In Denzlingen - Ohne Kulturschock

Nach einigen Jahren war ich mal wieder in Denzlingen, meinem Heimatort. Und mein Sohn zum ersten Mal. Ich hatte einige Sorge wegen diesem Besuch. Würde Linus es ertragen, dass nicht jede auf der Straße ein Photo von ihm machen will und ihn auf den Arm nehmen will? Würden mir die Straßen wüstenleer vorkommen? Würde ich überhaupt jemals wieder nach Kairo wollen, nachdem ich das "Paradies" erschaut hatte?

Es kam anders als befürchtet. Alles war ganz normal, so wie immer, so als wenn ich aus Berlin gekommen wäre. Die Menschen waren unglaublich freundlich zu Linus und auch sehr hilfsbereit auf der Reise. Meine Sinne waren natürlich geschärft für die Dinge, die mir in Kairo nicht begegnen. So war es eine Überraschung, als ich von einem fremden Menschen das erste Mal auf deutsch angesprochen wurde. "Woher weiß der, dass ich… ach so, wir sind ja in Deutschland."

Die nächste wiederentdeckte Freude war das Trinkwasser aus dem Hahn. Praktisch!

Das Wetter indes bot keine Überraschungen. Aber die Arten, sich abzukühlen, sind anders als in Kairo:

 

 

Auch die klassische Eisdiele gibt es so in Kairo nicht.

Eis-Spaß in Emmendingen:

 

 
Und in Denzlingen:

 


Die unverschämten Freiburger Radfahrer ernteten wehmütige Blicke. Mein Rad, ich habe dich in Berlin zurückgelassen, und ich vermisse dich so… aber glaub mir, in Kairo hättest du kein gutes Leben.

Der Regen, brav immer nur nachts, erfrischte die Welt. 

Der Wald! Linus zum ersten Mal im Wald! Und gleichzeitig auch am Bach. Märchenhaft!


 

Im Schwimmbad überall Frauen im knappen Bikini, und Männer blicken ihnen in die Augen und sprechen mit ihnen, ohne sie anfassen oder anbaggern zu müssen (meist zumindest)… da war ich ein bißchen stolz auf mein Land. (Wenn jemand eine andere Formulierung findet, die semantisch mehr Sinn macht, bitte im Kommentar posten. Stolz kann man eigentlich nur auf eine Eigenleistung sein.)

Wenn es irgendwo eine Absperrung gibt, dann findet Linus sie und krabbelt durch:

 


Ein anderer denkwürdiger Moment: Ach ja, ich erinnere mich, grüne Wiesen und menschenleere Straßen, saubere Luft und der Klang der Kirchenglocken beim Laufen draußen. Kirchenglocken an einem Sonntag, alle Geschäfte sind zu und fast niemand arbeitet. Wie schön es ist, wenn Ruhe- und Feiertag derselbe Tag sind. Als ich überlege, was ich denn mit nach Kairo nehmen könnte als Andenken, macht mir Denzlingen ein Angebot, das ich ablehnen konnte:


Dass alles im Wandel ist und immer neu, zeigte uns eine Amsel-Mama, indem sie vor unseren Augen im Balkonkasten ihre Jungen ausbrütete:

 


 

Fünf Tage später waren sie schon von schwarzem Flaum umgeben. Im Vergleich dazu, meine lieben anders-sprüchigen Mütter und Väter, werden Menschenkinder verdammt langsam groß.

Am Ende der Zeit vermissten wir beide den Papa ganz doll, so dass uns der Abschied nicht schwer fiel. Jeder Gast, der uns verlässt, ist froh, nicht in Kairo wohnen zu müssen. Was ist Heimat? Wo deine Wiege stand? Wessen Familie schon seit Generationen über Deutschland verstreut ist, der fällt es nicht schwer zu sagen: wo mein geliebter Mann ist und mein geliebtes Kind, meine Arbeit, wo niemand (mehr) fragt, warum ich gekommen bin und wie lange ich bleiben werde. Die wahre Heimat kann man nicht verlassen, sie ist in der Gegenwart zu finden.

Daheim ist Linus so müde, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben beim Essen einschläft (Stillen zählt in dem Fall nicht):

 

 

…letztendlich tun wir hier sowohl wie dort: abhängen.

 

Neueste Eindrücke

Ihr Lieben, nun wieder ein Eintrag mit weniger Philosophie und mehr Bildern. Friedrich und Christa waren zu Besuch und bildeten den Abschluss einer langen Reihe von Besuchen, die nun durch die Hitze abreißen werden. *Träne verdrück* Wir waren viel unterwegs mit dem Mini, und haben z.B. den Eingang des Manialpalastes (hier im Hintergrund) von außen besichtigt.

 



Der Palast wird nämlich gerade umgebaut und ist für Lieschen Normalverbraucherin gesperrt. ("Wann öffnen Sie denn wieder?" - "In ein paar Monaten, so Gott will.") Das hindert natürlich z.B. den DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) nicht, zu seinem 50-jährigen Jubiläum meinen Mann dorthin zu einem Festbankett einzuladen. Tja - entweder man hat es, oder man hat es nicht, nicht wahr.

Wir haben auch das Umm-Kulthum-Museum besucht. Umm Kulthum ist die berühmteste Sängerin des Landes und wohnte einige Schritte von unserem Haus entfernt. Hier ihre Skulptur und Christa und Linus auf dem Rasen davor.

 


 

 

 

Immer wieder beliebt: Linus’ Späße am Esstisch.

Wo bin ich?

 



 

Da!!!

 




 

Lieblingsessen Melone:

 

 
…und nicht, dass ihr denkt, die wäre zu schwer zum selber halten:

 

 

Als Belohnung darf er dann den Löffel ablutschen:

 


 

 

Letztes Wochenende waren wir auf dem Sinai am Roten Meer, in der Nähe von Ras Sudr. Vom Meer gibt es kein Bild, nur eins wo Linus chillig an mich gelehnt einen Apfel isst:

 

 

 

 

Nach wie vor haben wir auch unseren Spaß im Club, wo gerade die jährliche (?) Sandreinigung vorgenommen wird. So lange halten wir uns auf den Gerüsten auf:

 

 

 

Neues Spielzeug gibt es auch. Wie viel Faszination von einer grauen Box ausgehen kann:

 

 

 

 

Oder auch von einem Fahrrad:

 



Mit Rosie macht es auch immer wieder Spaß. Sie bringt Linus philippinische Kinderlieder bei, z.B. darüber, wie es ist, den Finger in den Essig zu tunken. Das macht er dann oft nach. Noch häufiger aber brüllt er wie ein Löwe. Der war in einer Kinderbibel anzutreffen, als er sich mit seinen Kollegen um Daniel geschart hat, und was Stephan und ich Linus von seiner Ausdrucksweise erzählt haben, hat ihn wohl sehr überzeugt. Roaaaaar!

 

 

Nicht zu vergessen: letzten Freitag wurde der Geburtstag nachgefeiert. Der allererste! Die Klassiker waren dabei:

Mit Luftballons spielen

 


 

Die erste Geburtstagskerze auspusten 

 


 

Den ersten Geburtstagskuchen mampfen

 

 

Mit Geschenken spielen

 


 

Auch die Kollegen machen mit bei der Band

 


 

Jeah - wir sind ein gutes Team!

 

 

 

Linus hat auch eine ägyptische Freundin!

 

 

Jaja, in die Band dürfen die Mädels nicht, aber fürs Flirten sind sie gut genug… tststs…

 



… an so einem Tag darf auch mal gestrahlt werden! Oder besser gesagt, da täglich gestrahlt wird: an so einem Tag wird so ein Strahlen endlich mal eingefangen!

 


 

 

Joggen in Kairo

Crosstrainer ist ja dreimal die Woche, wie es sich für eine Gewohnheitssportlerin gehört, einfach nur stinklangweilig. Erst recht wenn der musikbegeisterte Mitbewohner, der einem die neuesten Tunes quasi auf den MP3-Player geladen hat, seit geraumer Zeit in einem anderen Land wohnt. Und in den Sportclub… wie lange habt ihr mal einen Sport drei Mal die Woche durchgehalten, zu dem man eine halbe Stunde Anreisezeit hat? Also dachte ich mir: durch Kairos Straßen joggen ist zwar hier allgemein als "nicht mehr ganz sauberes" Verhalten verpönt, aber es macht doch Spaß, ein bißchen verrückt zu sein.

