1) Die Göttin gebar mich und die Welt aus sich selbst heraus.
2) Ich komme aus der Göttin, bin bei der Göttin, und werde zur Göttin zurückkehren, so wie die Feuerflamme auf einer Kerze.
3) Die Göttin schuf und ist zugleich das Universum, das die Erde umgibt; die Mutter Erde, die uns mit sanfter Anziehungskraft trägt, hält und auffängt; der Wind, der uns umschmeichelt ist ihr Atem; sie ist ich und ich bin sie. Sie lebt in mir und sie ist ich. Ich bin eine ihrer Lebensäußerungen.
4) Ich bin gut, so wie ich bin. Ich bin nicht nur so geworden, weil meine Kultur oder Familie so war, sondern weil die Göttin in mir ist.
5) Meine Heimat ist die Göttin, das Hier und das Jetzt.
6) Ich gehöre niemandem und muss nichts. Alles, was ich tue, kommt freiwillig aus mir heraus. Die Göttin füllt mich an mit Energie und Ideen bis oben an den Rand.
7) Auch meine Mutter, Freundin, Nachbarin, die Tiere und die Pflanzen auf der Erde, sind eine Lebensäußerung von ihr. Wir alle stammen von und leben aus derselben Kraft. Welchem Lebewesen auch immer ich begegne, ich begegne ihr.
8) Die Göttin ist nicht nur in den Lebewesen. Sie zeigt sich auch in den Beziehungen der Lebewesen untereinander.
9) Die Welt gehört mir nicht. Alles, was ich bekomme, ist ein Geschenk, und ich werde es eines Tages wieder verlieren-an die Göttin-womit es nicht wirklich verloren ist.
10) Die Menschen, Mann und Frau, Europäerinnen und Asiatinnen, sind unterschiedlich in ihrem Temperament, ihrer Kultur und ihrem Spirit.
11) Alle Lebewesen sind aufeinander angewiesen. Die Menschen brauchen einander.
12) Manche Dinge sind einmalig, aber die meisten Dinge wiederholen sich in Zyklen und kommen immer wieder. Die Menschen leben in und aus einem Zyklus heraus. Der weibliche Menstruationszyklus ist ein Beispiel für die lebensspendende Kraft der Göttin.
13) Alles vergeht eines Tages, um wiederzukommen. Die Zeit und Entwicklungen verlaufen selten linear; oft sind sie spiralförmig und daher manchmal gegenläufig.
14) Humor und Geduld sind die zwei Kamele, die mich durch jede Wüste tragen.
15) Gewalt ist zwar teil der Welt, doch sie schmerzt das Leben sehr. Wenn es um Gewalt geht, also das Verletzen und Vernichten von Lebewesen, so muss zehn Mal zehntausend Mal darüber nachgedacht werden, wie sie so gut wie möglich langfristig verhindert werden kann.
16) Weibliche Wesen bringen das Leben in diese Welt. Sie sind es, die den Lebewesen ihr Leben schenken und sie sind auch diejenigen, die es zuerst nähren und wärmen mit allem, was sie haben, so dass es sich entfalten kann.
Alltag mit der Göttin
1) Dem Leben und alle, die es haben, bringe ich Respekt und Achtung entgegen.
2) Für alles, was mein Leben und das Leben um mich herum erhält, empfinde ich Dankbarkeit.
3) Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich als Person habe meine Zeit auf der Erde, und wenn sie um ist, werde ich von der Erdoberfläche verschwinden; ebenso mein Bewusstsein aus der geistigen und geistlichen Welt; jedoch nur, um verwandelt zu werden und doch im Universum zu bleiben.
4) Ich bin wahnsinnig stark. Ich bin stark wie eine Löwin.
5) Ich feiere, was der Jahreslauf, mein Lebenslauf und das meiner Lieben bringt: Morgen, Abend, Mittag, Nacht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, ein neues Jahr, ein neues Lebensjahr, Sommersonnenwende, Ernte, Geburt, das Erwachen der Sexualität, das Ende der Kindheit, den Anfang des Erwachsenenlebens, Hochzeit, Erfolge, Abschiede, den Tod.
6) Ich verteile mich an mich, die Meinen und an die Welt. Meine Ideen, meine Liebe, meine Nähe, meine Wärme, meine Energie, meine Aggression, meine Gedanken, meine Stimme, mein Duft, meine Gebärmutter, mein Atem, mein Tanz, mein Lachen, mein Wissen, meine Kreativität, meine ewige und heilige Neugier. Und doch bleibe ich bis in die Ewigkeit bei mir selbst.
