Demos in Ägypten
Es ist ganz bewegend, bezaubernd, beängstigend, wie hier ein Volk, dass 30 Jahre lang zugeschaut hat, gegen die Dauerherrschaft von Hosni Mubarak aufbegehrt. Er ist angetreten in dem Jahr, in dem ich geboren wurde, 1981. Er hat nicht, wie er anfangs versprach, die Regierungszeit des Präsidenten begrenzt, er hat keinen Nachfolger benannt im Falle seines Todes - er ist immerhin schon 82 Jahre alt. Die Wirkung der Notstandsgesetze wurde eben um 2 Jahre verlängert; der Staat kann verhaften, einbuchten und foltern, wen er möchte und solange das für ihn nützlich ist. Die Menschen haben zu kämpfen gegen die blanke Angst, niedergeprügelt zu werden und keine Unterstützung zu erhalten, nicht von ihren Landesschwestern und schon gar nicht vom Ausland. Die USA und Europa unterstützen Mubaraks Regime: immerhin hält er islamistische Kräfte in Schach. Naja so einigermaßen. Die ein oder andere Bombe in einem Touristenzentrum oder in einer christlichen Kirche geht trotzdem hoch.
Erstaunlicherweise organisieren sich die Demonstranten nicht vorrangig über eine Partei oder einen Führer, sondern über soziale Medien wie Facebook und Twitter. Das weiß auch das Regime - heute Abend sind Facebook (We are all Khaled Said) und Twitter gesperrt, sms können nicht mehr geschrieben werden, in manchen Stadtteilen geht einfach das Licht aus. Eine anerkannte Internet-Zeitung (Al Masry Al Youm, auf englisch, lest sie!) gibt Tipps, wie man sich auf Demonstrationen so verhält, dass Polizeigewalt weitgehend verhindert oder die Gefahr gemildert werden kann.
Eine ägyptische Bekannte, eine junge Tanzlehrerin geht auf die Straße, um zu protestieren; eine weitere Ägypterin, eine junge Mutter, ist einfach nur genervt und will, dass die Straßenblockaden aufhören. Eine Dänin feiert munter und zieht durch die Stadtteile; eine Italienerin geht mit Protestieren, eine deutsche Mutter hat schon den Benzintank aufgefüllt, um sich startklar Richtung Flughafen zu machen.
Unsere Familie mittendrin. Wir verlassen seit dem Dienstag unseren Stadtteil nicht mehr. Meinem Gast ist sight-seeing nicht möglich. Wir gehen mit meinem Sohn in die Parks und Cafés im Stadtteil. Wunderschöner Sonnenschein und Kaffee am Vormittag, am Nachmittag die Neuigkeiten im Internet, meist über Proxy, verfolgend: wie viele sind es jetzt? Zehntausende. Wer schaltet sich ein? El Baradei und die Muslimbrüder wollen morgen mit dabei sein. Wie viele Tote gibt es? Sieben. Was wurde bisher angezündet? Eine Polizeistation in Suez.
Sie wollen nicht aufhören, auf die Straße zu gehen, bis Mubarak das Land verlässt; bis er verspricht, weder sich noch seinen Sohn zur Wiederwahl zu stellen. Sie wollen einen Mindestlohn, demokratische Wahlen und eine limitierte Amtszeit des Präsidenten.Wir schauen nur zu von unserem Reichen-Stadtteil aus, es ist deren Kampf, der Kampf der hungernden und unterdrückten Ägypter. Niemand weiß, was auf politischer Ebene passieren wird, und wie lange es dauern wird, bis die Leute aufhören, zu demonstrieren, und aus welchem Grund sie aufhören werden.
Nichts deutet darauf hin, dass unsere Familie in Gefahr geraten wird. Ich weiß, dass zwei Kilometer von meinem Haus entfernt Steine geworfen und Demonstranten verprügelt und mit Tränengas gequält werden, und das auf der anderen Seite blutjunge, müde Männer in der Uniform stecken, die sofort die Seiten wechseln würden, wenn sie damit nicht ihre Lebensgrundlage gefährdeten.Also liebe Freunde und Verwandte: wenn ihr bange sein wollt und angespannt, dann nicht unseretwegen, sondern wegen dem ägyptischen Volk, das sich nach 30 Jahren Dulden und Hinnehmen seine Angst überwindet und nach dem tunesischen Vorbild seine Stimme erhebt.