haus nach der weihnachtlichen besinnlichen Stille. Der Mann arbeitet. Ich selbst habe frei. Es ist kalt in der Wohnung. Bin traurig. Ziehe meinen dicken Mantel an, um das Kind aus dem Kindergarten zu holen.

Da strahlt mir aus grünen Bäumen die Sonne ins Gesicht. Die Luft scheint klar, die Müllverbrennungs-Wolken sind wohl in eine andere Richtung gezogen. Ein energiegeladenes Lied meiner Lieblingssängerin klingt in meinem Ohr. Die Vögel zwitschern. Ich fühle mich wie Ostern, und das zwei Tage nach Weihnachten. Da wird mir klar, was ich euch schreiben muss: ihr denkt nur, dass es jetzt Winter ist, und mindestens zwei Monate lang bleiben wird. In Wahrheit scheint die Sonne. In Wahrheit ist, wenn eine Träne fällt, woanders die Welt voller Kinderlachen. Deutscher Winter ist gleichzeitig Sonnenschein und 20 Grad in Ägypten. Ort und Zeit begrenzen uns, weil unser Hirn nur verarbeitet, was es gerade an Informationen bekommt. 

Warum gibt es Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Fasnacht, Hochzeitstage, Jubiläen? Aus dem einzigen Grund, weil, wenn wir keine Pause vom Feiern machten, wir das Feiern nicht mehr als Feiern würdigen könnten. Wenn wir einen andauernden Zustand des Glücks als solchen erkännten, gäbe es diese Tage nicht: dann wäre das ganze Leben ein Fest.

Das Glück ist wirklich nur ein Steinwurf weg, ein Paralleluniversum voller Glück schwebt einen Millimeter von unserer Haut entfernt mit uns durchs Leben. Wir könnten es sehen, wenn wir es wollten. Wenn wir mit der Vergleicherei aufhörten und sähen, was uns geschenkt ist.

Also, ein für alle Mal: hier scheint die Sonne, haltet durch, sie kommt bald wieder zu euch. Und wenn euch das zu lange dauert, dann kommt hergeflogen und besucht uns in Ägypten. 

Das Land, in dem ich wohne

Ich lebe in einer Stadt, die das ganze Jahr über warm ist, und meistens heiß. Es ist ein geltendes Grundgesetz, dass jemand, der unterwegs ist, jederzeit und überall nach Wasser fragen kann, und es dann umsonst bekommt. Die Reicheren stellen dafür auch Wasserspender auf die Straße. Manche Monate über, in der Fastenzeit, werden diese Spender aber tagsüber nicht benutzt. Dann trinken alle gesunden Menschen, die nicht schwanger sind und nicht stillen, kein Wasser, und nehmen keine Nahrung zu sich, solange die Sonne scheint. In wenigen Tagen fängt eine dieser Zeiten an. Die Sonne scheint lange. Deshalb wird die Uhr lieber nochmal eine Stunde zurückgestellt.
 
In dieser Stadt sind die Haare vieler Frauen bedeckt, und die Arme und Beine der meisten Frauen. Auf der Straße wird sich ein Paar niemals öffentlich Küssen, und auch an der Hand halten sie sich selten. Dafür sieht man oft Männer miteinander Hand in Hand gehen. Die Frauen sollen die Männer davor schützen, dass die Hormone mit ihnen durchgehen.
 
Ich lebe in einer Stadt, in der es mehrmals täglich aus der Moschee tönt und viele Männer niederknieen, um zum barmherzigen Gott zu beten. Sie möchten gute Menschen sein und das Richtige tun, und werden fünf mal am Tag daran erinnert! Vielen ist das so wichtig, dass sie so lange niederknien, bis sie eine blaue Stirn haben.
 
Ich lebe in einer Stadt, in der Eltern sehr unter Druck stehen, viel Geld zu verdienen, damit sie ihre Kinder auf eine gute Schule schicken können. Sie möchten, dass ihre Kinder viel lernen, und die staatlichen Schulen sind dafür keine gute Grundlage. Um gut lesen und schreiben zu lernen, lernen die Kleinen dort Suren aus dem Koran auswendig. An den ausländischen Privatschulen ist das anders. Die deutschen Schulen sind hoch angesehen.
 
