In Denzlingen - Ohne Kulturschock

Nach einigen Jahren war ich mal wieder in Denzlingen, meinem Heimatort. Und mein Sohn zum ersten Mal. Ich hatte einige Sorge wegen diesem Besuch. Würde Linus es ertragen, dass nicht jede auf der Straße ein Photo von ihm machen will und ihn auf den Arm nehmen will? Würden mir die Straßen wüstenleer vorkommen? Würde ich überhaupt jemals wieder nach Kairo wollen, nachdem ich das "Paradies" erschaut hatte?

Es kam anders als befürchtet. Alles war ganz normal, so wie immer, so als wenn ich aus Berlin gekommen wäre. Die Menschen waren unglaublich freundlich zu Linus und auch sehr hilfsbereit auf der Reise. Meine Sinne waren natürlich geschärft für die Dinge, die mir in Kairo nicht begegnen. So war es eine Überraschung, als ich von einem fremden Menschen das erste Mal auf deutsch angesprochen wurde. "Woher weiß der, dass ich… ach so, wir sind ja in Deutschland."

Die nächste wiederentdeckte Freude war das Trinkwasser aus dem Hahn. Praktisch!

Das Wetter indes bot keine Überraschungen. Aber die Arten, sich abzukühlen, sind anders als in Kairo:

 

 

Auch die klassische Eisdiele gibt es so in Kairo nicht.

Eis-Spaß in Emmendingen:

 

 
Und in Denzlingen:

 


Die unverschämten Freiburger Radfahrer ernteten wehmütige Blicke. Mein Rad, ich habe dich in Berlin zurückgelassen, und ich vermisse dich so… aber glaub mir, in Kairo hättest du kein gutes Leben.

Der Regen, brav immer nur nachts, erfrischte die Welt. 

Der Wald! Linus zum ersten Mal im Wald! Und gleichzeitig auch am Bach. Märchenhaft!


 

Im Schwimmbad überall Frauen im knappen Bikini, und Männer blicken ihnen in die Augen und sprechen mit ihnen, ohne sie anfassen oder anbaggern zu müssen (meist zumindest)… da war ich ein bißchen stolz auf mein Land. (Wenn jemand eine andere Formulierung findet, die semantisch mehr Sinn macht, bitte im Kommentar posten. Stolz kann man eigentlich nur auf eine Eigenleistung sein.)

Wenn es irgendwo eine Absperrung gibt, dann findet Linus sie und krabbelt durch:

 


Ein anderer denkwürdiger Moment: Ach ja, ich erinnere mich, grüne Wiesen und menschenleere Straßen, saubere Luft und der Klang der Kirchenglocken beim Laufen draußen. Kirchenglocken an einem Sonntag, alle Geschäfte sind zu und fast niemand arbeitet. Wie schön es ist, wenn Ruhe- und Feiertag derselbe Tag sind. Als ich überlege, was ich denn mit nach Kairo nehmen könnte als Andenken, macht mir Denzlingen ein Angebot, das ich ablehnen konnte:


Dass alles im Wandel ist und immer neu, zeigte uns eine Amsel-Mama, indem sie vor unseren Augen im Balkonkasten ihre Jungen ausbrütete:

 


 

Fünf Tage später waren sie schon von schwarzem Flaum umgeben. Im Vergleich dazu, meine lieben anders-sprüchigen Mütter und Väter, werden Menschenkinder verdammt langsam groß.

Am Ende der Zeit vermissten wir beide den Papa ganz doll, so dass uns der Abschied nicht schwer fiel. Jeder Gast, der uns verlässt, ist froh, nicht in Kairo wohnen zu müssen. Was ist Heimat? Wo deine Wiege stand? Wessen Familie schon seit Generationen über Deutschland verstreut ist, der fällt es nicht schwer zu sagen: wo mein geliebter Mann ist und mein geliebtes Kind, meine Arbeit, wo niemand (mehr) fragt, warum ich gekommen bin und wie lange ich bleiben werde. Die wahre Heimat kann man nicht verlassen, sie ist in der Gegenwart zu finden.

Daheim ist Linus so müde, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben beim Essen einschläft (Stillen zählt in dem Fall nicht):

 

 

…letztendlich tun wir hier sowohl wie dort: abhängen.

 

Joggen in Kairo

Crosstrainer ist ja dreimal die Woche, wie es sich für eine Gewohnheitssportlerin gehört, einfach nur stinklangweilig. Erst recht wenn der musikbegeisterte Mitbewohner, der einem die neuesten Tunes quasi auf den MP3-Player geladen hat, seit geraumer Zeit in einem anderen Land wohnt. Und in den Sportclub… wie lange habt ihr mal einen Sport drei Mal die Woche durchgehalten, zu dem man eine halbe Stunde Anreisezeit hat? Also dachte ich mir: durch Kairos Straßen joggen ist zwar hier allgemein als "nicht mehr ganz sauberes" Verhalten verpönt, aber es macht doch Spaß, ein bißchen verrückt zu sein.

