Das Land, in dem ich wohne

Ich lebe in einer Stadt, die das ganze Jahr über warm ist, und meistens heiß. Es ist ein geltendes Grundgesetz, dass jemand, der unterwegs ist, jederzeit und überall nach Wasser fragen kann, und es dann umsonst bekommt. Die Reicheren stellen dafür auch Wasserspender auf die Straße. Manche Monate über, in der Fastenzeit, werden diese Spender aber tagsüber nicht benutzt. Dann trinken alle gesunden Menschen, die nicht schwanger sind und nicht stillen, kein Wasser, und nehmen keine Nahrung zu sich, solange die Sonne scheint. In wenigen Tagen fängt eine dieser Zeiten an. Die Sonne scheint lange. Deshalb wird die Uhr lieber nochmal eine Stunde zurückgestellt.
 
In dieser Stadt sind die Haare vieler Frauen bedeckt, und die Arme und Beine der meisten Frauen. Auf der Straße wird sich ein Paar niemals öffentlich Küssen, und auch an der Hand halten sie sich selten. Dafür sieht man oft Männer miteinander Hand in Hand gehen. Die Frauen sollen die Männer davor schützen, dass die Hormone mit ihnen durchgehen.
 
Ich lebe in einer Stadt, in der es mehrmals täglich aus der Moschee tönt und viele Männer niederknieen, um zum barmherzigen Gott zu beten. Sie möchten gute Menschen sein und das Richtige tun, und werden fünf mal am Tag daran erinnert! Vielen ist das so wichtig, dass sie so lange niederknien, bis sie eine blaue Stirn haben.
 
Ich lebe in einer Stadt, in der Eltern sehr unter Druck stehen, viel Geld zu verdienen, damit sie ihre Kinder auf eine gute Schule schicken können. Sie möchten, dass ihre Kinder viel lernen, und die staatlichen Schulen sind dafür keine gute Grundlage. Um gut lesen und schreiben zu lernen, lernen die Kleinen dort Suren aus dem Koran auswendig. An den ausländischen Privatschulen ist das anders. Die deutschen Schulen sind hoch angesehen.
 
Weil ich anders aussehe als die meisten in diesem Land, provoziere ich alle möglichen Reaktionen bei den Menschen hier. Die meisten Männer, und hierbei ist es egal, ob sie alt oder jung sind, ob sie Uniform tragen oder nicht, glotzen mich an. Manche pfeifen mir hinterher und glotzen mir auf die Oberweite. Oft kommen Kinder zu meinem Sohn gelaufen und fragen mich nach seinem Namen. Viele Frauen und Männer wollen Fotos von ihm machen, weil sein Haar und seine Haut so hell sind. Die Regierung denkt über ein Antidiskriminierungsgesetz zugunsten der Frauen nach.
 
In dem Land, in dem ich wohne, können Männer nur heiraten, wenn sie das nötige Kleingeld haben, der Frau eine Wohnung zu bezahlen. Dafür würden die meisten Frauen verständig nicken, wenn der Mann ihr nahelegen würde, nur mit sehr gutem Grund und weitestgehend bedeckt das Haus zu verlassen.
 
Ein Artikel in einem Magazin einer großen Uni der Stadt, in der ich wohne, erörtert, ob Jungfräulichkeit noch wichtig ist heutzutage. 
 
In der Stadt, in der ich wohne, geschieht nichts ungesehen. Es wird deshalb praktisch nichts geklaut. Deshalb, und weil der Anstand es gebietet. Mein Sohn könnte nicht so leicht vor ein Auto rennen. Es wären genug Leute da, ihn daran zu hindern.
 
In dem Land, in dem ich wohne, kämpft kaum jemand allein mit dem Alltag. Die Familie wärmt und schützt, umgibt jede Einzelne, was eine tut, bleibt nicht ohne Wiederhall. Die Kinder fühlen sich sehr verantwortlich für die Eltern und umgekehrt, die Geschwister füreinander, bis ins Alter hinein. Kaum jemand wohnt allein. Man bleibt in seiner Ursprungsfamilie oder gründet eine neue. Junge Menschen wissen: ich werde die Zukunft mit meinem Ehepartner verbringen. Als Frau: ich werde Kinder bekommen und meiner Familie ein gutes Heim geben. Als Mann: ich werde eine Frau und Kinder haben und sie gut versorgen. Wie viele Jahre gehen in meinem alten Heimatland drauf, bis man sich durchgerungen hat, einen der eintausend möglichen Wege zu gehen!
 
Wie ist das in deiner Stadt? Und wie war es dort, bevor deine Eltern geboren wurden?
 
 

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