Weil ich anders aussehe als die meisten in diesem Land, provoziere ich alle möglichen Reaktionen bei den Menschen hier. Die meisten Männer, und hierbei ist es egal, ob sie alt oder jung sind, ob sie Uniform tragen oder nicht, glotzen mich an. Manche pfeifen mir hinterher und glotzen mir auf die Oberweite. Oft kommen Kinder zu meinem Sohn gelaufen und fragen mich nach seinem Namen. Viele Frauen und Männer wollen Fotos von ihm machen, weil sein Haar und seine Haut so hell sind. Die Regierung denkt über ein Antidiskriminierungsgesetz zugunsten der Frauen nach.
 
In dem Land, in dem ich wohne, können Männer nur heiraten, wenn sie das nötige Kleingeld haben, der Frau eine Wohnung zu bezahlen. Dafür würden die meisten Frauen verständig nicken, wenn der Mann ihr nahelegen würde, nur mit sehr gutem Grund und weitestgehend bedeckt das Haus zu verlassen.
 
Ein Artikel in einem Magazin einer großen Uni der Stadt, in der ich wohne, erörtert, ob Jungfräulichkeit noch wichtig ist heutzutage. 
 
In der Stadt, in der ich wohne, geschieht nichts ungesehen. Es wird deshalb praktisch nichts geklaut. Deshalb, und weil der Anstand es gebietet. Mein Sohn könnte nicht so leicht vor ein Auto rennen. Es wären genug Leute da, ihn daran zu hindern.
 
In dem Land, in dem ich wohne, kämpft kaum jemand allein mit dem Alltag. Die Familie wärmt und schützt, umgibt jede Einzelne, was eine tut, bleibt nicht ohne Wiederhall. Die Kinder fühlen sich sehr verantwortlich für die Eltern und umgekehrt, die Geschwister füreinander, bis ins Alter hinein. Kaum jemand wohnt allein. Man bleibt in seiner Ursprungsfamilie oder gründet eine neue. Junge Menschen wissen: ich werde die Zukunft mit meinem Ehepartner verbringen. Als Frau: ich werde Kinder bekommen und meiner Familie ein gutes Heim geben. Als Mann: ich werde eine Frau und Kinder haben und sie gut versorgen. Wie viele Jahre gehen in meinem alten Heimatland drauf, bis man sich durchgerungen hat, einen der eintausend möglichen Wege zu gehen!
 
Wie ist das in deiner Stadt? Und wie war es dort, bevor deine Eltern geboren wurden?
 
 

Joggen in Kairo

Crosstrainer ist ja dreimal die Woche, wie es sich für eine Gewohnheitssportlerin gehört, einfach nur stinklangweilig. Erst recht wenn der musikbegeisterte Mitbewohner, der einem die neuesten Tunes quasi auf den MP3-Player geladen hat, seit geraumer Zeit in einem anderen Land wohnt. Und in den Sportclub… wie lange habt ihr mal einen Sport drei Mal die Woche durchgehalten, zu dem man eine halbe Stunde Anreisezeit hat? Also dachte ich mir: durch Kairos Straßen joggen ist zwar hier allgemein als "nicht mehr ganz sauberes" Verhalten verpönt, aber es macht doch Spaß, ein bißchen verrückt zu sein.

Ich fing also damit an. Es war phantastisch. Die Straßen voller Hindernisse waren Straßen voller immer neuer Wendungen und Blickwinkel. Die gelangweilt glotzenden Soldaten konnten gar nicht schnell genug gucken, und ich konnte mir aussuchen, ob ich schnell hinter ihrem Rücken vorbeiflitze oder sie durch frontales Auf-sie-zu-rennen verängstige. Muss man dafür geltungsbedürftig sein, oder sich noch an das Trotzden der Pubertät erinnern können? Ja klar! Aber darum geht es jetzt nicht. Die uniformierten, blutjungen Männer und ich hätten gerne die Aura getauscht: wie gerne hätten sie auffällig, sexy, anziehend und exotisch auf mich gewirkt, und wie gerne wäre ich unsichtbar für sie gewesen. Denn revolutionieren tut so eine Runde durch Zamalek nichts, es verfestigen sich nur die Vorurteile beiderseits. Vielleicht, mit etwas Glück, bedeutete die Runde etwas mehr Freiheit für mich, und für alle Frauen, die mich gesehen haben.

