Das Geburtstagsgefühl

Heute fühle ich mich anders. Ich bin heiter und federleicht.

Ich habe nämlich Geburtstag.

Jedes Kind weiß jetzt, wovon ich rede. So viele Erwachsene haben mir erzählt, dass sie ihren Geburtstag nicht gern feiern. Sie werden nicht gern daran erinnert, dass sie älter werden. Und sie finden es irgendwie egoistisch, sich selbst zu feiern. Sie wissen nicht, wovon ich rede. Sie fragen sogar ironisch: "Und, fühlst du dich anders?" Und lachen dann, wenn ich ja sage, als hätte ich einen Witz gemacht.

An meinem Geburtstag ist zwar meistens auch Arbeiten angesagt: Erwerbsarbeit, Papierkram, aber auf jeden Fall Einkäufe und die Wohnung dekorieren. Aber egal was der Tag bringt, ich fühle mich anders, besonders. Es liegt ein Zauber in der Luft. Egal wie schlimm der Verkehr ist: ich lächle den anderen Autofahrerinnen zu. Sie dürfen heute hupen, mich überholen und mich ausbremsen. Denn ich weiß: niemand will mir etwas Böses heute. Heute ist ein besonderer Tag, und ich freue mich wie eine Schneekönigin über jede, die daran denkt. Es gibt Einträge auf Facebook - sogar mein Exfreund von vor über 10 Jahren denkt an mich! -, es gibt E-Mails, es gibt E-Cards und richtige, echte Karten, die ihren Weg nach Kairo gefunden haben. Von Mama natürlich ein Päckchen, mit verschwenderisch vielen Süßigkeiten und was immer ich mir von ihr gewünscht habe, in dreifacher Ausführung plus ein Kleidungs- oder Schmuckstück von Tchibo. Ich sitze vor dem Packet und freue mich kein bißchen weniger als vor 20 Jahren. 

Anrufe gibt es auch, und dann die vielen Leute, die zur Feier kommen. Einfach nur für mich, wegen mir. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen darüber, ob es genug geben könnte - an Essen, an Unterhaltung. Heute ist mein Tag und alle kommen wegen mir. Wie wichtig ich bin für viele Menschen! Wie vielen ich es wert bin, dass sie sich solche Umstände machen und an mich denken, mir schreiben, mich besuchen kommen! Mein Herz ist angefüllt bis an den Rand mit Dankbarkeit. Aber irgendwie wundert es mich nicht. Es bestätigt nur, was ich an diesem Tag im Inneren weiß: ich bin angenommen, angekommen auf dieser Welt, ich leuchte und werde gesehen. 

Heute ist alles Gold. Ich genieße jeden Bissen, den ich heute esse. Ich genieße jede Minute, die ich irgendwo sitzen kann. Ich genieße jeden Dialog, den ich heute führen kann. Ich freue mich über alles, was ich heute wahrnehme. Und über jede, die heute mein Glück mit mir teilen will.

Nun, was ist der Geburtstag wirklich? Worum geht es? Es ist ein Ritual, eine Feier der eigenen Existenz und damit auch des ganzen Lebens im Universum. Einmal Luft holen und der göttlichen Liebe, von der ich komme, ein lautes "JA!" entgegenrufen. Dass sich da etwas jährt, dass es mich jetzt soundsolang gibt, ist eigentlich zweitrangig, ebenso, wie das, was an diesem Tag passiert, oder die Zeit an sich.

Ich plädiere garnicht dafür, dass gefälligst jede Geburtstag feiert. Ich plädiere dafür, dass jede von uns sich jeden Tag so fühlen möge, wie ich mich an meinem Geburtstag!  

Übrigens: ich denke nicht, dass Deutschland ZUFÄLLIG an meinem Geburtstag seine nationale Einheit feiert… 

Sexuelle Belästigung in Ägypten heute - Sexual harassment in egypt today

Monday morning, 8.30a.m, Zamalek, rich people and diplomats live here. It’s 29 degree already, it’s going to be 10 more at noon. It’s very early, there are rarely people on the street. I just put my kid to nursery and I’m on my way back home, on Shagarit al-Durr-street. I’m walking slow, six months pregnant, I can feel it and one can see it. I’m in a bad mood, looking down to the street. I’m tired, it’s too hot. I am thinking about our flight back to Germany. Six days to go. A big, smelling puddle makes it impossible for me to cross the street like always, so I go on walking straight. Suddenly I feel an unpleasant, quick grab on my left breast. Surprised I look up. A young egyptian runs by me. Blue, tight T-shirt, black, short hair, stonewashed bluejeans. He keeps on running. I realised I just got harassed. I scream towards him, in english, and really regret I haven’t learned something arabic like "Don’t you have a mother?" that would at least touch the heart of some bystanders.

I turn around again and start sobbing. A young couple walks by on the other side of the street, he is laughing. I scream at him as well. He shuts up immediately. A shop owner asks me what was going on and I shout it to him. He seems to be relieved and says calmingly "malesh, malesh". What does that mean? That he doesn’t think something terrible happened and that he wants to calm me down.

A diplomat district, daytime, a pregnant woman, shoulders and knees covered. Whatever. Without babybelly, a mini skirt at night in a poor neighbourhood wouldn’t have made it better.

That is what’s been going on half an hour ago. Slowly my tears stop running. I’ve reached a new low in my egypt harassment career. I guess I’m even lucky, that so far nothing worse happened.

I don’t know what it is that us women are being punished for. In egypt it can’t be the christian thought of Eve having brought sin to the poor men. The fact is, egyptian men put us women in distress through harassing us, almost everywhere in Egypt, but certainly everyday. No matter how old a woman is, what she is wearing or where she is from. Tell the world who does this to you. Tell everyone. Shame on all men who make it impossible for us to walk securely and free on our way through town.