Ich fing also damit an. Es war phantastisch. Die Straßen voller Hindernisse waren Straßen voller immer neuer Wendungen und Blickwinkel. Die gelangweilt glotzenden Soldaten konnten gar nicht schnell genug gucken, und ich konnte mir aussuchen, ob ich schnell hinter ihrem Rücken vorbeiflitze oder sie durch frontales Auf-sie-zu-rennen verängstige. Muss man dafür geltungsbedürftig sein, oder sich noch an das Trotzden der Pubertät erinnern können? Ja klar! Aber darum geht es jetzt nicht. Die uniformierten, blutjungen Männer und ich hätten gerne die Aura getauscht: wie gerne hätten sie auffällig, sexy, anziehend und exotisch auf mich gewirkt, und wie gerne wäre ich unsichtbar für sie gewesen. Denn revolutionieren tut so eine Runde durch Zamalek nichts, es verfestigen sich nur die Vorurteile beiderseits. Vielleicht, mit etwas Glück, bedeutete die Runde etwas mehr Freiheit für mich, und für alle Frauen, die mich gesehen haben.

Aber weiter zum Erlebnis. Es ist wirklich sehr aufregend auf den Straßen Kairos. Wenn man einmal die zugestellten und aufgerissenen Straßen als Hindernisparcours angenommen hat, sieht man nur noch Herausforderungen, keine ärgerlichen Störungen mehr. Frühmorgens sind Fischer auf dem Nil unterwegs. Keine Handwerker, Geschäftemacher. Einfach arme Leute, die am verdreckten Nilufer wohnen und sich von Fischen ernähren, die zwischen Müll umherschwimmen. Regelmäßig kreuzen Marder meinen Weg. (Ich war gewillt, sie begeistert als Baby-Eichhörnchen zu bestaunene. Aber so rosa meine Brille dann doch nicht.)

Zamalek-spezifisch folgende Erscheinung: ein Hausangestellter mit einer Bulldogge mit Maulkorb. Ich sah ihn rechtzeitig, um die Straße zu wechseln. Ich hatte gedacht, die Ägypterinnen machen sich nichts aus Hunden. Aber wie Stephan immer sagt, „die Ägypterin“ gibt es nicht.

Mitten durch einen Pulk aus Schulmädchen mit Uniform: „What’s your name?“ Ob ich mit meinem Anblick den Kairoanern die „gute alte Zeit“ versaue, in denen dieses Viertel noch den Ägypterinnen gehörte? Die keinen Sport machen, und wenn, dann mit Kopftuch und ausschließlich im Sportclub an Frauentagen?

Ja, dieser neue Sport hat mich euphorisiert. Bis ich zwei Wochen später nach meinem Morgenlauf am Küchentisch saß und mich fühlte, als hätte ich drei Zigaretten hintereinander geraucht. Seitdem laufe ich nicht mehr durch Kairos Straßen. Es war ein kurzer Flirt, der mir einen Zugang zu einer Welt gewährt hat, in der ich bestimmt habe, wo es langgeht, und in dem ich mit den Hindernissen Kairos spielen konnte, statt sie immer nur als Belastung zu empfinden. Warum sind die Straßen selbst in den edelsten Vierteln so zerrissen? Die wichtigsten Verbindungswege zwischen den Menschen? Der „Campus“, ein Hochglanz-Hochschul-Magazin, vermutet, die Zerrissenheit der Gesellschaft hat sich in ihnen einen Spiegel geschaffen. Und keine aufkeimende Kühnheit einer Ausländerin kann sie kitten.
 

Urlaub am roten Meer

 

Die Familie war über Ostern am roten Meer Urlaub machen. Wahnsinnig schön, so eine Zeit lang nur wir drei! Linus hat es sehr genossen und war zum ersten Mal im Pool schwimmen. Mama war zum ersten Mal mit Schnorchelbrille Korallen und Fischschwärme bestaunen. Und ein paar Mal geschriien habe ich auch, ich finde die Berührung von Quallen und auch anderen Fisch- oder Planzenwesen im Wasser extrem beängstigend! Dank Helia (Versand westlicher Waren) konnten wir auch Ostereier vertilgen.

 

 

Zu Beginn war ich geblendet von der vielen nackten Haut: Minirock und Spaghettiträger im besten Fall. In Kairo trage ich sowas nicht, nicht weil es verboten ist, sondern weil sich zuviele Männer, denen dieser Anblick von der Durchschnittsägypterin zeitlebens verwehrt wird, auf der Straße langweilen. Es muss einer der Tageshöhepunkte sein, wenn eine blonde Frau mit haarlosem Säugling vorbeispaziert. Und wenn man aufgrund der Hinterherpfeiferei dann auch noch böse von ihr angezischt wird, hat man den Kumpels etwas von einem heißen Flirt zu erzählen! - Und was man selbst sich zu tun verbietet, fällt einem bei anderen umso mehr auf.

Von „Urlaub in Marsa Alam“ kann aber eigentlich nicht die Rede sein. Denn wir haben das Fischerdörfchen mit seinen wenigen tausend Einwohnern nicht besucht. Wir sind auf dem Hotelgelände geblieben, was sehr grozügig gestaltet war, mit Hotelanlagen wie ein kleines, ordentliches Mittelmeerdörfchen; mehreren hübsch angelegten Pools, mit Wasserfall, Brücken, Palmen und viel Schatten. Wir haben die Mittagssonne gemieden und Linus hatte viel Zeit zum Experimentieren mit dem Essen, zum Schlafen und zum Spielen. Das Beste war das Meer – blau, riesig, rauschend und sehr beruhigend. Das Meer verweist mich auf eine erlösende Weise auf die Vergänglichkeit meiner selbst und die im Vergleich dazu unendlich gültig wirkenden Naturgewalten. Erlösend, solange ich nicht darin rumtauchen muss!!!
 
 

 

Mein schlechtes Gewissen ob unserer im Vergleich zur Durchschnittsägypterin luxuriösen Lebensweise sowie unseres abgeschnittenen Hotellebens bekämpfte ich mit Interviews von ägyptischen Angestellten zum „wahren Leben“. Wie es sich so lebt und arbeitet im Hotel. Die Angestellten kommen von überall her, z.B. aus dem Nildelta, aus Oberägypten und aus Kairo. Sie arbeiten einen Monat lang im Hotel und wohnen in den Anlagen (vermuuuutlich weniger schick als die Gästezimmer), danach fahren oder fliegen sie eine Woche lang zur Familie. Ob Single oder nicht. Familie kann bedeuten: Frau und Kinder, oder: Mama und Papa.

Ich befragte also drei Männer, wie sie mit den zwei Welten umgehen, in denen sie leben. Die Antworten drückten Extreme aus. Es ging von „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil mir der Koran den Anblick dieser Frauen eigentlich verbietet“ bis hin zu „Man gewöhnt sich dran, kein Problem!“. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, irgendwo dazwischen. Ich trug Bikini beim Schwimmen und sonst relativ viel Stoff. Ich glaube das war mein erster Urlaub im Süden ohne Sonnenbrand.
 

 

Zu erwähnen wären noch die humorvollen Handtuchfiguren, die uns allnachmittaglich vom Bett entgegenstrahlten. Zum Beispiel hatte Linus auf einmal einen Kumpel, der mit Fernbedienung in der Hand auf den laufenden Fernseher starrte. Die Figuren rissen uns alle drei zu Begeisterungsstürmen hin. Die mehrfach erwähnte Durchschnittsägypterin hat einfach unglaublich viel Sinn für Humor. Das schreibe ich einfach so, zusammenhangslos, denn man kann natürlich davon ausgehen, dass die Figuren nicht aufgrund der spontanen Liebe zur Arbeit und zur Reisenden von der Reinigungskraft geschaffen wurde, sondern dass da ein System dahinter steckt. Andererseits – per se ausschließen kann man es auch nicht.

 


 
 
 
 
 
Der Turban auf dem Kopf des Elefanten ist eines meiner
Halstücher. Und wer bezahlt jetzt den Bügeldienst?! 
 