Aber weiter zum Erlebnis. Es ist wirklich sehr aufregend auf den Straßen Kairos. Wenn man einmal die zugestellten und aufgerissenen Straßen als Hindernisparcours angenommen hat, sieht man nur noch Herausforderungen, keine ärgerlichen Störungen mehr. Frühmorgens sind Fischer auf dem Nil unterwegs. Keine Handwerker, Geschäftemacher. Einfach arme Leute, die am verdreckten Nilufer wohnen und sich von Fischen ernähren, die zwischen Müll umherschwimmen. Regelmäßig kreuzen Marder meinen Weg. (Ich war gewillt, sie begeistert als Baby-Eichhörnchen zu bestaunene. Aber so rosa meine Brille dann doch nicht.)

Zamalek-spezifisch folgende Erscheinung: ein Hausangestellter mit einer Bulldogge mit Maulkorb. Ich sah ihn rechtzeitig, um die Straße zu wechseln. Ich hatte gedacht, die Ägypterinnen machen sich nichts aus Hunden. Aber wie Stephan immer sagt, „die Ägypterin“ gibt es nicht.

Mitten durch einen Pulk aus Schulmädchen mit Uniform: „What’s your name?“ Ob ich mit meinem Anblick den Kairoanern die „gute alte Zeit“ versaue, in denen dieses Viertel noch den Ägypterinnen gehörte? Die keinen Sport machen, und wenn, dann mit Kopftuch und ausschließlich im Sportclub an Frauentagen?

Ja, dieser neue Sport hat mich euphorisiert. Bis ich zwei Wochen später nach meinem Morgenlauf am Küchentisch saß und mich fühlte, als hätte ich drei Zigaretten hintereinander geraucht. Seitdem laufe ich nicht mehr durch Kairos Straßen. Es war ein kurzer Flirt, der mir einen Zugang zu einer Welt gewährt hat, in der ich bestimmt habe, wo es langgeht, und in dem ich mit den Hindernissen Kairos spielen konnte, statt sie immer nur als Belastung zu empfinden. Warum sind die Straßen selbst in den edelsten Vierteln so zerrissen? Die wichtigsten Verbindungswege zwischen den Menschen? Der „Campus“, ein Hochglanz-Hochschul-Magazin, vermutet, die Zerrissenheit der Gesellschaft hat sich in ihnen einen Spiegel geschaffen. Und keine aufkeimende Kühnheit einer Ausländerin kann sie kitten.
 

Regen in Kairo

Wow da war ja mal gar kein Feedback auf meine Frage. Und auch ich habe keine weiteren Ideen. Also schreibe ich weiter, ohne großes Konzept.

Neulich hat es hier geregnet. Ein paar Tropfen habe ich schon einmal erlebt, aber diesmal war es bestimmt eine halbe Stunde Regen, teilweise stark. Die Ägyter und Ägypterinnen auf der Straße standen staunend in den überdachten Ladeneingängen. Es war Zeit für meine Morgenrunde, also suchte ich einen Regenschirm und ging aus dem Haus. Unser Bawwab rief: "Nein, nein, Madame, tun sie das nicht!!!" (auf arabisch bzw. mit Zeichensprache), aber ich sagte, ich sei Deutsche (auf arabisch!!!) und spazierte lachend in den Regen. Ich fühlte mich auf einmal wie daheim. Die Luft war klar und ich konnte mich ganz im Umgehen der Pfützen verlieren. Eine typisch deutsche Fähigkeit! Dazu braucht es nämlich Regen und die Lust am Spazierengehen, beides keine ägyptischen Eigenschaften. Dafür die Rücksichtnahme der Autos: die Taxis witterten wie immer fette Beute, aber alle Autos fuhren ganz sanft an mir vorbei, um mich nicht nasszuspritzen. Im Café machte dann mein tropfender Regenschirm die Bedienung ganz nervös.