 

Montagmorgen, 8.30 Uhr. Reichen- und Diplomatenviertel Zamalek, Kairo. Schon 29 Grad heiß. Es werden wohl noch 10 mehr werden. Es ist sehr früh, noch kaum jemand ist auf der Straße. Ich habe mein Kind im Kindergarten abgeliefert und bin auf dem Heimweg. Ich laufe langsam auf der Shagarit-el-Durr-Straße: die sechs Schwangerschaftsmonate sind bald voll, und das spüre ich und man sieht es auch. Ich bin schlecht drauf, gucke auf den Fußboden. Ich bin noch müde, es ist zu heiß. Ich denke an unsere bevorstehende Reise nach Deutschland. Noch sechs Tage. Eine riesige, stinkende Pfütze neben dem Gehweg hindert mich daran, meinen normalen Weg über die Straße zu gehen. Also laufe ich geradeaus weiter. Auf einmal spüre ich eine grobes, flüchtiges Reißen an meiner linken Brust. Ich schaue überrascht und perplex hoch. Ein junger Ägypter rennt an mir vorbei. Hellblaues, enganliegendes T-shirt, schwarze, kurze Haare, blaue, ausgewaschene Jeans. Er rennt und rennt. Da erst wird mir klar, dass ich "belästigt" worden bin. Ich schreie ihm nach, auf englisch, und bereue zutiefst, nicht dem Tipp meines Mannes gefolgt zu sein und "Hast du keine Mutter?" oder irgendwas auf Ägyptisch gelernt zu haben, dass in einer solchen Situation zumindest die Herzen der umstehenden Männer erweichen würde. 

Ich drehe mich wieder um und fange zu schluchzen an. Ein junges Pärchen läuft auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sie schauen rüber und er lacht. Ich schreie ihn auch noch an, da hört er auf. Ein Ladenbesitzer mit grauen kurzen Haaren und Brille auf deren Seite macht eine fragende Geste. Ich sage ihm was passiert ist, besser gesagt, ich schreie es rüber. Er scheint erleichtert zu sein, dass das alles ist, auf jeden Fall sagt er in beruhigendem Ton "Malesch, malesch." Ich weiß bis heute nicht, was das genau heißen soll. Ich weiß nur, dass diejenige, die es sagt, denkt, dass nicht Schlimmes passiert sei, und dass es diejenige, der es gesagt wird, beruhigen soll.

Ein Diplomatenviertel, am hellichten Tag, eine schwangere Frau, Schultern und Knie bedeckt. Ach was soll’s. Ohne Babybauch im Minirock nachts um drei in einem Armenviertel wäre es auch nicht besser gewesen.

Das war gerade eben, vor einer halten Stunde. Der Tränenfluss lässt langsam nach. In der Liste "Anstarren, Zungenschnalzen, Nachpfeifen, Anpöbeln, Herandrängen, Angrapschen" bin ich jetzt eben auf der letzten Stufe gelandet. Es ist nicht wirklich die letzte Stufe. Ich bin eine Frau, die im Großen und Ganzen Glück hatte und vor männlichen Übergriffen weitgehend verschont geblieben ist.

Ich weiß nicht genau, wofür Frauen da büßen müssen. In Kairo kommt die Erbsünde durch Eva ja wohl nicht in Frage. Fakt ist, dass ägyptische Männer auf der Straße regelmäßig und so gut wie überall Frauen jeder Nation, jeden Alters, in jeder Art von Kleidung belästigen. Benennt die Schuldigen. Erzählt es allen weiter. Schande über alle Männer, die uns daran hindern, sicher, frei und unbeschwert unseren Weg zu gehen.

Nicht-Wissen als Kultur

Ja, jetzt bekommen alle Menschen Herzrasen. Nicht-Wissen. Es wird mit Unwissen gleich gesetzt, und im Prinzip erhebt sich jeder über jeden, weil er denkt, mehr zu wissen. Der Chef über den Angestellten und der Westen über die Drittweltländer. Wir leben doch in einer Wissensgesellschaft! Wenn wir etwas können und wollen, dann Wissen produzieren und verbreiten! Und wenn wir etwas nicht wissen, macht uns das ganz wuschig, und wir fühlen uns hilflos und klein. Früher gab’s dafür schlechte Noten. Heute hat man Angst vor sozialer Blamage.

Ich plädiere hiermit für eine gesunde Kultur des Nicht-Wissens. Ich fand es immer schon total prickelnd, dass wir über diesen ominösen Gott nichts wissen. Oder über den Ursprung des Universums. Dass es an der Uni keine richtig befriedigende Theorie gab, weil jede von ihnen an den Enden ausfaserte in den Bereich des Nicht-Wissens. Die Grenzen der Forschung, das Nicht-Wissen der westlichen Wissenschaft, wird uns immer begleiten. Wir werden niemals alles wissen über uns selbst und die Welt. Und vor allem nicht: über Zukunft und Vergangenheit und hier besonders: die Zukunft.

Was wird gleich passieren? Was heute Abend, was morgen, was in fünf, in zehn Jahren? Wir legen auch hierfür Pläne an. Ehe, Kinder, Beruf, wir scheinen genau wissen zu müssen, wann wir was wollen, und wofür wir zu kämpfen und Weichen zu stellen haben. Mag der mich? Bin ich schwanger? Macht mich dieser Job wirklich so erfolgreich, wie ich sein will?

