Das Geburtstagsgefühl

Heute fühle ich mich anders. Ich bin heiter und federleicht.

Ich habe nämlich Geburtstag.

Jedes Kind weiß jetzt, wovon ich rede. So viele Erwachsene haben mir erzählt, dass sie ihren Geburtstag nicht gern feiern. Sie werden nicht gern daran erinnert, dass sie älter werden. Und sie finden es irgendwie egoistisch, sich selbst zu feiern. Sie wissen nicht, wovon ich rede. Sie fragen sogar ironisch: "Und, fühlst du dich anders?" Und lachen dann, wenn ich ja sage, als hätte ich einen Witz gemacht.

An meinem Geburtstag ist zwar meistens auch Arbeiten angesagt: Erwerbsarbeit, Papierkram, aber auf jeden Fall Einkäufe und die Wohnung dekorieren. Aber egal was der Tag bringt, ich fühle mich anders, besonders. Es liegt ein Zauber in der Luft. Egal wie schlimm der Verkehr ist: ich lächle den anderen Autofahrerinnen zu. Sie dürfen heute hupen, mich überholen und mich ausbremsen. Denn ich weiß: niemand will mir etwas Böses heute. Heute ist ein besonderer Tag, und ich freue mich wie eine Schneekönigin über jede, die daran denkt. Es gibt Einträge auf Facebook - sogar mein Exfreund von vor über 10 Jahren denkt an mich! -, es gibt E-Mails, es gibt E-Cards und richtige, echte Karten, die ihren Weg nach Kairo gefunden haben. Von Mama natürlich ein Päckchen, mit verschwenderisch vielen Süßigkeiten und was immer ich mir von ihr gewünscht habe, in dreifacher Ausführung plus ein Kleidungs- oder Schmuckstück von Tchibo. Ich sitze vor dem Packet und freue mich kein bißchen weniger als vor 20 Jahren. 

Anrufe gibt es auch, und dann die vielen Leute, die zur Feier kommen. Einfach nur für mich, wegen mir. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen darüber, ob es genug geben könnte - an Essen, an Unterhaltung. Heute ist mein Tag und alle kommen wegen mir. Wie wichtig ich bin für viele Menschen! Wie vielen ich es wert bin, dass sie sich solche Umstände machen und an mich denken, mir schreiben, mich besuchen kommen! Mein Herz ist angefüllt bis an den Rand mit Dankbarkeit. Aber irgendwie wundert es mich nicht. Es bestätigt nur, was ich an diesem Tag im Inneren weiß: ich bin angenommen, angekommen auf dieser Welt, ich leuchte und werde gesehen. 

Heute ist alles Gold. Ich genieße jeden Bissen, den ich heute esse. Ich genieße jede Minute, die ich irgendwo sitzen kann. Ich genieße jeden Dialog, den ich heute führen kann. Ich freue mich über alles, was ich heute wahrnehme. Und über jede, die heute mein Glück mit mir teilen will.

Nun, was ist der Geburtstag wirklich? Worum geht es? Es ist ein Ritual, eine Feier der eigenen Existenz und damit auch des ganzen Lebens im Universum. Einmal Luft holen und der göttlichen Liebe, von der ich komme, ein lautes "JA!" entgegenrufen. Dass sich da etwas jährt, dass es mich jetzt soundsolang gibt, ist eigentlich zweitrangig, ebenso, wie das, was an diesem Tag passiert, oder die Zeit an sich.

Ich plädiere garnicht dafür, dass gefälligst jede Geburtstag feiert. Ich plädiere dafür, dass jede von uns sich jeden Tag so fühlen möge, wie ich mich an meinem Geburtstag!  

Übrigens: ich denke nicht, dass Deutschland ZUFÄLLIG an meinem Geburtstag seine nationale Einheit feiert… 

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