Die verloren gegangene Göttin
Mein Vertrauen und meine erste und letzte Liebe gilt Gott, zu der Jesus Christus führt. Ich bin also Christin, wurde getauft und habe meine Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche mit Religionsmündigkeit bekräftigt. Ich lebe in einer Gemeinde, immer schon, und bin und war dort ehrenamtlich engagiert. Dennoch ist mir durchaus bewußt, wo die viele wichtige Vorstellungen über Gott herkommen: von den Konzilen der katholischen Kirche, die vor langer Zeit Dogmen wie die "Dreieinigkeit Gottes" beschlossen haben. Eine Frau hatte dort kein Mitspracherecht.
Gott schenkt Leben. Sie schuf sogar die Welt. Wir sind täglich Zeuginnen, dass Leben geschenkt wird. Wer schenkt hier auf Erden Leben, wer hat Ihnen das Leben geschenkt? Eine Frau!
In vielen Religionen wurde eine Göttin angebetet, bevor die monotheistischen Religionen entstanden, z.B. Innana, die von den Sumerern verehrt wurde. Diese Göttin erlaubte es Frauen, ihre Fruchtbarkeit und Weisheit zu feiern, sich ihrer Kraft bewusst zu werden und diese solidarisch untereinander zu stärken. Die erste Menstruation wurde gefeiert und führte nicht, wie später im Volk Israel, zu Unreinheit. (Wer eine Geschichte dazu lesen will, dem sei dieser Roman empfohlen.)
Vorletzten Sonntag in der Kirche sang ich diese Liedzeile: "Er leitet mit seiner mütterlichen Hand die Seinen…"
Hilfe! Es fehlt die weibliche Sichtweise in meiner Religion. Möchte eine Pfarrerin von Gott-Mutter sprechen, wird sie suspendiert. Das Argument lautet: Gott hat kein Geschlecht. Dennoch, Gott ist ein liebendes Gegenüber, und Menschen fühlen und sehen liebende Gegenüber nicht so einfach im Nebel oder Nirwana, sondern leichter in einem anderen Menschen. Die Kirche weiß das. Die Lehre besagt deshalb: Die Dreieinigkeit besteht aus drei Personen: Gott, Jesus und Heiligem Geist. Drei Männer. So ganz ohne Frau wollten die Kirchenoberen dann aber doch nicht: es gibt noch Maria, nicht Gott-Mutter, aber immerhin Mutter Gottes.
Ich jedenfalls spreche von Gott-Mutter -in sehr aufrührerischen Momenten der Göttin- und bete das Mutter Unsere. Ich wünschte, die Kirche würde die weiblichen Eigenschaften von Gott nicht so künstlich in das Bild eines Mannes legen, sondern in Liedern, Bildern und Gebeten von der Kreativität, Macht und Liebe einer Göttin sprechen, die sich in jeder von uns finden lässt. Noch viel wichtiger aber, wie bei allen Forderungen rund um die Gleichberechtigung, ist, dass wir Frauen damit anfangen.