Viel zu sehr beschäftigen wir unseren Kopf mit solchen Fragen. Der Verstand schneidet alles messerscharf und rennt dabei um 1000 Ecken wie ein verängstigtes Hündchen. Nur - unser Körper, unsere Seele und unser spirituelles Dasein, sie kommen nicht hinterher. Und vor allem kommen sie nicht zu Wort. Würden wir zuhören, würden sie uns sagen:

Die Dunkelheit brauchen wir genauso sehr wie das Licht. Im Licht betrachtet sind alle Konturen da, was da ist, wird genau beleuchtet. Im Verborgenen jedoch liegt die ganze Fülle der Möglichkeiten. Alles findet in der Dunkelheit Raum, zu werden und zu wachsen. Uns ängstigt, dass wir die Kontrolle über die Dunkelheit nicht haben. Jede von uns ist aber nur ein Teil im wunderbaren Tanz des Universums. Es ist lächerlich zu glauben, dass wir alles kontrollieren können, alles erreichen können, was wir wollen. Das müssen wir auch nicht! In unserem Körper, in unseren Beziehungen zu anderen Menschen und zur Mutter Welt können wir alles finden, was wir brauchen: Nahrung, Ruhe, Dankbarkeit, Sammlung, Kraft und Freude am Leben. Fühle die Gravitation, wie stark sie dich hält. Fühle dein Herz schlagen, fühle wie dein Atem in dir atmet. Das ist alle Gewissheit, die wir brauchen. Wir leben, in Dunkelheit und Licht, wir können nicht alles wissen, aber alles, was uns wirklich angeht, können wir mit unseren Sinnen begreifen, können wir mit unserem ganzen Sein er-leben.

Ich muss jetzt weg, an einem Pfirsich schnuppern. 

Die Perle

Meistens ist es eine Frau.

Sie wird liebevoll "unsere Perle" genannt. In Deutschland haben Familien mit einem mittleren bis sehr guten Einkommen eine. In Ägypten jeder, der es sich irgendwie leisten kann. In Deutschland sind es oft Polinnen. In Ägypten Sudanesinnen, andere Ägypterinnen oder, für die Wohlhabenderen, Philippinas. Jede einzelne Person in Ägypten, mit der ich mich fließend unterhalten kann, hat eine. Mindestens eine. 

Betten machen, Wäsche waschen, Aufhängen, Zusammenlegen, Bügeln, Schmutziges Geschirr abspülen, Spielzeug wegräumen, Staub saugen und abwischen, einzelne Flecken von Möbeln abkratzen, Müll einsammeln und wegbringen, inklusive stinkender Windeln, auch die Toilette sauber bekommen sind ihre Kernaufgaben - und dies alles findet nicht in ihrer eigenen Wohnung statt.

Wisst ihr, wie es ist, heimzukommen, wenn die Perle vorher da war? In jede Ecke der Wohnung kann man laufen, ohne das Gefühl zu haben, irgend etwas tun zu müssen. Alles ist ordentlich an dem Platz, an dem es sein soll. Alle Oberflächen glänzen. Der Boden ist fleckenfrei. Nirgends steht Geschirr. Und nichts davon war meiner eigenen Hände Arbeit.

Jedesmal, wenn unsere Perle da war, spreche ich ein kleines Dankgebet dafür, dass es sie gibt. Die Perle ist die Putzfrau - schlecht angesehen, schlecht bezahlt, selten auf Augenhöhe wahrgenommen - wohl kaum ein Job, der gut ist für das Selbstbewusstsein. In Wahrheit aber ist sie eine Perle - Gold wert.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Wir sind Umweltwesen. Definieren unsere Identität über soziale Beziehungen. Und werden, je nachdem welche Schule man fragt, auch ein bißchen bis völlig von den Sternen/ dem Mond/ der Sonne beeinflusst.

Wie beeinflusst es uns Ex-Pats denn, wenn zwischen den Jahren auf einmal die Sonne bei 20 Grad scheint?

Prinzipiell ist einem sommerlich zumute, weil die Bäume grünen. Sagen Gäste aus Deutschland. Ich selbst fühle mich winterlich wie die Ägypter, bin schon akklimatisiert. Aber stellt euch Folgendes vor:

Ein Tag zwischen den Jahren. Die lieben Verwandten sind zurückgekehrt nach Hause. Stille im Haus nach der weihnachtlichen besinnlichen Stille. Der Mann arbeitet. Ich selbst habe frei. Es ist kalt in der Wohnung. Bin traurig. Ziehe meinen dicken Mantel an, um das Kind aus dem Kindergarten zu holen.

Da strahlt mir aus grünen Bäumen die Sonne ins Gesicht. Die Luft scheint klar, die Müllverbrennungs-Wolken sind wohl in eine andere Richtung gezogen. Ein energiegeladenes Lied meiner Lieblingssängerin klingt in meinem Ohr. Die Vögel zwitschern. Ich fühle mich wie Ostern, und das zwei Tage nach Weihnachten. Da wird mir klar, was ich euch schreiben muss: ihr denkt nur, dass es jetzt Winter ist, und mindestens zwei Monate lang bleiben wird. In Wahrheit scheint die Sonne. In Wahrheit ist, wenn eine Träne fällt, woanders die Welt voller Kinderlachen. Deutscher Winter ist gleichzeitig Sonnenschein und 20 Grad in Ägypten. Ort und Zeit begrenzen uns, weil unser Hirn nur verarbeitet, was es gerade an Informationen bekommt. 

Warum gibt es Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Fasnacht, Hochzeitstage, Jubiläen? Aus dem einzigen Grund, weil, wenn wir keine Pause vom Feiern machten, wir das Feiern nicht mehr als Feiern würdigen könnten. Wenn wir einen andauernden Zustand des Glücks als solchen erkännten, gäbe es diese Tage nicht: dann wäre das ganze Leben ein Fest.

Das Glück ist wirklich nur ein Steinwurf weg, ein Paralleluniversum voller Glück schwebt einen Millimeter von unserer Haut entfernt mit uns durchs Leben. Wir könnten es sehen, wenn wir es wollten. Wenn wir mit der Vergleicherei aufhörten und sähen, was uns geschenkt ist.

Also, ein für alle Mal: hier scheint die Sonne, haltet durch, sie kommt bald wieder zu euch. Und wenn euch das zu lange dauert, dann kommt hergeflogen und besucht uns in Ägypten. 