 
Wie lange muss man wohl dort bleiben, bis die Figuren sich wiederholen? Wieder eine Frage, deren Antwort wir in diesem Leben wohl nicht bekommen werden.

 

Mehr Besuch in Kairo!

Es waren meine liebe Cousine und ihr Angetrauter da! Sie waren total begeistert von allem! Es kommt eben immer auf den Vergleichsrahmen an, und im Vergleich mit den Dinka im Sudan sind eben alle Leute nett, nicht wahr…

Aber eine Feluka-Fahrt ist bestimmt immer schön, das kann sich mit jeder Nilkreuzfahrt messen!

 

 

Mit einem gesprächigen und zu Scherzen aufgelegten Syrer unterwegs in Kairo zu sein, öffnet auf einmal Türen zu günstigen Preisen… der SIEHT aber auch niedlich aus mit Säugling vorm Bauch geschnallt!  (Hier nur an der Zipfelmütze zu erkennen.)

 
 
Vorm ägyptischen Museum macht Linus nochmal klar, dass drinnen dann das Knipsen verboten ist.
 
 
Als Oma da war, ist sie in alte Zeiten und Brillenmoden abgetaucht.
 
 
Aber sie hat sich auf wichtigere Aufgaben besonnen und Linus vor den vielen neugierigen Kindern im Azhar-Park gerettet, indem sie mit ihm Karussell gefahren ist.
 
 
Mit Oma und Omas Schwester ging es dann endlich zu den Pyramiden! Ganz
schön schwer, die Augen aufzuhalten, bei der grellen Sonne.
 
 
 
 
… und zum Schluss noch ein Ratefoto: was ist das?
 

 
Auflösung: Baby ohne Haare von oben, was sich mit der rechten Hand an Mamas Hose festhält!

 

Beim Kindergeburtstag und im Park

Linus war zum ersten Mal bei einem ersten Geburtstag. Das zweite Mal eingeladen, aber bei der ersten Einladung war Mama leider krank. Dort war es echt toll! Mit Mamas Handykamera ist nur ein Bild entstanden, weitere werden nachgereicht. Die Ausrüstung dort war 1A!!!
 

 

Und hier noch Eindrücke von einem Tag im Park. Oft hängen Mama und Papa am Telefon, das ist immer super-interessant und der Kampf um das technische Wunderwerk beginnt:

 

 

Auf dem Sand wird den größten Autos hinterhergejagt, um sich dann stolz dran in den Stand hochzuziehen.

 
 
Und dann, nach einer genüßlichen Milchmahlzeit, gibt man sich mit der Eleganz einer Ballerina dem Schlafe hin.
 
 

Alexandria

Bevor ich von unserem Ausflug nach Alexandria berichte, hier ein Einruck aus Kairo, wie manches Parkproblem gelöst und gleichzeitig ein Spaziergängerinnenproblem kreiert wird:

 


 

Dass sich solche Parkweisen nicht ändern, liegt natürlich an erster Linie an den vielen Autos, aber auch an der Unwilligkeit der Ägypterinnen, zu laufen. Eine Frau hier hörte ich sagen: Ich möchte nicht so viel draußen laufen, die Luft ist zu schmutzig. Spazieren gehen ist hier selten angesagt. Manche drehen mit Sportschuh auf der Laufbahn gemächlich ihre Runden, manche machen im Park eine Extrarunde. Aber im Großen und Ganzen wird nicht gelaufen. Ein weiterer Grund für die Huperei der Taxis also.
 
Und was Neues vom Kleinen: Linus steht jetzt manchmal. Aber nur, um dann etwas anzuknabbern, was höher liegt!

 

 


 
Nun aber nach Alexandria, ins Innere der Bibliothek:

 


Groß ist sie, mit architektonisch gewagt ausgestalteten Balkons und einem beeindruckenden abfallenden Flachdach. Ein bißchen erinnert sie mich an die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz in Berlin. Nur dass diese hier mal ein Weltwunder war!

Es gab einige Ausstellungen, über Buchdruck und auch Skulpturen. Wir haben einen lustigen Vogel gesehen: "Bird", Abdel Salam Eid, Mosaik.

 

Draußen vor der Tür habe ich dann auf die Uhr geschaut, die Sonnenuhr. Na, wie spät war es da?

Auflösung: 12.40.

Weil es einen Geburtstag zu feiern gab, hat sich Linus schick gemacht:

Mit Mama:

 


 

Und Geburstagskind Hilke mit Mann Mahmoud und Tochter Heidi sind hier zu sehen:

 


 

In der Nationalgalerie stießen wir auf Echnaton und seinen Bruder.


 

Alexandria liegt am Meer!

Eine tolle Stadt!
 

Out of Kairo - back in Kairo

Wir haben das koptische Kloster Anafora besucht. Dabei waren wir auch im Gottesdienst und lauschten koptischen Gebeten und Gesängen. Linus hat ein wenig mitgesungen, das macht er öfter mal.

Auf Papas Rücken:

 

Mama vor Orangenbäumen:

 

 

Linus unter Palmen:
 
 
Zurück in Kairo gingen die Essexperimente, von denen schon die Rede war, weiter. Scheich Linus "genießt" ein Stück Tomate:
 
 
Wir sind nach wie vor oft auf dem Spielplatz. Hier sind es meist 20 Grad. Die Schaukel ist inzwischen der Renner, da kommt Freude auf: Anschubsen, Mama!
 
 
Die Spielsachen (der anderen!) werden großzügig verteilt:
 
 
… und dann noch schnell ins Kindergeschäft um zu gucken ob die Strumpfhosen haben: häh?! 
 

 

Regen in Kairo

Wow da war ja mal gar kein Feedback auf meine Frage. Und auch ich habe keine weiteren Ideen. Also schreibe ich weiter, ohne großes Konzept.

Neulich hat es hier geregnet. Ein paar Tropfen habe ich schon einmal erlebt, aber diesmal war es bestimmt eine halbe Stunde Regen, teilweise stark. Die Ägyter und Ägypterinnen auf der Straße standen staunend in den überdachten Ladeneingängen. Es war Zeit für meine Morgenrunde, also suchte ich einen Regenschirm und ging aus dem Haus. Unser Bawwab rief: "Nein, nein, Madame, tun sie das nicht!!!" (auf arabisch bzw. mit Zeichensprache), aber ich sagte, ich sei Deutsche (auf arabisch!!!) und spazierte lachend in den Regen. Ich fühlte mich auf einmal wie daheim. Die Luft war klar und ich konnte mich ganz im Umgehen der Pfützen verlieren. Eine typisch deutsche Fähigkeit! Dazu braucht es nämlich Regen und die Lust am Spazierengehen, beides keine ägyptischen Eigenschaften. Dafür die Rücksichtnahme der Autos: die Taxis witterten wie immer fette Beute, aber alle Autos fuhren ganz sanft an mir vorbei, um mich nicht nasszuspritzen. Im Café machte dann mein tropfender Regenschirm die Bedienung ganz nervös.

Das habe ich Kairo zu verdanken: dass ich mich aus tiefstem Herzen über den Regen freue und mich mit ihm auf eine fast schon verschwörerische Art verbunden fühle. Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar, dass ich hier nie einen Plan B entwerfen muss, wenn ich meinen Tag draußen verbringen will. Sonnenschein oder zumindest kein Regen sind hier das ganze Jahr über an der Tagesordnung.

Neues vom Spielplatz

Linus krabbelt jetzt. Und damit macht es offiziell Sinn, auf den Spielplatz zu gehen. Vor allem wegen dem leckeren Sand! Dabei lernen wir eine Menge afrikanischer und phillipinischer Kindermädchen kennen, aber auch Ägypterinnen. Die meisten Kinder haben Angst vor ihm. Selbst wenn er nur ungefähr in ihre Richtung krabbelt, rufen sie: "Hilfe, das Baby isst meinen Schuh/klaut mein Fahrrad!" Bemerkenswert: sie rufen auf Englisch, sobald sie sprechen können. Zumindest wenn Linus, das "Baby ohne Haare", offensichtlich mit westlicher Mama, sich nähert. Das ist hier so, weil im Gesira Club, in dem sich der Spielplatz befindet, nur reiche Ägypterinnen sind, die ihre Kinder auf Privatschulen und -kindergärten schicken. Und dort werden von Anfang an Fremdsprachen gelehrt. Manche Kinder sind auch lieb und teilen Eimerchen und Schippe mit ihm.