Das habe ich Kairo zu verdanken: dass ich mich aus tiefstem Herzen über den Regen freue und mich mit ihm auf eine fast schon verschwörerische Art verbunden fühle. Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar, dass ich hier nie einen Plan B entwerfen muss, wenn ich meinen Tag draußen verbringen will. Sonnenschein oder zumindest kein Regen sind hier das ganze Jahr über an der Tagesordnung.

Sichtweisen: vom Zauber des Alltags

Die Kirche, die ich im Beitrag vom 31.08. indirekt als koptische Kirche vorgestellt habe, hat sich als anglikanische "All saints cathedral" entpuppt, in dem sich u.a. ein internationaler Chor trifft. Ich nehme dies als Gelegenheit, zu sagen: ich bin absolut neu als Ex-Pat (englisches Kürzel für ex patriot = außerhalb der Heimat Lebende), neu im arabischen Raum, neu als Bloggerin, daher mache ich  haufenweise Fehler; man möge mir vergeben.
 
Es würde euch so gehen wie mir, würdet ihr hierher ziehen: Dinge erscheinen im Lichte meines deutschen Gehirns zunächst verstörend, widersprüchlich, fremdartig und unangenehm. Ich fühle mich ungerecht behandelt, weil es nicht so ist wie ich es aus Deutschland gewohnt bin. Ich lebe neben den Dingen her, arrangiere mich mit Ihnen, und plötzlich, durch eine Beobachtung, ein Gespräch, einen Gedanken, erschließt sich der Sinn dahinter. Dann auf einmal verstehe ich, dass ich nicht persönlich angegriffen werde, sondern Teil eines Großen Ganzen bin, in dem es im ersten Schritt nicht anders sein kann, als es ist. Liebe Leserin, sei versichert: es ist auch, IM GRUNDE, verblüffend und zauberhaft, hier im Morgenland zu leben, in Ägypten, fi misr, wenn man sich darauf einlässt. Und dies ist mein Anspruch und er soll es bleiben, inscha’allah, mit Gottes Hilfe.
 
Nehmen wir als Beispiel die Huperei. Am Anfang, und immer wieder, ist es furchtbar, hier angehupt zu werden. Besonders als Fremde und Frau fühle ich mich angesprochen und "blöd" angemacht. (Was für ein Paradoxon, nie war ich weniger auf Flirten aus, und nie
habe ich mehr Beachtung auf der Straße gefunden als jetzt mit Mann und
Kind in Kairo.) Dann aber muss man wissen, dass der Verkehr die Schlagadern der Stadt bildet, und das Hupen die Richtung vorgibt und die zentrale Kommunikation der Autofahrerinnen untereinander ist. Meist sagt mir eine Autofahrerin, dass sie mich sieht und mich nicht gerne überfahren würde; der Taxifahrer sagt mir, dass er mich transportieren möchte; und der jugendliche Übermütige sagt mir, dass er mich als Frau so sehr wahrnimmt, dass der Säugling, der an mir hängt, gar nicht stört bei dem Versuch, seine Kumpels von seinem Mut und seiner Mannhaftigkeit zu überzeugen, in dem Moment, da sich die seltene Gelegenheit dazu ergibt. (Westliche Frauen anzusprechen ist sozial weitaus akzeptierter als Frauen mit Kopftuch anzusprechen.) Desweiteren gibt es die Theorie, dass die Ägypterinnen im Verkehr herauslassen, was sie im Alltag nicht dürfen, an Ärger und Enttäuschung über ihre Machtlosigkeit. Die Leserin urteile selbst: bin ich als Person angesprochen oder sind es die Umstände hier, die mir etwas über sich selbst erzählen?
 