Anleitung zum Gebet

Wie der aufgewühlte Fluss wieder klar wird

sitzend oder stehend die Aufmerksamkeit auf den Atem richten und ihn mindestens 10 Min. lang mit folgenden Gedanken begleiten:

 

Ich bin angekommen

 

Ich bin zuhause

 

Im Hier 

 

Im Jetzt

 

Ich bin stark

 

Ich bin frei

 

Bei dir, Göttin

 

Bin ich Zuhause.

 

 


 

Frei nach einem buddhistischen Gebet

Danke, Irene!

Joggen in Kairo

Crosstrainer ist ja dreimal die Woche, wie es sich für eine Gewohnheitssportlerin gehört, einfach nur stinklangweilig. Erst recht wenn der musikbegeisterte Mitbewohner, der einem die neuesten Tunes quasi auf den MP3-Player geladen hat, seit geraumer Zeit in einem anderen Land wohnt. Und in den Sportclub… wie lange habt ihr mal einen Sport drei Mal die Woche durchgehalten, zu dem man eine halbe Stunde Anreisezeit hat? Also dachte ich mir: durch Kairos Straßen joggen ist zwar hier allgemein als "nicht mehr ganz sauberes" Verhalten verpönt, aber es macht doch Spaß, ein bißchen verrückt zu sein.

Ich fing also damit an. Es war phantastisch. Die Straßen voller Hindernisse waren Straßen voller immer neuer Wendungen und Blickwinkel. Die gelangweilt glotzenden Soldaten konnten gar nicht schnell genug gucken, und ich konnte mir aussuchen, ob ich schnell hinter ihrem Rücken vorbeiflitze oder sie durch frontales Auf-sie-zu-rennen verängstige. Muss man dafür geltungsbedürftig sein, oder sich noch an das Trotzden der Pubertät erinnern können? Ja klar! Aber darum geht es jetzt nicht. Die uniformierten, blutjungen Männer und ich hätten gerne die Aura getauscht: wie gerne hätten sie auffällig, sexy, anziehend und exotisch auf mich gewirkt, und wie gerne wäre ich unsichtbar für sie gewesen. Denn revolutionieren tut so eine Runde durch Zamalek nichts, es verfestigen sich nur die Vorurteile beiderseits. Vielleicht, mit etwas Glück, bedeutete die Runde etwas mehr Freiheit für mich, und für alle Frauen, die mich gesehen haben.

Aber weiter zum Erlebnis. Es ist wirklich sehr aufregend auf den Straßen Kairos. Wenn man einmal die zugestellten und aufgerissenen Straßen als Hindernisparcours angenommen hat, sieht man nur noch Herausforderungen, keine ärgerlichen Störungen mehr. Frühmorgens sind Fischer auf dem Nil unterwegs. Keine Handwerker, Geschäftemacher. Einfach arme Leute, die am verdreckten Nilufer wohnen und sich von Fischen ernähren, die zwischen Müll umherschwimmen. Regelmäßig kreuzen Marder meinen Weg. (Ich war gewillt, sie begeistert als Baby-Eichhörnchen zu bestaunene. Aber so rosa meine Brille dann doch nicht.)

Zamalek-spezifisch folgende Erscheinung: ein Hausangestellter mit einer Bulldogge mit Maulkorb. Ich sah ihn rechtzeitig, um die Straße zu wechseln. Ich hatte gedacht, die Ägypterinnen machen sich nichts aus Hunden. Aber wie Stephan immer sagt, „die Ägypterin“ gibt es nicht.

Mitten durch einen Pulk aus Schulmädchen mit Uniform: „What’s your name?“ Ob ich mit meinem Anblick den Kairoanern die „gute alte Zeit“ versaue, in denen dieses Viertel noch den Ägypterinnen gehörte? Die keinen Sport machen, und wenn, dann mit Kopftuch und ausschließlich im Sportclub an Frauentagen?

Ja, dieser neue Sport hat mich euphorisiert. Bis ich zwei Wochen später nach meinem Morgenlauf am Küchentisch saß und mich fühlte, als hätte ich drei Zigaretten hintereinander geraucht. Seitdem laufe ich nicht mehr durch Kairos Straßen. Es war ein kurzer Flirt, der mir einen Zugang zu einer Welt gewährt hat, in der ich bestimmt habe, wo es langgeht, und in dem ich mit den Hindernissen Kairos spielen konnte, statt sie immer nur als Belastung zu empfinden. Warum sind die Straßen selbst in den edelsten Vierteln so zerrissen? Die wichtigsten Verbindungswege zwischen den Menschen? Der „Campus“, ein Hochglanz-Hochschul-Magazin, vermutet, die Zerrissenheit der Gesellschaft hat sich in ihnen einen Spiegel geschaffen. Und keine aufkeimende Kühnheit einer Ausländerin kann sie kitten.
 

Regen in Kairo

Wow da war ja mal gar kein Feedback auf meine Frage. Und auch ich habe keine weiteren Ideen. Also schreibe ich weiter, ohne großes Konzept.

Neulich hat es hier geregnet. Ein paar Tropfen habe ich schon einmal erlebt, aber diesmal war es bestimmt eine halbe Stunde Regen, teilweise stark. Die Ägyter und Ägypterinnen auf der Straße standen staunend in den überdachten Ladeneingängen. Es war Zeit für meine Morgenrunde, also suchte ich einen Regenschirm und ging aus dem Haus. Unser Bawwab rief: "Nein, nein, Madame, tun sie das nicht!!!" (auf arabisch bzw. mit Zeichensprache), aber ich sagte, ich sei Deutsche (auf arabisch!!!) und spazierte lachend in den Regen. Ich fühlte mich auf einmal wie daheim. Die Luft war klar und ich konnte mich ganz im Umgehen der Pfützen verlieren. Eine typisch deutsche Fähigkeit! Dazu braucht es nämlich Regen und die Lust am Spazierengehen, beides keine ägyptischen Eigenschaften. Dafür die Rücksichtnahme der Autos: die Taxis witterten wie immer fette Beute, aber alle Autos fuhren ganz sanft an mir vorbei, um mich nicht nasszuspritzen. Im Café machte dann mein tropfender Regenschirm die Bedienung ganz nervös.