Weitere Neuigkeiten:

- Linus ist getauft! Es war ein sehr schönes Fest in Bayern.

- Die zwei unteren Schneidzähne sind sichtbar! Damit geht Gurke knabbern noch effektiver.

- Linus ist jetzt bei uns am Tisch mit. Pasta mit Gemüsesauce, Dinkelstangen mit Avocado, Erdbeeren etc.

Bloggen, Enttäuschungen und Weihnachten

Liebe Leserinnen,

heute gibt es einen Spezialeintrag jenseits der Fotoalben-Romantik. Eigentlich gar nicht passend zu Weihnachten. Andererseits: brauchen die Traurigen Weihnachten oder die Fröhlichen?

Neulich fand mein allererstes gesetztes Essen statt. Nur zwei Kleinigkeiten von dort, im Prinzip völlig unpolitisch und nicht brisant: zu meiner großen Überraschung gab es kein Tischherr für mich, der darauf geachtet hätte, wann ich meine Serviette auf den Tisch lege, so dass er aufspringen und mir den Stuhl zurechtrücken könnte. Gut so! Zweitens: Es waren ägyptische Jounalisten anwesend, deren These "Jede unter 30 bloggt" ich unterstreichen konnte. Ich war dann auf jede Menge misstrauischer Fragen eingerichtet, sowohl von Botschafts- als auch von Einheimischer Seite, aber die kamen nicht. Es wird gebloggt, ganz normal, Friede, Freude, Eierkuchen. Nur eine erfahrene deutsche Dame, die anmerkte, auf arabisch solle man besser nicht bloggen.

Zweites Thema. Normalerweise berichte ich alles Lustige und Wissenswerte, aber heute berichte ich einmal den meist verschwiegenen Teil: ja, es kann verdammt hart sein im Ausland. Gestern habe ich den Weg nicht zur evangelischen Gemeinde in die Adventsandacht gefunden (in dem Fall gleichbedeutend mit Heimat). Oder besser gesagt, als ich da war, erfuhr ich, dass ich woanders hätte hin müssen. Und das nach 1h wickeln, füttern, schön anziehen und in die Trage packen sowie eine knappe Stunde mit dem Weg und dem Taxifahrer kämpfen. Und das nach einer Adventszeit ohne einen einzigen Gottesdienst bisher. Nach einem Tag voller Wohnung schönmachen, und zwar allein. Ich habe mich nach Zamalek zurück kutschieren lassen. Der Fahrer lässt mich erst aussteigen, nachdem ich den doppelten Preis gezahlt habe. Ich stehe auf der Straße, unschlüssig, ob ich für die restlichen 10 Minten noch zur Andacht laufen soll. Hupen überall. Alle Menschen gucken. Linus zappelt unruhig in der Trage. Stephan noch auf Arbeit. Die Luft ist stickig.

Schon klar, solche Situationen kennt jeder. Trotzdem: neu sein, sich noch nicht auskennen, und einen Säugling an der Backe haben lauten hier die unvermeidlichen Stellgrößen. Und in solchen Momenten sind die gestellten Aufgaben zu groß. (Wer hat’s verstanden? Stellen? Größe?)

Über Weihnachten waren wir gnädig zu uns und haben uns ein Flugticket heim erlaubt, Gott sei Dank und Ehre! Wir werden unsere Familien treffen und unseren Kleinen taufen lassen. Ich wünsche allen Leserinnen besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Nähe zu Land und Leuten und: Besuch

Manchmal bin ich traurig, weil ich eine große Entfernung fühle zu mir und den Bewohnerinnen von Kairo. Es ist Tatsache, dass ich hier, weil ich Ausländerin bin, von den meisten Menschen auf der Straße angeguckt werde, auch angestarrt, und oft angesprochen. Das kann sehr nett sein, z.B. wenn die Leute Linus ansprechen. Das mag er total gern. Manchmal geben die Leute ihm einen Kuss. Ob das Glück bringen soll? Oft sind nur Männer auf der Straße, und ich würde am Liebsten unsichtbar sein. Und wenn ich mal weiter weg parken muss, in Imbaba zum Beispiel, ein heruntergekommenes Viertel, dann bin ich eine Attraktion, und ich fühle mich sehr fremd. Ich kann mich mit niemandem unterhalten; es ist mir alles fremd: die Straßen, die Geschäfte, die Menschen. Natürlich ist es auch exotisch: die Stände mit Brot und Süßkartoffel, die Cafés mit shisharauchenden und Tee trinkenden Männern darin, die Eselskarren, die schwarz verhüllten Frauen, die neugierigen Kinder.

Schon mehr Kontakt bekommt man mit den so genannten "public egyptians", die einen z.B. im Fishgarden, einem öffentlichen Park, umschwirren. Wenn man gerne reden mag, über dies und jenes, und sich Komplimente gern anhört, wird man sich wohl fühlen. Aber mit schlafendem Kind im Buggy sind die lärmenden Jugendlichen, die einen verfolgen, eher ärgerlich.

Und dann sind da noch die gebildeten, sehr freundlichen und zuvorkommenden Ägypterinnen, die ich im Club kennengelernt habe sowie die ägyptischen Ehemänner mit deutschen Frauen, die ich aus der Krabbelgruppe kenne. Mit ihnen kann ich über alles philosophieren und merkt nur ganz leicht, dass sie einen anderen Hintergrund haben als ich. Sie distanzieren sich vom anderen, armen, traditionellen Ägypten. Ob ich einmal ins amerikanische Zentrum in Maadi komme, wo sich angeblich vom Land angenervte Amerikanerinnen gegenseitig die Fingernägel maniküren, wo aber auch ein Besuch einer traditionellen ägyptischen Familie angeboten wird?

Wir haben endlich mehr Sehenswürdigkeiten besucht. Anlass war Besuch von Stephans Trauzeugen mit Familie. Markus, Sandra und Julius (1,5Jahre) Den Khan el Khalili Basar mit jeder Menge Nippes, Zitadelle mit Mohammad-Ali-Moschee, das koptische Kairo mit koptischen Museum, schönem Kunsthandwerk und hängender Kirche. In der Moschee ist Linus das erste Mal gekrabbelt. Ein würdiger Ort, sich zum ersten Mal so richtig fortzubewegen.
 

Im Hof der Moschee:

Ohne Schuhe Allah auf der Spur:

 


Linus hat etwas mit Julius zu besprechen:

 


In der Moschee hat ein ägyptischer Kamerad Linus sein Spielzeug angeboten - allerliebst. Ich habe nach oben fotografiert:

Blick von der Zitadelle auf Kairo (der macht offensichtlich gute Laune):

 

Und das war heute. Linus zieht einen ägyptischen Nikolaus am Bart.



 

Sichtweisen: vom Zauber des Alltags

Die Kirche, die ich im Beitrag vom 31.08. indirekt als koptische Kirche vorgestellt habe, hat sich als anglikanische "All saints cathedral" entpuppt, in dem sich u.a. ein internationaler Chor trifft. Ich nehme dies als Gelegenheit, zu sagen: ich bin absolut neu als Ex-Pat (englisches Kürzel für ex patriot = außerhalb der Heimat Lebende), neu im arabischen Raum, neu als Bloggerin, daher mache ich  haufenweise Fehler; man möge mir vergeben.
 
Es würde euch so gehen wie mir, würdet ihr hierher ziehen: Dinge erscheinen im Lichte meines deutschen Gehirns zunächst verstörend, widersprüchlich, fremdartig und unangenehm. Ich fühle mich ungerecht behandelt, weil es nicht so ist wie ich es aus Deutschland gewohnt bin. Ich lebe neben den Dingen her, arrangiere mich mit Ihnen, und plötzlich, durch eine Beobachtung, ein Gespräch, einen Gedanken, erschließt sich der Sinn dahinter. Dann auf einmal verstehe ich, dass ich nicht persönlich angegriffen werde, sondern Teil eines Großen Ganzen bin, in dem es im ersten Schritt nicht anders sein kann, als es ist. Liebe Leserin, sei versichert: es ist auch, IM GRUNDE, verblüffend und zauberhaft, hier im Morgenland zu leben, in Ägypten, fi misr, wenn man sich darauf einlässt. Und dies ist mein Anspruch und er soll es bleiben, inscha’allah, mit Gottes Hilfe.
 