7) Ich schaffe Netzwerke, in denen Menschen gut leben können. Ich schaffe und erhalte die Beziehungen um mich herum, und fülle sie mit Leben. Vor allem Freundinnen brauche ich wie die Luft zum Atmen.
8) Ich sorge gut für mich. Ich passe auf mich auf. Ich mache Pausen im Alltag. Ich habe Momente ich denen ich nichts tue. Ich bleibe Menschen und Gewohnheiten im Großen und Ganzen fern, die mir langfristig schaden. Ich achte auf meine Körperhygiene und meine Kleidung. Ich habe Momente, in denen ich für niemanden anders da sein möchte als nur für mich allein und schaffe mir entsprechende Freiräume.
9) Frauen und Männer schätzen Frauen im allgemeinen zu gering und erlegen ihnen alle möglichen Pflichten auf. Damit verdecken sie deren göttliche Kraft. Dem versuche ich entgegenzuwirken, wie es eben geht. Gerechte Sprache, Solidarität unter Frauen, hinterfragen von Autoritäten, orientieren an weiblichen Lebensrealitäten als Richtlinie. Solidarität unter Frauen meint: ob Mutter, ob Alleinstehende, ob Ehefrau, Hausfrau oder berufstätig – es gibt viele Lebenswege einer Frau. Lasst uns aufhören, darum zu streiten, welcher der Beste ist und anfangen, unsere Erfolge gemeinsam zu feiern.
10) Der Gedanke 16 scheint so verängstigend zu sein, dass Männer und Frauen die Tatsachen gerne ins Gegenteil verdrehen und Frauen als besonders abhängig betrachten. Frauen leisten aber nicht Dienst am Leben, weil sie das müssten, sondern weil sie wissen, dass sie und die warmen Beziehungsnetze, die sie stricken, von allen Lebewesen gebraucht werden. Sie verlangen sehr wenig im Gegenzug, aber nicht, weil ihr Dienst nichts wert ist, sondern weil sie aus Güte und Barmherzigkeit und nicht aus Habgier handeln.
11) Mir wird ganz anders, wenn ständig ich von „Göttin“ und „gebären“ spreche. Der Leserin wahrscheinlich auch. Es ist Zeit für einen Wandel hin zu einem Bewusstsein und einer Sprache, die die weibliche Kraft in ihrer ganzen Größe in Geschichte und Gegenwart sichtbar und erfahrbar machen.
12) Mein spiritueller Weg hat mit meiner Konfirmation in der ev. Kirche nicht aufgehört. Es geht immer weiter hin zur Göttin. Ich vermisse weibliche Bilder in der Kirche so sehr. Weniger die theoretische Möglichkeit als vielmehr die praktische Umsetzung. Lasst uns Namen finden, Bilder und Geschichten, die uns die göttliche Kraft der Frauen und die weibliche Seite Gottes vor Augen führt, in unser Herz hinein.
13) Der weibliche Körper ist ein Abbild der Göttin. Nur hier wird aus heiligem Blut heiliges Leben. Hängebusen, Cellulite, Krampfadern, runder Bauch, breite Hüften, kurze Beine – das ist die Göttin, wie sie leibt und lebt. Wir Frauen sollten hinter die Fassade unserer Wünsche an unseren Körper sehen. In einem Gebet, einer Meditation. Können wir unseren Körper erkennen, wie die Göttin ihn schuf? In einem weiblichen Körper ruhen die Kräfte, neues Leben enstehen zu lassen. In Nullkommanichts kann er einen Kuchen backen, der einen Embryo und später ein Kind jahrelang nähren kann. Einen Kuss dafür jeden Tag auf jeden Finger, jeden Zeh, und einen Dankestanz obendrauf!
14) Jede Lebensphase einer Frau stellt ihr Aufgaben. Einen Mann zu finden und von ihm geliebt zu werden ist nicht das Endziel und die Bestimmung, die eine Frau erst zur Frau macht. Eine Frau lieben und ehren zu können, und damit ist nicht nur seine Mutter gemeint, ist ein zwar ein wichtiges Ziel für jeden Mann; die Frauen sollten sich darauf konzentrieren, ihre eigene Kraft und Stärke zu erkennen.