Das habe ich Kairo zu verdanken: dass ich mich aus tiefstem Herzen über den Regen freue und mich mit ihm auf eine fast schon verschwörerische Art verbunden fühle. Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar, dass ich hier nie einen Plan B entwerfen muss, wenn ich meinen Tag draußen verbringen will. Sonnenschein oder zumindest kein Regen sind hier das ganze Jahr über an der Tagesordnung.

Schweben wie von Sinnen

Es gibt Sinneszustände, die man nur erlebt, wenn man sie aktiv aufsucht. Dazu gehört zum Beispiel die Sonne auf dem nackten Bauch oder Blindheit in einem Dunkelrestaurant. Oder zu erleben, wie anspruchslos Muskeln, Sehnen, Bänder und Knochen werden, wenn man sie auf sehr salzhaltiges Wasser legt. Bestimmte Wellnessoasen bieten das sog. Floaten an.

Also, gesagt, getan, zum Lohn für vier Jahre Beziehung schweben wir drei in körpertemperiertem Salzwasser - mein Schatz, mein Bauchzwerg und ich. In einer blau beleuchteten Pyramide, mit Chill-Out-Mucke unter Wasser. Nach einer Viertelstunde hatten wir das Brennen in den Augen im Griff, dank einem Waschlappen mit Leitungswasser, der draußen lagerte. Und dann hieß es: eine kleine Ewigkeit nichts spüren, im Sinne Paul Valérys "Gesundheit ist das Schweigen der Organe."

Neu war, dass auch nach einer halben Stunde kein Körperglied umgeschichtet oder bewegt werden wollte.  Neu war, dass kein Körperteil ein anderes tragen musste. Neu war, dass kein kalter Luftzug eine gegensteuernde Bewegung notwendig machte. Neu war, dass es nichts zu gucken gab und keine Information aus der Geräuschkulisse zu filtern war. Im Prinzip fallen einfach eine Menge Reize weg, mit denen der Mensch sonst zu kämpfen hat.

Trotzdem, zur Meditation würde ich nicht herkommen. Wenn sich das Nichts durch solche Bemühungen aus dem Sein herausschält, folgt keine Erleuchtung, sondern Leere. Dafür bin ich doch nicht auf der Welt! Darum habe ich im Schwebebad doch meine Sinne benutzt. Meinen Arm unter den Rücken meines Mannes geschoben (glitschige Haut)! Die feuchte Luft erspürt und zu meinem Sohn geschickt. Das war wohl der einzige Moment meiner Schwangerschaft, wo wir alle drei das Gleiche gemacht haben: Schweben und nichts fühlen außer sich wohl.

Nein zu "ProReli"

In Berlin gibt es einen Volksentscheid: soll das bisherige System an Berliner Schulen bestehen bleiben? Dann gehen weiterhin alle Schülerinnen in den Ethik-Unterricht und werden dort benotet. Ca. 20% besuchen zusätzlich noch vom Staat geförderten Religionsunterricht, genauso viel wie vor Einführung des Ethik-Unterrichtes.

Oder aber das System wird geändert, und die Schülerinnen müssen sich zwischen Ethik und Religion entscheiden und werden getrennt unterrichtet und benotet. Das ist die "ProReli"-Variante.

Ich bin eine Christin, ich habe sogar dafür gestimmt, den Volksentscheid herbeizuführen. Allerdings aus naiven Gründen: die Liste lag in meiner Kirche aus, der Pfarrer und sogar die muslimische Partneringemeinde sind dafür, das Ganze heißt "für die Religion", was gibt es da lang zu überlegen? Das bereue ich inzwischen. Diese implizite Darstellung, wem Religion wichtig sei, der solle der Initiative zustimmen, ärgert mich.

Gehen Sie am 27.04. wählen oder beantragen Sie Briefwahl, und stimmen Sie gegen "ProReli". Da stimmen Sie nicht gegen Religion.

Meine Argumente fürs NEIN:

- An den Berliner Schulen herrscht ein großer Ausländerinnen-Anteil. Gemeinsamer Unterricht, zumal er menschliche und gesellschaftliche Werte betrifft, ist sehr wertvoll und sollte stattfinden, und zwar so viel wie möglich. ProReli bedeutet Trennung.

- Da der Werte- und Religionsunterricht so wertvoll ist, sollten die Schülerinnen auch weiterhin die Gelegenheit erhalten, beides zu besuchen. ProReli bedeutet Entscheidungszwang.

- ProReli bedeutet, dass der Einfluss der religiösen Lobby auf die Gesellschaft stabilisiert wird. Wenn die Kirchen die Kinder nicht mehr über den Konfirmations- und Firmungsunterricht erreichen, müssen sie sich auf andere Weise attraktiv für diese Zielgruppe machen als mit Pflichtunterricht für Religion. Zum Beispiel durch umwerfend intelligenten und offenen freiwilligen Religionsunterricht. In Berlin jedenfalls stellt das Fach Ethik hier offenbar keine Konkurrenz dar.

 

 

P.S.: Es kursiert das Gerücht, Abstimmung mit den Füßen helfe der Ablehnung mehr als eine Nein-Stimme. Dies ist falsch.

Französischsprachkurs in der Provence - nicht romantisch.

Nun bin ich schon einige Zeit in Südfrankreich, und dass ich meinen Blog erreiche, ist ein Zeichen, dass ich mich langsam eingelebt habe (ich bin eine der wenigen Bloggerinnen, die ihren PC nicht mit sich herumtragen - zu meiner Entschuldigung: ich trage eine Gebärmutter in der Größe einer Wassermelone mit mir herum - nein, dort wächst kein Krebs, sondern ein kleiner Schreibhals heran!).

Die Sonne scheint für eine Berlinerin erstaunlich, für eine Freiburgerin gewohnt ausdauernd, eiskalt ist es trotzdem. 