Nehmen wir als Beispiel die Huperei. Am Anfang, und immer wieder, ist es furchtbar, hier angehupt zu werden. Besonders als Fremde und Frau fühle ich mich angesprochen und "blöd" angemacht. (Was für ein Paradoxon, nie war ich weniger auf Flirten aus, und nie
habe ich mehr Beachtung auf der Straße gefunden als jetzt mit Mann und
Kind in Kairo.) Dann aber muss man wissen, dass der Verkehr die Schlagadern der Stadt bildet, und das Hupen die Richtung vorgibt und die zentrale Kommunikation der Autofahrerinnen untereinander ist. Meist sagt mir eine Autofahrerin, dass sie mich sieht und mich nicht gerne überfahren würde; der Taxifahrer sagt mir, dass er mich transportieren möchte; und der jugendliche Übermütige sagt mir, dass er mich als Frau so sehr wahrnimmt, dass der Säugling, der an mir hängt, gar nicht stört bei dem Versuch, seine Kumpels von seinem Mut und seiner Mannhaftigkeit zu überzeugen, in dem Moment, da sich die seltene Gelegenheit dazu ergibt. (Westliche Frauen anzusprechen ist sozial weitaus akzeptierter als Frauen mit Kopftuch anzusprechen.) Desweiteren gibt es die Theorie, dass die Ägypterinnen im Verkehr herauslassen, was sie im Alltag nicht dürfen, an Ärger und Enttäuschung über ihre Machtlosigkeit. Die Leserin urteile selbst: bin ich als Person angesprochen oder sind es die Umstände hier, die mir etwas über sich selbst erzählen?
 

Herbst und Jobs in Kairo

So langsam wird es auch in Kairo Herbst (Mitte November, irre!!). Das merke ich daran, dass erstaunlicherweise auch hier Laub fällt und Haufen welker Blätter zusammengefegt werden. Das kann ganz schön Lärm machen, wenn es nachts um 23 Uhr direkt unter dem Schlafzimmerfenster geschieht und von sechs Männern erledigt wird, wobei die Hälfte sich um ein Feuerchen schart, Cola trinkt und laut redet.

Außerdem habe ich gestern beim DVD-Abend das erste Mal eine Decke gebraucht. So ein bisschen bekomme ich Angst vor dem Winter. Man sagt mir, hier frieren die Menschen im Winter trotz viel milderem Wetter mehr, da es keine Heizungen gibt. Aber wie fragt Khalil Gibran: "Ist nicht die Angst vor dem Frieren dasjenige Frieren, welches keine Decken und keine Heizung lindern kann?"

Dagegen erheitern mich die Jobs, die die Ägypter erfunden haben. Im Prinzip ist hier niemand arbeitslos. Der Verdienst fußt auf der Hoffnung, die eigenen Bemühungen werden von den Reichen honoriert. Schuhputzer, Scheibenputzer im Stau und Rosenverkäufer in Cafés kennt man ja. Aber wie sieht es aus mit:

- Umzugsgutverpackungsöffner

Er geht in gebügelter Stoffhose ans Werk und guckt genauso fachmännisch wie sein besser geschulter Kollege, der die Möbel dann aufbaut. Die Arbeit, einfach die Kisten aufzuschlitzen, scheint aber etwas langweilig zu sein, so dass er zwischendurch gemütlich deren Inhalt inspiziert. 

- Kreuzungsmanager

Er unterscheidet sich vom Verkehrspolizisten darin, dass er eher Empfehlungen als Befehle signalisiert und daher seine Anweisungen doppelt geprüft werden müssen. Man wird durchaus mal in den schnell fließenden Verkehr von LKWs eingewunken oder über rote Ampeln.

- Wartenummernverteiler

Er sitzt z.B. in Mobilfunkläden oder in Niederlassungen von Fluggesellschaften und entscheidet selbst, wie lange er Ahnungslose herumstehen lässt, bevor er ihnen eine Wartenummer in die Hand drückt. Diese Nummer bedeutet nicht unbedingt, dass man nach der vorherigen und vor der nachfolgenden Nummer auch bedient wird. Mit Säugling komme ich z.B. meist früher dran.

- Park- und Rangiermeister

Die Vermutung liegt nahe, dass jeder Ägypter im Grunde seines Herzens ein Park- und Rangiermeister ist. Wo auch immer ein Ägypter erkennt, dass ich Schwierigkeiten habe, zu Parken oder voranzukommen, beginnt er, mir mit Handzeichen vorzugeben, wie ich seiner Meinung nach am Lenkrad kurbeln oder aufs Pedal treten sollte.

- Parkplatzverwalter

Er fühlt sich weniger der Autofahrerin als vielmehr einem Parkplatz verpflichtet. Oft ist dieser in zweiter Reihe zugestellt. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung: wenn man in zweiter Reihe parkt, zieht man die Handbremse nicht. So kann der Parkplatzverwalter beliebig Autos durch die Gegend schieben. Natürlich dürfen nur ausgesuchte Leute auf seinen Parkplatz. Er hält gerne Vorträge darüber, wann und wie man auf seinem Parkplatz zu parken hat. Meist kommen diese Weisungen von einem ominösen Vorgesetzten. Er ist sehr hilfsbereit beim Ent- und Bepacken des Wagens (z.B. Kinderwagen).

- Fahrradkurier für sperrige Gegenstände

Diese mutige Spezies befindet sich meist zu zweit auf einem rostigen, uralten Fahrrad. Einer tritt, der andere balanciert Leitern, Stühle oder andere Riesigkeiten auf dem Kopf. Sie fahren bevorzugt auf Hauptstraßen gegen Fahrtrichtung.

- Einpackdienst Kasse

An jeder Supermarktkasse versammeln sich mindestens drei Männer neben der Kassiererin. Relativ unvorhersehbar schieben sie den Einkauswagen zurück an seinen Platz, packen die Waren in Plastiktüten und/oder liefern sie bei Bedarf nach Hause (hier kennt jedes Kind den Begriff "home delivery"). Als gute Deutsche versuche ich, ihnen rechtzeitig meine Stofftaschen aufzudrängen. Diese werden nach der dritten Tüte mit mitleidiger Miene benutzt.

Ja bettelt denn hier niemand? Doch, doch. Die armen Frauen und Kinder. Aber nicht viel, zumindest nicht auf Zamalek.

Wohnung

Kurzinformationen:

–Ich heiße hier für die Meisten "Madame". Es gibt davon zwar in jedem Haus zehn Stück, aber was soll’s.–

–Hier gibt es keinen Quark. Ich kann doch nicht kochen, wo bekomme ich jetzt mein Eiweiß her?–

–Sehr dekorativ, die knallbunten Platikschläuche, die das heruntertropfende Wasser der Klimaanlagen im Zaum halten sollen. Sie hängen von allen Stockwerken bis auf den Boden herunter. Demenstprechend hat man die auch vor dem Fenster.–

–Gestern habe ich eine Mücke gekillt, nach Mückenart. Hinterrücks als das Monster satt und schlafend von Linus’ Mobilé-Stern runterhing.–

–Am Wochenende haben wir mit Gästen unser Esszimmer eingehweit.–

–Ich glaube ich finde den Verkehr symphatisch. Wir fahren auf jeden Fall beide hier Auto. Heute werde ich einen neuen Stadtteil erkunden, Mohandesseen. Naja was heißt erkunden. Jemand finden, der mir das Handy repariert.–

Linus-Flashlights:

Ich bin wieder gesund! Mama muss mir keine Popel mehr aus der Nase zerren und ich kann wieder einwandfrei trinken. 

 


 

Ich wippe jetzt auf allen Vieren vor und zurück (hier auf den Stühlen im Mariott, wo Mama und Tante Hilke Kaffee tranken). Und irgendwann, wenn ich genug Anlauf habe und mal keiner hinguckt, werde ich loskrabbeln.

 



 

Das ist Tante Hilke. Sie hat auch eine kleine Maus, wenige Wochen alt. Wir haben uns -na wo schon- in der Krabbelgruppe kennengelernt.

