Das erwartungsvolle Schweigen
„Würd’st du mich wirklich lieben, dann wüsstest du genau, wie ich gerade fühle und was ich wirklich brauch’.“ Diese Zeile singt Annett Louisan in ihrem Lied „Ausgesprochen Unausgesprochen“. Laut Lousian kann man das, was die andere braucht, am Schweigen ablesen, am verzogenen Gesicht, an der Körpersprache, am aggressiven Blick. Wie "gut" das funktioniert, zeigen uns Gabi und Klaus.
Klaus ärgert sich mal wieder über Gabi. Sie kommt von der Arbeit heim, gibt Klaus einen Kuss, und fragt gleich, ob es etwas zu essen gibt. Sie schaut in den Kühlschrank. Klaus schaut ihr dabei zu und ist sehr genervt. Er hat die Wohnung
geputzt, Essen gemacht und den Rasen gemäht. Beim Einkaufen wurde er von der Kassiererin unfreundlich behandelt. Er seufzt laut, als Gabi das Essen aus dem Kühlschrank nimmt und es sich in der Mikrowelle aufwärmt. Gabi fragt ihn: „Ist alles in Ordnung, Schatz?“ Klaus sagt nichts. Gabi zuckt mit den Schultern, legt sich mit der Zeitung in der Hand auf die Couch und beginnt zu essen. Diese Szene dauert zwanzig Minuten. In Klaus brodelt es. Gabi weiß doch, was er braucht! Warum nur, warum, enthält sie es ihm vor? Stattdessen sitzt sie auf der Couch und widmet ihm keinen Blick. Gabi bemerkt, dass Klaus angespannt ist und mit den Augen rollt. Das geht ihr auf die Nerven, weil Klaus nicht mit der Sprache rausrückt. Und um weiter nachzubohren, fehlt nach dem langen Arbeitstag einfach die Energie. Was weiter? Die beiden schweigen sich an und gehen sich aus dem Weg, bis es zu einem großen Krach kommt. Klaus macht Gabi Vorwürfe. Gabi fällt aus allen Wolken und fühlt sich angegriffen. Sieht Klaus denn nicht, dass sie (mindestens!) genauso viel in die Beziehung investiert wie er? Im Job war’s heute auch butal!
Gabi weiß zwar, was Klaus braucht. Dasselbe wie sie selbst und alle anderen Menschen auch: Bestätigung, Aufmerksamkeit, Dankbarkeit, Anerkennung und Trost. Sie weiß aber nicht, wie; sie weiß nicht, wann; und sie weiß nicht, warum. All das muss Klaus ihr sagen.
Warum rückt Klaus nicht gleich mit der Sprache raus? Erstens: weil er sich als Junge eine Liebesbeziehung anders ausgemalt hat. Wer sich wirklich liebt, versteht sich ohne Worte! Diese Vorstellung nimmt Lousian in ihrem Lied so nett aufs Korn. Zweitens: weil Klaus sich schämt. Welcher anständige Mann braucht z.B. schon
- Anerkennung dafür, dass er leichte und selbstverständliche Hausarbeiten erledigt hat?
- Trost, wenn er etwas Beängstigendes geträumt hat?
- Beistand, weil er das Hemd bald durchgeschwitzt hat und alle das sehen werden?
- Beistand, weil er das Hemd bald durchgeschwitzt hat und alle das sehen werden?
Das nächste Mal sagt Klaus also: „Ich bin sehr angespannt. Heute hat mich die Kassiererin genervt. Nimm mich mal in den Arm.“ Klaus erzählt die Geschichte. Gabi legt die Arme um ihn und tröstet ihn. Dann sagt Klaus: „Ich habe geputzt. Und das Essen habe ich frisch gekocht, weil du das so gerne hast. Und den Rasen gemäht habe ich auch.“ Gabi sagt: „Den Rasen habe ich gar nicht gesehen. Aber das ist eine wichtige Arbeit. Das hast du ganz toll gemacht. Die Wohnung glänzt ja richtig. Und über das Essen freue ich mich sehr.“ Klaus ist froh, weil er alles gern gemacht hat, und nun noch ein Kompliment bekommen hat.
Auch Gabi muss, um die sehr benötigte Hilfe von Klaus zu bekommen, ihre Scham überwinden. Welche anständige Frau braucht z.B. schon
- Anerkennung dafür, den Arbeitstag überstanden zu haben, der sie innerlich so aufgekratzt hat (besonders an bestimmten Tagen)?
- Unterstützung, wenn sie vor einem Essen mit Freunden in Stress gerät?
- Trost, wenn ein Kloß im Hals sitzt, und sie nicht weiß, weshalb?
- Trost, wenn ein Kloß im Hals sitzt, und sie nicht weiß, weshalb?
Die beiden überwinden sich immer öfter, und sagen sich gegenseitig, was sie geleistet haben, um Anerkennung zu ernten. Oder sie sagen sich, dass sie Unterstützung brauchen, wenn sie sich überfordert fühlen. Sie entwickeln auch einige Rituale: Wer gekocht hat, bekommt prinzipiell ein Lob oder Dankeschön, bevor gegessen wird. Klaus denkt zwar immer noch, dass er eine anspruchsvolle Frau zuhause hat. Aber er weiß auch, dass Gabi sieht, was er für sie tut, weil er es ihr sagt und sie ihm Anerkennung dafür gibt.
Wir sind alles kleine Narzistinnen, Prinzessinen und Helden. Wir wollen gesehen werden in unseren Anstrengungen und unserem guten Willen. Liebende enthalten sich gegenseitig nichts vor: „Bittet und ihr werdet es bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet!“ (Matthäus 7, Vers 7 und 8). Gedanken lesen können jedoch auch Liebende nicht.