Anlass für diesen Beitrag ist mein Sprachkurs. Heute möchte ich einen Schrei loslassen für alle Schülerinnen, die mit Frontalunterricht im Vorlesungsstil gequält werden. Wie kann man eine Sprache lernen, wenn man sie kaum sprechen darf? Wie sich fremde Fragestellungen zu eigen machen, wenn man dazu verdammt ist, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, bis zu acht Stunden am Tag, und sich Monologe anzuhören oder etwas diktiert zu bekommen? Steinzeitliche Lehrmethoden, wem nützen die bloß?

*AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!!!!!!!!!!!!!!!!!!*

Lang lebe Wien!

Letzte Woche habe ich in Wien verbracht. Wussten Sie, dass

- entfernte Verwandte unglaublich zuvorkommende Gastgeberinnen sein können, obwohl sie einen nicht kennen, insbesondere wenn sie Östereicherinnen sind?

- Sigmund Freud fünf jüngere Brüder hatte und einen amerikanischen Ehrendoktor in Rechtswissenschaften?

- Maria Theresia Beruf und Familie unter einen Hut brachte, indem sie während ihrer Regierungszeit in einem aufwendig bestickten, einzigartig wertvollen Stillbett - sie hatte 16 Kinder -  kurze Audienzen gewährte?

- die OSZE ziemlich kleine Brötchen bäckt in der Hoffnung, Kriege zu verhindern und deshalb alle 56 Mitglieder gleichberechtigt zu Wort kommen dürfen?

- Die UNO weniger als einen Euro Miete zahlt für das Gebäudekomplex, dass sie in Wien benutzt?

- es im Wiener Haus, das Hundertwasser entworfen hat, keine Ecken gibt und somit die Inneneinrichtung schwer auzuwählen ist?

- Palatschinken kein Fleisch ist?

Ja? Egal, Wien ist immer eine Reise wert.

Kino fürs Wochenende: Shay spiel Baseball

Bei einem Wohltätigkeitsessen zugunsten von Schülern mit Lernschwierigkeiten hielt der Vater eines der Kinder eine Rede, die so schnell keiner der Anwesenden vergessen wird. Nachdem er die Schule und ihre Mitarbeiter in höchsten Tönen gelobt hatte, stellte er folgende Frage: "Wenn keine störenden äußeren Einflüsse zum Tragen kommen, gerät alles, was die Natur anpackt, zur Perfektion.
Aber mein Sohn Shay ist nicht so lernfähig wie andere. Er ist nicht in der Lage, die Dinge so zu verstehen wie andere Kinder. Wo ist die natürliche Ordnung der Dinge bei meinem Sohn?"

Das Publikum war angesichts dieser Frage vollkommen stumm. Der Vater fuhr fort: "Ich bin der Meinung, wenn ein Kind so ist wie Shay, das geistig und körperlich behindert zur Welt kommt, dann entsteht die Möglichkeit, wahre menschliche Natur in die Tat umzusetzen, und es liegt nur daran, wie die Menschen dieses Kind behandeln."

Dann erzählte er die folgende Geschichte: Shay und ich waren einmal an einem Park vorbeigekommen, in dem einige Jungen, die Shay kannte, Baseball spielten. Shay fragte: "Glaubst du, sie lassen mich mitspielen?" Ich wusste, dass die meisten der Jungen jemanden wie Shay nicht in ihrer Mannschaft haben wollten, aber als Vater war mir auch Folgendes klar: Wenn mein Sohn mitspielen durfte, dann würde dies ihm ein Dazugehörigkeitsgefühl geben, nach dem er sich so sehr sehnte, und auch die Zuversicht, trotz seiner Behinderung von anderen akzeptiert zu werden. Ich ging also zu einem der Jungen auf dem Spielfeld und fragte, ohne allzu viel zu erwarten, ob Shay mitspielen könne. Der Junge schaute sich hilfesuchend um und sagte: "Wir haben schon sechs Runden verloren und das Spiel ist gerade beim achten Inning. Ich glaube schon, dass er mitspielen kann. Wir werden versuchen, ihn dann beim neunten Inning an den Schläger kommen zu lassen."
 
Shay kämpfte sich nach drüben zur Bank der Mannschaft und zog sich mit einem breiten Grinsen ein Trikot des Teams an. Ich schaute mit Tränen in den Augen und Wärme im Herzen zu. Die Jungen sahen, wie ich mich freute, weil mein Sohn mitspielen durfte. Am Ende des achten Innings hatte Shays Team ein paar Runden gewonnen, lag aber immer noch um drei im Rückstand. Mitten im neunten Inning zog sich Shay den Handschuh an und spielte im rechten Feld mit. Auch wenn keine Schläge in seine Richtung gelangten, war er doch begeistert, dass er mit dabei sein durfte, und grinste bis zu beiden Ohren, als ich ihm von der Tribüne aus zuwinkte. Am Ende des neunten Innings holte Shays Mannschaft noch einen Punkt. In der jetzigen Ausgangslage war der nächste Run ein potenzieller Siegesrun, und Shay kam als Nächster an die Reihe.

Würden sie in diesem Moment Shay den Schläger überlassen und damit die Chance, das Spiel zu gewinnen, aufs Spiel setzen? Überraschenderweise bekam Shay den Schläger. Jeder wusste, dass ein Treffer so gut wie unmöglich war, denn Shay wusste nicht einmal, wie er den Schläger richtig halten sollte, geschweige denn, wie er den Ball schlagen sollte. Als Shay allerdings an den Abschlagpunkt trat, merkte der Pitcher, dass die gegnerische Mannschaft in diesem Moment nicht gerade auf den Sieg aus zu sein schien, und warf den Ball so vorsichtig, dass Shay ihn wenigstens treffen konnte. Beim ersten Pitch schwankte Shay etwas unbeholfen zur Seite und schlug vorbei. Der Pitcher ging wieder ein paar Schritte nach vorn und warf den Ball vorsichtig in Shays Richtung. Als der Pitch hereinkam, hechtete Shay zum Ball und schlug ihn tief nach unten gezogen zurück zum Pitcher.