 


 

Das ist meine Nanny Rosie. Ich mag sie total gern. Sie singt immer lustige Lieder. Wenn ich müde bin, trägt sie mich rum bis ich schlafe. Gähn.

 


 

 

Meine erste Sehenswürdigkeit in Kairo. Die Sakkara-Pyramiden.

 


 

Habe ich euch eigentlich schon meine Füße vorgestellt? Die tragen mich zwar noch nicht, sind aber total entzückend, finde ich. Papa und Mama sind ja beide der Meinung, dass SIE hübsche Füße haben. Gut, ich finde sie auch interessant. Aber meine sind einfach immer zur Hand und total lecker und griffig! Wahrscheinlich werde ich deshalb da ständig abgeküsst und angeknabbert. Manchmal lache ich dann ein bißchen.

Wohnung

 


 

 

"Eingangshalle"

 


 

Wohnzimmer, die eine Seite

 


 

Wohnzimmer, die andere Seite

 


 

Esszimmer, eine Ansicht

 


 

Esszimmer, eine andere Ansicht

 


 

Küche, eine Ansicht mit Laufstall

 


 

Küche, eine weitere Ansicht

 


 

Arbeitszimmer

 


 

Flur

 


 

 

Schild am Gästebad

 


 

Gästebad

 


 

Bad "Madame" und "Sir", erste Ansicht

 


 

Bad "Madam" und "Sir", zweite Ansicht

 


So einen Frisiertisch zu besitzen, war ja schon länger mein Traum…

 


 

Schlafzimmer

 


 

Der Balkon hinter dem Schlafzimmer

 


 

Kinderzimmer

 


Ein landestypisches Accessoire, was schon vor uns da war.

 

Der vordere Balkon und das Gästezimmer brauchen noch etwas Zeit, um sich herzurichten. 

Dies und Das

Sodele. Wir sind letzte Woche umgezogen. Wer erwartet hat, jetzt hier Topbilder der Wohnung zu finden, der ist noch nie umgezogen!!!

 

 

Wir hatten Hilfe beim Auspacken, jemand, der sich bis zum Hals mit reingehängt hat:

 


 

Die Leute von DHL Kairo fanden es angebracht, die Kisten erstmal auf dem Balkon zu verstauen. Dann haben wir einfach mitgemacht. Nach dem Aufbau der Möbel dauerte es noch drei weitere Besuche, bis alle Kartons abgeholt waren. (Naja alle die bis jetzt ausgepackt sind.) Arbeitskraft und -zeit werden verschwenderisch eingesetzt, andere Ressourcen wie Handwerkszeug sind knapper. So gingen die zwei Jungs, die unseren Fernseher installiert haben, lieber eine Stunde auf die Suche nach Zubehör in der Nachbarschaft, als es von vorneherein mitzubringen. Funktioniert auch, dauert nur länger. 

Was auch manchmal länger dauert, ist die Warterei aufs Wasser. Das fiel einmal für einen Tag aus. Viel ist eigentlich nicht passiert, außer dass es im Café keine Heißgetränke gab. Da musste ich eben eine Eisschokolade nehmen, wasn Pech!

Inzwischen hat sich meine Einstellung zum Hupen geändert. Ich fühle mich nicht mehr blöd angemacht, wenn ich angehupt werde, sondern besser informiert. Hupen heißt einfach "Ich bin hier!". Es ersetzt die meisten bei uns etablierten Verkehrsregeln.

Unser Auto ist inzwischen angekommen, und wir haben uns im Freitagmorgenverkehr (geringste mögliche Autodichte) auf den Asphalt gewagt. Ging ganz gut.

Aufs Auto mussten wir übrigens auch viel zu lange warten. Da hat sich DHL aber mit orientalisch-überschwänglicher Geste entschuldigt: 

 


 

 

Ich habe mich mal gewundert, warum unter den Autobrücken relativ gepflegte Männer "entspannen", so sah das für mich aus. Nach einer Weile ging es mir auf: das sind Obdachlose. Sie sehen einfach viel besser aus als in Deutschland, weil sie keinen Alkohol trinken!

Jetzt aber zu unserem Wonneproppen. Neuste Entdeckungen: Gras essen! Da hab ich nicht schlecht gestaunt, als er sich von der Krabbeldecke aufs Gras gerobbt, eine Faust voll Gras ausgerissen und sie in den Mund gestopft hat. Da musste Mama gleich mal probieren, wie die Sache mit Gurke läuft:

 

 

Aber Linus hielt sie erstmal nur in der Hand. Die Füßchen liegen ebenfalls gut in der Hand:

 

Der Luftballon knatscht toll, wenn man ihn kneift:

 

 

Lieblingsmuster in der Wohnung ist die Verzierung des Spiegels:

 

 

Inzwischen waren wir mal mit Kinderwagen unterwegs. In der Stadt ist das nicht einfach, wie schon erwähnt gibt es die ein oder andere Sackgasse:

 

 

Einfach stehen lassen kann man den Wagen ja auch nicht:

 

 

Heute haben wir tatsächlich einen Park gefunden, in den man für 1 Pfund/14 Cent darf. Gleichzeitig ist der auch eine Art Aquarium mit eigenwilligem Anschaungsmaterial:

 

 

Linus ist heute zum ersten Mal krank, er hat Schnupfen und Husten. Ich hab Halsschmerzen. Nicht zum ersten Mal. Aber wenn die morgen besser sind, habe ich zum ersten Mal Arabischunterricht!

 

Mein Tag auf dem Spielplatz

 

Erstmal ausruhen bevor es losgeht.

 

 

Dann langsam aufwachen. Genüßlich Strecken bereitet auf das Öffnen der Augen vor.

 

 
Dann guck’ ich mir mit Mama all die Sachen an, auf denen ich später mal rumklettern werde. Wie wild!
 

 

 

 

Am interessantesten sind die Bäume über mir, die wehenden Äste, Licht, Schatten… da könnt’ ich ewig gucken.

 

 

Während ich so gucke, geschehen noch andere Dinge, so dass Papa eingreifen muss. Papa guck’ ich übrigens auch total gern an!

 

 

Wieder frisch flieg’ ich gen Himmel! Dann werde ich zur Wolke und erfreue die Menschen unter mir mit dicken Wassertropfen. Mir wird aber verziehen, weil ich weitestgehend auf Milch-Spucken verzichte.

Wenn meine Reserven so langsam erschöpft sind, kommt das Unvermeidliche:

 

 

Trinken…

 

…Schlafen.

Wer kommt das nächste Mal mit auf den Spielplatz? Freiwillige?

 

 

 

Was ist anders?

Manche Dinge hier sind lustig:

Die Badewanne, die auf einem Hausdach steht. (Wir können sie sehen, weil wir vom 7. Stock aus runtergucken.)

Die Frau, die am Steuer ihr Handy zwischen Wange und Kopftuch geklemmt hat, um zu telefonieren.

Die Boote, in denen man nicht einfach mit fremden Leuten zusammensitzt und den Nil anguckt, sondern laut Musik dazu hört und tanzt. (Es sind doch keine Ramadan-Partyboote. Die machen das immer.)

Manche Dinge verstehe ich nicht:

Ein Mann auf der Straße füllt Tonkrüge mit Wasser, die auf unterschiedlicher Höhe in einen überdimensionierten Kerzenhalter geklemmt sind.

Ich laufe Abends die Straße lang, und auf einmal erscheint eine große Menge rufender Menschen vor mir, die sich in Männer und Frauen aufteilt und zwei Schlangen bildet. Sie münden in einen ganz kleinen Laden, in dem nichts steht.

Manche machen nachdenklich:

Es gibt hier sehr viel weniger als bei uns das Konzept von Öffentlichkeit, in der man sich aufhält. Es gibt keine Parks, keine Wiesen, keine Kinderspielplätze. Um dies zu genießen, muss man in einen Club eintreten. Das kann sich hier nur die Oberschicht leisten. Ich komme nicht umhin, zu denken: Deutschland ist ein großer, exklusiver Club von hier aus gesehen.

Werbung für Potenzmittel vor der Apotheke: ein großes Plakat mit der blauen Pille drauf. Aber Händchen halten auf der Straße ist anstößig.