Herbst und Jobs in Kairo

So langsam wird es auch in Kairo Herbst (Mitte November, irre!!). Das merke ich daran, dass erstaunlicherweise auch hier Laub fällt und Haufen welker Blätter zusammengefegt werden. Das kann ganz schön Lärm machen, wenn es nachts um 23 Uhr direkt unter dem Schlafzimmerfenster geschieht und von sechs Männern erledigt wird, wobei die Hälfte sich um ein Feuerchen schart, Cola trinkt und laut redet.

Außerdem habe ich gestern beim DVD-Abend das erste Mal eine Decke gebraucht. So ein bisschen bekomme ich Angst vor dem Winter. Man sagt mir, hier frieren die Menschen im Winter trotz viel milderem Wetter mehr, da es keine Heizungen gibt. Aber wie fragt Khalil Gibran: "Ist nicht die Angst vor dem Frieren dasjenige Frieren, welches keine Decken und keine Heizung lindern kann?"

Dagegen erheitern mich die Jobs, die die Ägypter erfunden haben. Im Prinzip ist hier niemand arbeitslos. Der Verdienst fußt auf der Hoffnung, die eigenen Bemühungen werden von den Reichen honoriert. Schuhputzer, Scheibenputzer im Stau und Rosenverkäufer in Cafés kennt man ja. Aber wie sieht es aus mit:

- Umzugsgutverpackungsöffner

Er geht in gebügelter Stoffhose ans Werk und guckt genauso fachmännisch wie sein besser geschulter Kollege, der die Möbel dann aufbaut. Die Arbeit, einfach die Kisten aufzuschlitzen, scheint aber etwas langweilig zu sein, so dass er zwischendurch gemütlich deren Inhalt inspiziert. 

- Kreuzungsmanager

Er unterscheidet sich vom Verkehrspolizisten darin, dass er eher Empfehlungen als Befehle signalisiert und daher seine Anweisungen doppelt geprüft werden müssen. Man wird durchaus mal in den schnell fließenden Verkehr von LKWs eingewunken oder über rote Ampeln.

- Wartenummernverteiler

Er sitzt z.B. in Mobilfunkläden oder in Niederlassungen von Fluggesellschaften und entscheidet selbst, wie lange er Ahnungslose herumstehen lässt, bevor er ihnen eine Wartenummer in die Hand drückt. Diese Nummer bedeutet nicht unbedingt, dass man nach der vorherigen und vor der nachfolgenden Nummer auch bedient wird. Mit Säugling komme ich z.B. meist früher dran.

- Park- und Rangiermeister

Die Vermutung liegt nahe, dass jeder Ägypter im Grunde seines Herzens ein Park- und Rangiermeister ist. Wo auch immer ein Ägypter erkennt, dass ich Schwierigkeiten habe, zu Parken oder voranzukommen, beginnt er, mir mit Handzeichen vorzugeben, wie ich seiner Meinung nach am Lenkrad kurbeln oder aufs Pedal treten sollte.

- Parkplatzverwalter

Er fühlt sich weniger der Autofahrerin als vielmehr einem Parkplatz verpflichtet. Oft ist dieser in zweiter Reihe zugestellt. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung: wenn man in zweiter Reihe parkt, zieht man die Handbremse nicht. So kann der Parkplatzverwalter beliebig Autos durch die Gegend schieben. Natürlich dürfen nur ausgesuchte Leute auf seinen Parkplatz. Er hält gerne Vorträge darüber, wann und wie man auf seinem Parkplatz zu parken hat. Meist kommen diese Weisungen von einem ominösen Vorgesetzten. Er ist sehr hilfsbereit beim Ent- und Bepacken des Wagens (z.B. Kinderwagen).

- Fahrradkurier für sperrige Gegenstände

Diese mutige Spezies befindet sich meist zu zweit auf einem rostigen, uralten Fahrrad. Einer tritt, der andere balanciert Leitern, Stühle oder andere Riesigkeiten auf dem Kopf. Sie fahren bevorzugt auf Hauptstraßen gegen Fahrtrichtung.