Das Spiel wäre nun gleich zu Ende. Der Pitcher nahm den tiefen Ball auf und hätte ihn ohne Anstrengung zum ersten Baseman werfen können. Shay wäre dann rausgeflogen, und das Spiel wäre beendet gewesen. Aber stattdessen warf der Pitcher den Ball über den Kopf des ersten Basemans
und außer Reichweite der anderen Spieler. Von der Tribüne und von beiden Teams schallte es: "Shay lauf los! Lauf los!" Noch nie im Leben war Shay so weit gelaufen, aber er schaffte er bis First Base. Mit weit aufgerissenen Augen und etwas verwundert hetzte er die Grundlinie entlang. Allen schrien: "Lauf weiter, lauf weiter!" Shay holte tief Atem und lief unbeholfen, aber voller Stolz weiter, um ans Ziel zu gelangen. Als Shay um die Ecke zur zweiten Basis bog, hatte der rechte Feldspieler den Ball. Er war der kleinste Junge im Team, der jetzt seine erste Chance hatte, zum Held seines Teams zu werden.

Er hätte den Ball dem zweiten Baseman zuwerfen können, aber er hatte verstanden, was der Pitcher vorhatte, und so warf er den Ball absichtlich ganz hoch und weit über den Kopf des dritten Basemans.
Also rannte Shay wie im Delirium zur dritten Basis, während die Läufer vor ihm die Stationen bis nach Hause umrundeten. Alle schrien nun: "Shay, Shay, Shay, lauf weiter, lauf weiter" Shay erreichte die dritte Basis, weil der gegnerische Shortstop ihm zur Hilfe gelaufen kam und ihn in die richtige Richtung der dritten Basis gedreht und gerufen hatte: "Lauf zur dritten!" "Shay, lauf zur dritten!"
Als Shay die dritte Basis geschafft hatte, waren alle Spieler beider Teams und die Zuschauer auf den Beinen und riefen: "Shay, ins Ziel! Lauf ins Ziel!" Shay lief ins Ziel, trat auf die Platte und wurde als Held des Tages gefeiert, der den Grand Slam erreicht und den Sieg für seine Mannschaft
davongetragen hatte.

"An diesem Tag", so sagte der Vater, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen, "brachten die Spieler von beiden Mannschaften ein Stück wahrer Liebe und Menschlichkeit in Shays Welt."

Shay erlebte keinen weiteren Sommer mehr. Er starb im folgenden Winter und hatte nie vergessen, wie es war, ein Held zu sein und mich so glücklich gemacht zu haben und zu sehen, wie die Mutter ihren kleinen Helden unter Tränen umarmte, als er nach Hause kam!"

Der Moment danach

An Silvester waren wir in Köln. Auf dem Rückweg setzt der Flieger zur Landung an und wir sehen die Lichter Berlins von oben durch die Nacht glimmen. Du sagst: "Ich mag Berlin." Ich denke: "So viel Strom. Und Berlin ist im Vergleich bei weitem nicht die größte Stadt der Welt. Irgendwann werden wir für unsere Verschwendung bezahlen müssen. Warum funkeln die Lichter eigentlich so? Ah, weil immer wieder ein Baum oder eine Laterne den Weg versperrt. Wir sind Ameisen…  Zigeunerinnen am Rande des Universums… warum nehmen wir uns immer so wichtig? Das tut doch weh."

Zuhause angekommen dann irgendwann diese fiesen Reise-Nachwirkungen: es wird einem bewusst, dass die schöne Zeit des Tapeten- und Zeitenwechsels vorbei ist. Montag wird man wieder Arbeiten gehen (oder nicht, egal, Montag bleibt Montag). Es kostet die Kraft einer Riesin, in dieser Zeit stark zu bleiben. Weltschmerz. Haben den eigentlich alle Menschen oder nur die, die in der Kindheit vom Vater/ der Mutter/ dem Meerschweinchen verlassen wurden/ die als Kind gehänselt wurden/ die eine Schraube locker haben/ die weinerlich veranlagt sind/ Frauen?

Bin ich okay?

Viele Zeitschriftenartikel, TV-Sendungen und Shows, Bücher und jede Menge Fragebögen, digital oder hardcopy, sollen der Leserin/Zuschauerin/Kundin eine einzige Frage beantworten: Bin ich okay, so wie ich bin? Denn tief in uns schlummern Komplexe ohne Ende. Zu dünn, zu dumm, zu arm? Ja, wozu denn eigentlich? Ein geliebter Mensch zu sein. Na klar, Jesus hat mir gesagt, dass er mich liebt. Auch dünn/dumm/arm. Durch ihn bin ich auch auf den ultimativen Test gestoßen für die Frage, ob man okay ist. Ich mache Besuchsdienst in meiner Kirchengemeinde. D.h., wer älter als 60 Jahre ist, Geburtstag hat und Gemeindemitglied in meiner Kirchengemeinde ist, läuft Gefahr, von mir mit Geburtstagskarte und Gemeindeblatt besucht zu werden. Die Reaktionen hierauf reichen von üblem Abwürgen über Nichtbeachtung hin zu einem äußerst warmherzigen Empfang. An meiner Persönlichkeit kann es also nicht liegen. (Übrigens das Credo einer jeden Psychologin ihren Klientinnen gegenüber, wenn sie einige Jahrzehnte in ihrem Job überleben will.) Es liegt an den Personen selbst, wie sie einer Fremden an der Haustür begegnen. Haben sie viel Angst, die Tür aufzumachen, weil jemand ihnen vielleicht etwas wegnehmen will? Haben sie keine Zeit? Kein Interesse an derjenigen, die Interesse zeigt oder kein Vertrauen in die Tatsache, dass es jemand mal gut meinen könnte? Schämen sie sich, weil sie selbst im Schlafanzug sind oder die Wohnung vermüllt ist? Ein älteres Ehepaar, was mir heute die Tür aufmachte, hat mich diesbezüglich freudig gestimmt. Nicht, weil sie sehr gläubig sind (höchstens Feiertagskirchgängerinnen). Sondern weil sie einfach so einer Fremden gegenüber freundlich und selbst so entspannt waren. Die waren okay.
 