Und manche Dinge sind einfach wunderbar:

Unter einer Brücke, die über den Nil führt, braut ein Mann Nachts Tee in kleinen Gläsern zum Verkauf. Tagsüber steht seine Ausrüstung einfach so unbeobachtet unter der Brücke - Wasserkessel, Gläser, Tablett, Stuhl. In Ägypten wird man äußerst selten beklaut. Auch Fremde und Touristinnen nicht.

Geht man aus dem Haus, grüßen der Hausmeister und die Nachbarn freundlich und überlegen, ob sie irgendwie helfen können. Hab ich den Kleinen mal nicht auf dem Arm, befragt mich unser Bawwab, was er macht. Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen? Hier ist das möglich, denn viele Augen sind interessiert am Geschehen.

Wie schon erwähnt, Service, Service, Service:

Eine liebevolle und erfahrene Frau hütet die Kinder für 2,50 Eur in der Stunde.

Taxi fahren für 60ct pro Strecke innerhalb des Stadtteils (manch eine erlitt zurück in Deutschland einen großen Schock, nachdem sie gewohnheitsmäßig in ein Taxi gestiegen war).

Heimbring-Service vom Supermarkt (auch telefonisch, dann muss man das Haus gar nicht erst verlassen) für 50ct.

Wäsche wird um die Ecke gebügelt und ins Haus gebracht für 25ct pro Hemd/Stück.

Während Von der Leyen und Schwesig krampfhaft um die Wette überlegen, wie sie es schaffen, dass Kindergeschrei Musik in der Deutschen Ohren wird, kann Linus den gesamten Laden/Stadtteil zusammenbrüllen, und die Ägypterinnen klatschen vor Freude in die Hände und fragen entzückt: "Junge oder Mädchen? Wie alt ist er? Wie heißt er?"

Auch jetzt, Ende September, noch T-Shirt-Wetter rund um die Uhr! 

Was machen wir hier den ganzen Tag?

Auf der Straße laufen, so wie ich es mit Linus im Gepäck tue, unterscheidet sich sehr von den Straßen, sagen wir, Denzlingens. Erstmal ist es hier immer noch sehr heiß, 36 Grad. Sobald ich die Straße betrete, wird dies mindestens von unserem hilfsbereiten Bawwab wahrgenommen und wir grüßen uns gegenseitig.

 


 

Desweiteren trifft man alle 20 Meter auf einen uniformierten, mit einem Gewehr bewaffneten jungen Mann. Von wem sie beauftragt sind, scheint uneinheitlich und mannigfach. In unserem Viertel werden vor allem die Botschaften bewacht. Dann gibt es die Touristenpolizei rund um die Hotels. Und die, teilweise selbsternannten, Vorsteher der Straßenkreuzungen. Ob die Waffen wirklich geladen sind oder überhaupt funktionieren, ist bei uns immer wieder Anlass zur Spekulation.

Auf der Straße herrscht der Staub. Das erkennt man von Weitem an den Autos, die mit buntem Decken mit 70er-Jahre-Muster komplett abgedeckt sind. Die Decken sind aber nicht einfach darübergeworfen, nein, sie passen sich dem Auto nebst Rücklichtern an wie maßgeschneidert. Auf den Blättern der Bäume, die hier durchaus grünen, liegt eine braune, dicke Staubschicht. Die jungen Blätter, die noch die Sonne sehen können, sind daher eindeutig zu indentifizieren.

Gehwege neben der Straße gibt es. Aus verschiedenen Gründen werden sie aber kaum betreten, so dass Passantinnen nebenher laufen, bzw. neben den Autos, die Stoßstange an Stoßstange auf beiden Seiten neben den Gehwegen parken. Der Bordstein ist z.T. einen gefühlten Meter hoch. Er wird von den Häuschen der Bewaffneten versperrt. Oder Männer sitzen in Plastikstühlen darauf und machen Siesta. Einige lesen im Koran. Was soll man auch sonst machen, Essen und Trinken darf man ja nicht. 

Schließlich gibt es eine Menge Schutt und Schlaglöcher auf den Gehsteigen. Also laufe ich, wie fast alle Fußgängerinnen, auf der Straße. Nachteil hier: alle 30 Sekunden fährt ein Taxi vorbei, welches mich als mögliche Kunden mit lautem Hupen auf sich aufmerksam macht. So ist es eine Glanzleistung vom Zwerg, dass er sich trotzdem von Mamas Geschunkel einschläfern lässt: 

 

Wie sich aus der Beschreibung erahnen lässt, ist es hier mit städtischer Naherholung nicht weit her, so dass ich gezwungen bin, die Angebote der Hotels und Clubs wahrzunehmen. Da vergeht schon einmal ein Vormittag im Marriott-Hotel. Im dortigen Restaurant kann man draußen sitzen, was ansonsten in Kairo eher die Ausnahme ist.


Linus geht gern mit seiner Mama Kaffee trinken, zumindest siehts so aus:

 

 

Oder wir gehen eine Mama aus der Krabbelgruppe besuchen. Linus durfte unter Antons Spielebogen liegen. Er fand das super, und Anton auch!


 

Was ich in Berlin erst ganz zum Schluss geschafft habe, habe ich hier in den allerersten Tagen gemacht: das nächstgelegene Museum im Viertel besuchen. In Zamalek ist dies das islamische Keramikmuseum.


Am Besten gefiel mir eine Plastik aus der Said El-Sadr Gallerie.

Auch schön: etwas Geschirr aus Persien und der Türkei, 18. Jhdt.

 

 
 

Jedoch gehen wir zugegebenermaßen am aller-öftesten in einen Supermarkt. Hier gibt es westliche Produkte, die ich selbst nur vom Hörensagen kannte, z.B. Hershey-Schokolade oder "I can’t believe it’s not butter!" aus den USA. Stoff für eine Mr-Bean-Folge gibt m.E. eine sich wiederholende Szene: an der Kasse, während ich die Waren aufs Band räume und dann versuche, die Scheine in der noch fremden Währung zusammenzusuchen, fängt mein Engel an zu brüllen. Das kenne ich ja schon aus Deutschland. Hier kommt noch dazu: ich bestelle den Heimbringdienst, der diverse Daten von mir erfragen muss (Name/Adresse/Preis/Uhrzeit). Dies alles in gebrochenem Englisch während mein Lieblingssäugling vor Wut fast blau anläuft. Schwitz.

Wieder zuhause angekommen, macht Wäsche waschen einerseits mehr Spaß, da alles nach einem halben Tag trocken ist. Andererseits muss ich mich noch an die Agressivität des hiesigen Waschpulvers gewöhnen. So kommt es, dass ein Großteil unserer Sachen jetzt rosa verfärbt sind. Das trifft natürlich meine beiden Jungs besonders hart. Auf dem letzten Photo trägt Linus denselben Body, den er im Tiergarten schon anhatte (siehe Eintrag 03.09).

Wenn es Abend wird, verlassen die Ägypter ihre Plastiksessel. Kurz vor "iftar", dem Fastenbrechen,  scharen sie sich um die heimischen Kochtöpfe und waren nicht mehr gesehen:
 
 
 
Oder aber, wenn das Geld nicht reicht, setzt man sich abends an eine öffentliche Tafel. Es ist ein Gebot des Islam, an arme Menschen zu spenden, und so wie bei uns an Weihnachten wird Geld ausgegeben, damit die Armen etwas zu essen haben. Man sieht meterlange, gedeckte Tische auf der Straße, an denen die Menschen vor den gefüllten Tellern sitzen, bis man "einen schwarzen Faden nicht mehr von einem weißen unterscheiden kann". Und dann beginnt endlich die Mahlzeit.
 
Wieder in die Wohnung zurückgekehrt, guckt unser vierter Hausbewohner, ein Gecko, neugierig von der Wand. Aufgrund seiner angenehmen Eigenschaften (possierliches Aussehen, Ungefährlichkeit, Vertilger von Insekten) habe ich ihn in mein Herz geschlossen.


Und draußen vor unserem Balkon fahren schrill beleuchtete Ramadan-Partyboote den Nil rauf und runter, eine fragwürdige Mischung aus orientalischer und Technomusik verschallend. Diese Boote kann man mieten.


