Joggen in Kairo

Crosstrainer ist ja dreimal die Woche, wie es sich für eine Gewohnheitssportlerin gehört, einfach nur stinklangweilig. Erst recht wenn der musikbegeisterte Mitbewohner, der einem die neuesten Tunes quasi auf den MP3-Player geladen hat, seit geraumer Zeit in einem anderen Land wohnt. Und in den Sportclub… wie lange habt ihr mal einen Sport drei Mal die Woche durchgehalten, zu dem man eine halbe Stunde Anreisezeit hat? Also dachte ich mir: durch Kairos Straßen joggen ist zwar hier allgemein als "nicht mehr ganz sauberes" Verhalten verpönt, aber es macht doch Spaß, ein bißchen verrückt zu sein.

Ich fing also damit an. Es war phantastisch. Die Straßen voller Hindernisse waren Straßen voller immer neuer Wendungen und Blickwinkel. Die gelangweilt glotzenden Soldaten konnten gar nicht schnell genug gucken, und ich konnte mir aussuchen, ob ich schnell hinter ihrem Rücken vorbeiflitze oder sie durch frontales Auf-sie-zu-rennen verängstige. Muss man dafür geltungsbedürftig sein, oder sich noch an das Trotzden der Pubertät erinnern können? Ja klar! Aber darum geht es jetzt nicht. Die uniformierten, blutjungen Männer und ich hätten gerne die Aura getauscht: wie gerne hätten sie auffällig, sexy, anziehend und exotisch auf mich gewirkt, und wie gerne wäre ich unsichtbar für sie gewesen. Denn revolutionieren tut so eine Runde durch Zamalek nichts, es verfestigen sich nur die Vorurteile beiderseits. Vielleicht, mit etwas Glück, bedeutete die Runde etwas mehr Freiheit für mich, und für alle Frauen, die mich gesehen haben.

Aber weiter zum Erlebnis. Es ist wirklich sehr aufregend auf den Straßen Kairos. Wenn man einmal die zugestellten und aufgerissenen Straßen als Hindernisparcours angenommen hat, sieht man nur noch Herausforderungen, keine ärgerlichen Störungen mehr. Frühmorgens sind Fischer auf dem Nil unterwegs. Keine Handwerker, Geschäftemacher. Einfach arme Leute, die am verdreckten Nilufer wohnen und sich von Fischen ernähren, die zwischen Müll umherschwimmen. Regelmäßig kreuzen Marder meinen Weg. (Ich war gewillt, sie begeistert als Baby-Eichhörnchen zu bestaunene. Aber so rosa meine Brille dann doch nicht.)

Zamalek-spezifisch folgende Erscheinung: ein Hausangestellter mit einer Bulldogge mit Maulkorb. Ich sah ihn rechtzeitig, um die Straße zu wechseln. Ich hatte gedacht, die Ägypterinnen machen sich nichts aus Hunden. Aber wie Stephan immer sagt, „die Ägypterin“ gibt es nicht.

Mitten durch einen Pulk aus Schulmädchen mit Uniform: „What’s your name?“ Ob ich mit meinem Anblick den Kairoanern die „gute alte Zeit“ versaue, in denen dieses Viertel noch den Ägypterinnen gehörte? Die keinen Sport machen, und wenn, dann mit Kopftuch und ausschließlich im Sportclub an Frauentagen?

Ja, dieser neue Sport hat mich euphorisiert. Bis ich zwei Wochen später nach meinem Morgenlauf am Küchentisch saß und mich fühlte, als hätte ich drei Zigaretten hintereinander geraucht. Seitdem laufe ich nicht mehr durch Kairos Straßen. Es war ein kurzer Flirt, der mir einen Zugang zu einer Welt gewährt hat, in der ich bestimmt habe, wo es langgeht, und in dem ich mit den Hindernissen Kairos spielen konnte, statt sie immer nur als Belastung zu empfinden. Warum sind die Straßen selbst in den edelsten Vierteln so zerrissen? Die wichtigsten Verbindungswege zwischen den Menschen? Der „Campus“, ein Hochglanz-Hochschul-Magazin, vermutet, die Zerrissenheit der Gesellschaft hat sich in ihnen einen Spiegel geschaffen. Und keine aufkeimende Kühnheit einer Ausländerin kann sie kitten.
 

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