Der erste Schnee

Samstag nur zuhause sitzen, und dann Sonntag Vormittag auf dem Rad, von Mitte nach Prenzl’berg. Der Brunch ist ein exzellenter Motivator, um Kälte und Matsch die Stirn zu bieten. Mitleidige Blicke von den Passanten erzeugen Stolz. Wir sind keine Weicheier. Vorbei an Parks, deren Grünflächen heute weiß sind. Die Luft ist so frisch und klar wie lange nicht mehr.

Die Erinnerung bringt bilderreich Freude und Ruhe ins Herz. Die Oma in der Großstadt besuchen, Vorweihnachtszeit, Vorfreude, gesellige, liebe Runde, Lachen, Plätzchenduft. Zeit haben mit den Lieben, durchs eiskalte Weiß laufen, bis einem warm wird. Die Natur sieht anders aus, kahl, ohne grün, und doch strahlt sie, einladend und verheißungsvoll. Einen Schneeball formen und werfen, mit schnell kalt werdenden Fingern.

So behütet und unbeschwert wie als Kind rennen wir nicht wieder durch den Schnee. Aber wir haben Plätzchenrezepte, wir besuchen und werden besucht, wir zünden Adventskerzen an und verbringen Zeit miteinander. Wir singen Adventslieder. Wir haben das Zeug dazu, die Herzen unserer Kinder zum Glühen zu bringen, so wie unsere Herzen geglüht haben.

Zum Reformationstag - weder süß noch sauer

Heute protestiere ich dagegen, es der Süßwarenindustrie durchgehen zu lassen, dass sie uns langfristig den Reformationstag sowie Allerheiligen durch häßliche Kürbisfratzen versaut. Heute vor genau 491 Jahren wurde unser lieber Theologe und Mönch Martin Luther der Überlieferung nach öffentlich aktiv, um eine Diskussion über den Ablasshandel in der Kirche anzuregen. Denken! Etwas ändern wollen, mit anderen zusammen! Allerheiligen, morgen, ist ein stiller Tag, da den Verstorbenen gedacht wird, die Kraft ihres Glaubens Gutes für die Menschen getan haben. Luther mag auch in diese Kategorie passen. Im Andenken und Gedenken an unsere Sterblichkeit und an all die Lieben, die wir verloren haben, sich die Hände reichen!

Lassen wir den Irinnen und Amerikanerinnen ihre Tradition, sich heute zu verkleiden und in süßem Gebäck zu schwelgen. Wir haben dafür Fasching/Fasnacht/Karneval, der am 11.11. los geht. Nehmen wir uns diese zwei Tage im Herbst zum Anlass, die genannten deutschen Feiertage zu begehen, denn sie tun uns gut. 

Am Geldautomaten

In der Geldbörse herrscht Ebbe. Deshalb nehme ich die Strecke mit dem Rad in Angriff, zwischen zwei Terminen. Die Schlange am Automaten ist lang. Kein schlechtes Zeichen, denn er scheint zu funktionieren. Ich warte. Als ich dran bin, tippe ich wie üblich auf dem Automaten herum. Man muss mit der Hand die Geheimzahl verdecken, haben wir gelernt, sonst zieht man einen Diebstahl förmlich an. Hinter mir tippeln die Leute nervös von einem Bein aufs andere. Ich möchte so schnell wie möglich weg, das Geld verstauen, weg von den Leuten, die scharf auf meine Geheimzahl sind, und auf zum nächsten Termin. Es dauert aber noch eine Weile, bis mein Auftrag bearbeitet ist. Die Spannung gipfelt im Geldsortiergeräusch des Automaten. Meine Hand weilt zitternd vor der Luke, in der gleich das Geld liegen wird. Ich starre auf die Geldlucke, als mein Blick zufällig nach links wandert. Ach richtig, die Karte wird trotz allem Rotieren im Automaten vor der Geldausgabe ausgespuckt! Und mittlerweise ist sie kurz davor, wieder eingezogen zu werden. Hektisch greife ich danach. Fazit: Je schneller man sein will, desto langsamer ist man.
 

Tunnelfahrt

Mein Vorderrad verschlingt den Asphalt Berliner Straßen, die voller Löcher und Risse sind. Es ist kühl geworden, was mich jetzt nicht stört, da ein zackiges Tempo innere Wärme verursacht. Latente Panik, zwischen offener Fahrertür rechts und überholendem Auto links eingekeilt zu werden. Es geht leicht bergab, über mir wölbt sich ein Tunnel. Es wird warm und dunkel. Orangefarbenes Licht strahlt von oben, Motorengeräusch und Benzingestank liegen in der Luft.

Die Erinnerung an nächtliche Autofahrten mit der Familie zur Ferienzeit blitzt vor meinem inneren Auge auf. Ich habe mich auf dem Rücksitz ausgebreitet, mein Kopf auf ein Kissen gebettet, als wir durch einen Tunnel fahren. Ich blicke nach oben in orangefarbene Lichter, die zu einer leuchtenden Linie verschwimmen, während gedämpfte Motorengeräusche zu mir dringen und das Radio verstummt. Die Luft im Tunnel ist stickig, aber wärmend. Sie bildet zusammen mit dem leichten Rütteln des Autos eine gemütliche Kapsel, in der ich sanft durchs Universum gleite.

Kurz darauf stehe ich, ins helle und kalte Dasein zurückgekehrt, an einer Ampel und seufze unhörbar, mit verträumtem Blick.

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