Der große Neuanfang

Wir haben jetzt einen Fernseher. Vier Jahre habe ich ohne gelebt, bin Akademikerin mit vielen Hobbies, aber diese Sendungen wie „Deutschland, deine Teens“, „MTV made“ oder „Bei Kallwaas“ haben auch auf mich eine Anziehungskraft. Da erfährt man von Mädchen, die lange einer OP entgegenfiebern, die ihre Brüste größer oder kleiner machen soll. Von dicken Kindern, denen eine Ernährungsberaterin eine bessere Zukunft verspricht durch Sport und gesunde Ernährung. Von Jugendlichen, die ihren Vater suchen und schließlich wieder finden. Von unscheinbaren, schüchternen und unbeachteten Schülerinnen, die durch Image-Coaching einen Beliebtheitswettbeweb gewinnen. Von Erwachsenen, die nach langer Ochsentour durch die Arbeitslosigkeit einen Job finden. Von Pärchen, die endlich lernen, offen miteinander zu reden und so ihre Probleme zu bewältigen.

Alle diese Leute kommen an einen Punkt, an dem ihr Leiden ein Ende hat und an dem endlich alles ins Fließen kommt. Sie blicken fortan mit erhobenem Kopf und gestärkter Selbstachtung ins Leben. Es ist dies alles die große „Vorher-Nachher“ Show. Sie fasziniert uns, weil wir uns voll damit identifizieren können. Bei uns läuft sie immer parallel zur Wirklichkeit im Kopfkino mit. Jede von uns denkt in „Wenn-dann“ Sätzen:

-    Wenn ich schlanker bin, werde ich von allen geachtet werden.
-    Wenn ich mit meinem Projekt Erfolg habe, werden alle zu mir aufblicken.
-    Wenn ich diesen Doktortitel habe, ist meine berufliche Zukunft gesichert.
-    Wenn ich eine Partnerin gefunden habe, wird mein Leben sich nur noch auf Wolke sieben abspielen.

Die Vorstellung eines veränderten, besseren Ich oder einer neuen, herbeigesehnten Situation ist einerseits erhebend, motivierend, andererseits natürlich zu Schwarz-Weiß, um wirklich realistisch zu sein. Schließlich besteht die Gefahr, sein eigenes Leben nicht richtig zu leben, bis das Ersehnte endlich eingetroffen ist. Geneen Roth hat dies in Bezug auf die Partnersuche auf den Punkt gebracht. Sie empfiehlt, die Partnersuche nicht allzu krampfhaft zu betreiben, denn: „Wenn man die Liebe seines Lebens trifft, ist nichts weiter passiert, als dass man die Liebe seines Lebens getroffen hat.“ Ich kann ihr nur zustimmen. Liebesleben, Gesundheit, beruflicher Erfolg, Politik, Familie und Finanzen: selten ist alles so, dass kein Wunsch offen bleibt – außer in der Vorstellung. Insofern leben wir unser Leben im Hier und Jetzt auf Grundlage eines großen „Trotzdem“.

Aber wenn es uns passiert und die magische Veränderung eintritt, dann nichts wie: Gott herzlich danken, Photos machen, es allen erzählen, ein Fest feiern, ein Buch oder ein Blog darüber veröffentlichen, sich ein großes Lob auf den Spiegel schreiben, sich jeden Tag daran erinnern, lächeln und sich freuen, und zwar für den Rest des Lebens.

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