 

Am Wochenende machen wir Familienausflüge. Letztes Wochenende waren die Pyramiden von Sakkara dran, inklusive ältester Pyramide der Welt. Es gibt dort sehr beeindruckende pharaonische Reliefs zu bewundern. Hinterher, wie kann es anders sein, ging es ab in den Club, wo ich zum ersten Mal seit Linus’ Geburt wieder schwimmen war. Herrlich!

 
Sonstiges Ereignisse: ein sehr netter "Ahlan wa sahlan"-Begrüßungsabend, von der ev. Kirchengemeinde organisiert, an dem wir schick am Nil gespeist und neue Leute kennengelernt haben; unsere erste offizielle Abendveranstaltung vom Amt (Verleihung des Bundestverdienstkreuzes an den ägyptischen Jounalisten Salama Ahmad Salama). Beides ohne Linus! Auf ihn hat zum ersten Mal Rosie aufgepasst, seine neue, liebe und erfahrene Kinderfrau.
 

Erste Streifzüge durch Embaba und Zamalek

Wir haben uns nach einem Tag dann doch aus dem Haus getraut:

Klimaanlage

In reicheren Geschäften wie dem Mobilfunkladen ist die Temperatur bei gefühlten 15 Grad, während es draußen den 40 entgegengeht. So kann ich das Mulltuch, das Linus’ Beine vor Sonne schützen soll, gleich umlassen gegen die Kälte. Das erste Mal schlug mir die schwüle Luft beim Verlassen des Flughafens entgegen. Da hatte ich mich gefragt, wieso die Luft so schwül ist, denn in Kairo gibt es praktisch keinen Niederschlag. Das Wasser kommt hier nicht vom Himmel, sondern tropft aus den Klimaanlagen. So stößt man beim Spazierengehen (etwas blumiger Begriff für Hürdenlauf durch die Straßen) regelmäßig auf:

Ob diese Pfützen nun für die Schwüle verantwortlich sind, sei dahingestellt. Es gibt ja noch den Nil. Auf folgendem Photo sieht man eine weitere Parallele zu Berlin, neben dem Fluss, der durch die Stadt fließt: Restaurants auf dem Wasser. Hier hat alles etwas größere Dimensionen.

Service

In besagtem Handyshop gab mir ein Mitarbeiter, der langsam Mitleid mit mir bekam, eine Wartenummer in die Hand und schickte mich in einen anderen Raum. Dort wurde ich dann gleich zum Schalter gerufen - unabhängig von der Nummer. Wartenummern als Selbstzweck - ein Hinweis auf die Verwaltungswut der Ägypter? Die Mitarbeiterin war sehr freundlich und verband mein Handy gleich mit dem Netz, nachdem ich meine Nummer aus mehreren auswählen durfte. In Deutschland hätte ich mich mit der CD allein wohl schwer getan, so war’s gleich erledigt.

Wenn man Lebensmittel einkaufen geht, gibt’s einen Heimbringdienst: ins selbe Viertel kostet das 4 Pfund, also 50 Cent. Es haben nur westliche Läden wie die Metro tagsüber offen. Ansonsten frönt man dem Ramadan und öffnet erst später. Manche Straßen sind festlich geschmückt:

Anhand dieses Photos lässt sich auch die Verkehrslage abschätzen. Dies ist eine wenig befahrene Seitenstraße.

Der Bahwab, ein allzeit gegenwärtiger Hausmeister, begrüßt mich beim Verlassen und Betreten des Hauses freundlich. Seine Familie hat Linus neugierig bespielt. Sobald der Kontakt hergestellt ist, fangen die Araberinnen an, zu schnipsen. Das ist hier sicher der ultimative Test, ob das Kind am Leben ist.

Für unseren Müll kassiert der Bahwab doppelt: einmal von uns für die tägliche (!) Abholung, einmal von Müllsortierern, die von und auch im Müll leben. Sie sortieren den Müll und verwenden ihn wieder. Zamalek, unser Gebiet, ist beliebt und teuer. Das Verwertungssystem ist wohl effektiver als unser fragwürdiger Grüner Punkt. Aber es ist beklemmend, zu wissen, dass andere von unserem Müll leben.

Konsumgüter

Bei unserer ersten Bestellung ins Haus habe ich ein Gemüse entdeckt, das eine Nationalspeise in Ägypten ist: Molokheya. Es kommt in Verarbeitung, Farbe und Geschmack unserem Spinat gleich. Es ist aber um eine Eigenschaft reicher: es ist so schleimig, dass beim Abwasch sogar das Spülmittel Fäden zieht. 

A propos gefährliche Substanzen: meine Freude, im Laden Pampers gefunden zu haben, hielt nur bis zum nächsten Wickeln. Sie sind offensichtlich ein fac-sehr-undeutlich-über-den-Daumen-gepeilt-simile und bestehen zu 90% aus Plastik. Das macht schön "knister-knister" bei jeder Bewegung und hält bei den Temperaturen alles schön feucht. Uaaah. Also durfte Linus heute den ganzen Tag schon nackt strampeln. Dabei hat er schon fast alle verfügbaren Handtücher unter Wasser (Euphemismus) gesetzt. Zum Glück habe ich bei der Krabbelgruppe (richtig, ich habe hingefunden!) schon Kontakt zu einer jungen Mutter geknüpft, die mir einen besseren Tipp geben konnte. Das nächste Mal also in die Apotheke zum Windelkauf.

Gebäude

Die ägyptischen Christen sind Kopten. Ich begegne vielen koptischen Kirchen, obwohl nur 10% der Bevölkerung Kopten sind.

Nun habe auch ich es gesehen, das für mich wichtigste Gebäude: unsere zukünftige Wohnung. Eine kleine Vorausschau samt Mann und Kind vom Esszimmer bei Nacht:

Die Wohnung ist ein Traum. Im Moment noch leer, aber das ändert sich bald, inscha’allah! Ich stelle nur Bilder von der bezogenen Wohnung rein, wenn ihr uns dann trotzdem noch besuchen kommt!

 

Abschied von Berlin und Ankunft in Kairo

Freitag
 

Mit diesem opulenten Mahl im Kreise von Freundinnen und Verwandten im Tiergarten ging unsere Zeit in Berlin zuende. Leider mangelte es an Decken, und ein Regenschauer vertrieb uns unter einen Baum.
Unser Baby hatte sich schonmal vorbereitet aufs Abenteuer:

Samstag

Bei Egyptair kamen wir in den Genuss der Business-Class - als einzige in diesem Flug. Elf Mal haben wir einen Service angeboten bekommen. Beispiele: ein Kissen fürs Baby und Babynahrung. Es war nicht ganz einfach, den Steward zu überzeugen, dass Linus erst 3 Monate alt ist und nur Milch trinkt. Das Gebrüll von Linus wurde verständnisvoll aufgenommen, besonders, als wir angaben dass er gerade zahnt. Im Flughafen mussten wir noch durch die Schweinegrippe-Kontrolle. Einfach auf der Liste der Beschwerden nichts ankreuzen, schon war man durch. Abgeholt wurden wir von zwei aufmerksamen Botschaftsangehörigen, die wegen eines verschollenen Koffers länger auf uns warten mussten.

Spätabends angekommen in der Dienstwohnung staunten wir 2-Zimmer-Gewöhnten erstmal über den Platz! Linus hat ein eigenes Zimmer mit Bad!
 
Sonntag
 
Eindrücke vom ersten Tag: der Blick vom Balkon der Wohnung. Die Türme gehören zur Ägyptischen Nationalbank.
 


Blick aus dem Schlafzimmer auf den Stadtteil Zamalek, in dem sich auch die deutsche Botschaft befindet.
 


 

Am ersten Vormittag haben wir: die Wohnung erkundet, eingeräumt, gebadet, herausgefunden, wie man die Klimaanlage einschaltet und weitere Unspektakel. Hitze und neugierige Männerblicke draußen hindern mich fürs erste, mit Linus die Gegend zu erkunden. Mission für die Tage: Krabbelgruppe im Schweizer Club Imbaba jenseits des Nils zu besuchen.

Der Sonntag ist hier übrigens Montag. Deshalb hat Stephan auch schon am Sonntag gearbeitet. Das Wochenende ist Freitag/Samstag. Die christlichen Gottesdienste finden trotzdem Sonntags statt, dann aber meist Abends. 

 

 

free blog themes