- Einpackdienst Kasse

An jeder Supermarktkasse versammeln sich mindestens drei Männer neben der Kassiererin. Relativ unvorhersehbar schieben sie den Einkauswagen zurück an seinen Platz, packen die Waren in Plastiktüten und/oder liefern sie bei Bedarf nach Hause (hier kennt jedes Kind den Begriff "home delivery"). Als gute Deutsche versuche ich, ihnen rechtzeitig meine Stofftaschen aufzudrängen. Diese werden nach der dritten Tüte mit mitleidiger Miene benutzt.

Ja bettelt denn hier niemand? Doch, doch. Die armen Frauen und Kinder. Aber nicht viel, zumindest nicht auf Zamalek.

Was ist anders?

Manche Dinge hier sind lustig:

Die Badewanne, die auf einem Hausdach steht. (Wir können sie sehen, weil wir vom 7. Stock aus runtergucken.)

Die Frau, die am Steuer ihr Handy zwischen Wange und Kopftuch geklemmt hat, um zu telefonieren.

Die Boote, in denen man nicht einfach mit fremden Leuten zusammensitzt und den Nil anguckt, sondern laut Musik dazu hört und tanzt. (Es sind doch keine Ramadan-Partyboote. Die machen das immer.)

Manche Dinge verstehe ich nicht:

Ein Mann auf der Straße füllt Tonkrüge mit Wasser, die auf unterschiedlicher Höhe in einen überdimensionierten Kerzenhalter geklemmt sind.

Ich laufe Abends die Straße lang, und auf einmal erscheint eine große Menge rufender Menschen vor mir, die sich in Männer und Frauen aufteilt und zwei Schlangen bildet. Sie münden in einen ganz kleinen Laden, in dem nichts steht.

Manche machen nachdenklich:

Es gibt hier sehr viel weniger als bei uns das Konzept von Öffentlichkeit, in der man sich aufhält. Es gibt keine Parks, keine Wiesen, keine Kinderspielplätze. Um dies zu genießen, muss man in einen Club eintreten. Das kann sich hier nur die Oberschicht leisten. Ich komme nicht umhin, zu denken: Deutschland ist ein großer, exklusiver Club von hier aus gesehen.

Werbung für Potenzmittel vor der Apotheke: ein großes Plakat mit der blauen Pille drauf. Aber Händchen halten auf der Straße ist anstößig.

Und manche Dinge sind einfach wunderbar:

Unter einer Brücke, die über den Nil führt, braut ein Mann Nachts Tee in kleinen Gläsern zum Verkauf. Tagsüber steht seine Ausrüstung einfach so unbeobachtet unter der Brücke - Wasserkessel, Gläser, Tablett, Stuhl. In Ägypten wird man äußerst selten beklaut. Auch Fremde und Touristinnen nicht.

Geht man aus dem Haus, grüßen der Hausmeister und die Nachbarn freundlich und überlegen, ob sie irgendwie helfen können. Hab ich den Kleinen mal nicht auf dem Arm, befragt mich unser Bawwab, was er macht. Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen? Hier ist das möglich, denn viele Augen sind interessiert am Geschehen.

Wie schon erwähnt, Service, Service, Service:

Eine liebevolle und erfahrene Frau hütet die Kinder für 2,50 Eur in der Stunde.

Taxi fahren für 60ct pro Strecke innerhalb des Stadtteils (manch eine erlitt zurück in Deutschland einen großen Schock, nachdem sie gewohnheitsmäßig in ein Taxi gestiegen war).

Heimbring-Service vom Supermarkt (auch telefonisch, dann muss man das Haus gar nicht erst verlassen) für 50ct.

Wäsche wird um die Ecke gebügelt und ins Haus gebracht für 25ct pro Hemd/Stück.

Während Von der Leyen und Schwesig krampfhaft um die Wette überlegen, wie sie es schaffen, dass Kindergeschrei Musik in der Deutschen Ohren wird, kann Linus den gesamten Laden/Stadtteil zusammenbrüllen, und die Ägypterinnen klatschen vor Freude in die Hände und fragen entzückt: "Junge oder Mädchen? Wie alt ist er? Wie heißt er?"

Auch jetzt, Ende September, noch T-Shirt-Wetter rund um die Uhr! 

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