Herbst und Jobs in Kairo

So langsam wird es auch in Kairo Herbst (Mitte November, irre!!). Das merke ich daran, dass erstaunlicherweise auch hier Laub fällt und Haufen welker Blätter zusammengefegt werden. Das kann ganz schön Lärm machen, wenn es nachts um 23 Uhr direkt unter dem Schlafzimmerfenster geschieht und von sechs Männern erledigt wird, wobei die Hälfte sich um ein Feuerchen schart, Cola trinkt und laut redet.

Außerdem habe ich gestern beim DVD-Abend das erste Mal eine Decke gebraucht. So ein bisschen bekomme ich Angst vor dem Winter. Man sagt mir, hier frieren die Menschen im Winter trotz viel milderem Wetter mehr, da es keine Heizungen gibt. Aber wie fragt Khalil Gibran: "Ist nicht die Angst vor dem Frieren dasjenige Frieren, welches keine Decken und keine Heizung lindern kann?"

Dagegen erheitern mich die Jobs, die die Ägypter erfunden haben. Im Prinzip ist hier niemand arbeitslos. Der Verdienst fußt auf der Hoffnung, die eigenen Bemühungen werden von den Reichen honoriert. Schuhputzer, Scheibenputzer im Stau und Rosenverkäufer in Cafés kennt man ja. Aber wie sieht es aus mit:

- Umzugsgutverpackungsöffner

Er geht in gebügelter Stoffhose ans Werk und guckt genauso fachmännisch wie sein besser geschulter Kollege, der die Möbel dann aufbaut. Die Arbeit, einfach die Kisten aufzuschlitzen, scheint aber etwas langweilig zu sein, so dass er zwischendurch gemütlich deren Inhalt inspiziert. 

- Kreuzungsmanager

Er unterscheidet sich vom Verkehrspolizisten darin, dass er eher Empfehlungen als Befehle signalisiert und daher seine Anweisungen doppelt geprüft werden müssen. Man wird durchaus mal in den schnell fließenden Verkehr von LKWs eingewunken oder über rote Ampeln.

- Wartenummernverteiler

Er sitzt z.B. in Mobilfunkläden oder in Niederlassungen von Fluggesellschaften und entscheidet selbst, wie lange er Ahnungslose herumstehen lässt, bevor er ihnen eine Wartenummer in die Hand drückt. Diese Nummer bedeutet nicht unbedingt, dass man nach der vorherigen und vor der nachfolgenden Nummer auch bedient wird. Mit Säugling komme ich z.B. meist früher dran.

- Park- und Rangiermeister

Die Vermutung liegt nahe, dass jeder Ägypter im Grunde seines Herzens ein Park- und Rangiermeister ist. Wo auch immer ein Ägypter erkennt, dass ich Schwierigkeiten habe, zu Parken oder voranzukommen, beginnt er, mir mit Handzeichen vorzugeben, wie ich seiner Meinung nach am Lenkrad kurbeln oder aufs Pedal treten sollte.

- Parkplatzverwalter

Er fühlt sich weniger der Autofahrerin als vielmehr einem Parkplatz verpflichtet. Oft ist dieser in zweiter Reihe zugestellt. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung: wenn man in zweiter Reihe parkt, zieht man die Handbremse nicht. So kann der Parkplatzverwalter beliebig Autos durch die Gegend schieben. Natürlich dürfen nur ausgesuchte Leute auf seinen Parkplatz. Er hält gerne Vorträge darüber, wann und wie man auf seinem Parkplatz zu parken hat. Meist kommen diese Weisungen von einem ominösen Vorgesetzten. Er ist sehr hilfsbereit beim Ent- und Bepacken des Wagens (z.B. Kinderwagen).

- Fahrradkurier für sperrige Gegenstände

Diese mutige Spezies befindet sich meist zu zweit auf einem rostigen, uralten Fahrrad. Einer tritt, der andere balanciert Leitern, Stühle oder andere Riesigkeiten auf dem Kopf. Sie fahren bevorzugt auf Hauptstraßen gegen Fahrtrichtung.

- Einpackdienst Kasse

An jeder Supermarktkasse versammeln sich mindestens drei Männer neben der Kassiererin. Relativ unvorhersehbar schieben sie den Einkauswagen zurück an seinen Platz, packen die Waren in Plastiktüten und/oder liefern sie bei Bedarf nach Hause (hier kennt jedes Kind den Begriff "home delivery"). Als gute Deutsche versuche ich, ihnen rechtzeitig meine Stofftaschen aufzudrängen. Diese werden nach der dritten Tüte mit mitleidiger Miene benutzt.

Ja bettelt denn hier niemand? Doch, doch. Die armen Frauen und Kinder. Aber nicht viel, zumindest nicht auf Zamalek.

1 Kommentar

Kommentar von: Irene [Besucher]
Ich hoffe Du archivierst Dein Geschriebenes für Deine Enkelkinder zur Einsicht.Nicht, dass alles mit einem Mausklick verloren geht.
Es macht grossen Spass Deine Beobachtungen zu lesen.
Mich fragte auf Sansibar ein Fischer
wieviele Frauen mein Ehemann hätte, da er seine 2. Hochzeit plante. Und ich kam tatsächlich ins Grübeln, ob mein Gatte nicht doch arm dran war nur mit mir.
Fremde Länder erweitern halt unseren kleinen Horizont ;-)
Seid lieb gegrüsst Ihr 3...
Irene
18.11.09 @ 00:26

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