Ich fing also damit an. Es war phantastisch. Die Straßen voller Hindernisse waren Straßen voller immer neuer Wendungen und Blickwinkel. Die gelangweilt glotzenden Soldaten konnten gar nicht schnell genug gucken, und ich konnte mir aussuchen, ob ich schnell hinter ihrem Rücken vorbeiflitze oder sie durch frontales Auf-sie-zu-rennen verängstige. Muss man dafür geltungsbedürftig sein, oder sich noch an das Trotzden der Pubertät erinnern können? Ja klar! Aber darum geht es jetzt nicht. Die uniformierten, blutjungen Männer und ich hätten gerne die Aura getauscht: wie gerne hätten sie auffällig, sexy, anziehend und exotisch auf mich gewirkt, und wie gerne wäre ich unsichtbar für sie gewesen. Denn revolutionieren tut so eine Runde durch Zamalek nichts, es verfestigen sich nur die Vorurteile beiderseits. Vielleicht, mit etwas Glück, bedeutete die Runde etwas mehr Freiheit für mich, und für alle Frauen, die mich gesehen haben.

Aber weiter zum Erlebnis. Es ist wirklich sehr aufregend auf den Straßen Kairos. Wenn man einmal die zugestellten und aufgerissenen Straßen als Hindernisparcours angenommen hat, sieht man nur noch Herausforderungen, keine ärgerlichen Störungen mehr. Frühmorgens sind Fischer auf dem Nil unterwegs. Keine Handwerker, Geschäftemacher. Einfach arme Leute, die am verdreckten Nilufer wohnen und sich von Fischen ernähren, die zwischen Müll umherschwimmen. Regelmäßig kreuzen Marder meinen Weg. (Ich war gewillt, sie begeistert als Baby-Eichhörnchen zu bestaunene. Aber so rosa meine Brille dann doch nicht.)

Zamalek-spezifisch folgende Erscheinung: ein Hausangestellter mit einer Bulldogge mit Maulkorb. Ich sah ihn rechtzeitig, um die Straße zu wechseln. Ich hatte gedacht, die Ägypterinnen machen sich nichts aus Hunden. Aber wie Stephan immer sagt, „die Ägypterin“ gibt es nicht.

Mitten durch einen Pulk aus Schulmädchen mit Uniform: „What’s your name?“ Ob ich mit meinem Anblick den Kairoanern die „gute alte Zeit“ versaue, in denen dieses Viertel noch den Ägypterinnen gehörte? Die keinen Sport machen, und wenn, dann mit Kopftuch und ausschließlich im Sportclub an Frauentagen?

Ja, dieser neue Sport hat mich euphorisiert. Bis ich zwei Wochen später nach meinem Morgenlauf am Küchentisch saß und mich fühlte, als hätte ich drei Zigaretten hintereinander geraucht. Seitdem laufe ich nicht mehr durch Kairos Straßen. Es war ein kurzer Flirt, der mir einen Zugang zu einer Welt gewährt hat, in der ich bestimmt habe, wo es langgeht, und in dem ich mit den Hindernissen Kairos spielen konnte, statt sie immer nur als Belastung zu empfinden. Warum sind die Straßen selbst in den edelsten Vierteln so zerrissen? Die wichtigsten Verbindungswege zwischen den Menschen? Der „Campus“, ein Hochglanz-Hochschul-Magazin, vermutet, die Zerrissenheit der Gesellschaft hat sich in ihnen einen Spiegel geschaffen. Und keine aufkeimende Kühnheit einer Ausländerin kann sie kitten.
 

Regen in Kairo

Wow da war ja mal gar kein Feedback auf meine Frage. Und auch ich habe keine weiteren Ideen. Also schreibe ich weiter, ohne großes Konzept.

Neulich hat es hier geregnet. Ein paar Tropfen habe ich schon einmal erlebt, aber diesmal war es bestimmt eine halbe Stunde Regen, teilweise stark. Die Ägyter und Ägypterinnen auf der Straße standen staunend in den überdachten Ladeneingängen. Es war Zeit für meine Morgenrunde, also suchte ich einen Regenschirm und ging aus dem Haus. Unser Bawwab rief: "Nein, nein, Madame, tun sie das nicht!!!" (auf arabisch bzw. mit Zeichensprache), aber ich sagte, ich sei Deutsche (auf arabisch!!!) und spazierte lachend in den Regen. Ich fühlte mich auf einmal wie daheim. Die Luft war klar und ich konnte mich ganz im Umgehen der Pfützen verlieren. Eine typisch deutsche Fähigkeit! Dazu braucht es nämlich Regen und die Lust am Spazierengehen, beides keine ägyptischen Eigenschaften. Dafür die Rücksichtnahme der Autos: die Taxis witterten wie immer fette Beute, aber alle Autos fuhren ganz sanft an mir vorbei, um mich nicht nasszuspritzen. Im Café machte dann mein tropfender Regenschirm die Bedienung ganz nervös.

Das habe ich Kairo zu verdanken: dass ich mich aus tiefstem Herzen über den Regen freue und mich mit ihm auf eine fast schon verschwörerische Art verbunden fühle. Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar, dass ich hier nie einen Plan B entwerfen muss, wenn ich meinen Tag draußen verbringen will. Sonnenschein oder zumindest kein Regen sind hier das ganze Jahr über an der Tagesordnung.

Umstruktur

Liebe Leserinnen und Leser,

das Blog war ja ein Jahr lang eher anonym, mit allgemeinen Gedanken zu privaten Themen. Seit unserem Umzug von Berlin nach Kairo poste ich viele Bilder und Berichte, vor allem über Linus und unser Leben in Kairo. So langsam bin ich nicht mehr überrascht über die Dinge, die mir hier passieren, und ihr solltet euch langsam sicher sein, dass es uns hier gut geht. Deshalb habe ich überlegt, zu meinem alten Modus zurückzugehen, wenig Bilder und kurze Texte über Beziehung, Baby im Allgemeinen und vielleicht dann auch allgemeine Betrachtungen eines Ex-Pats (nicht mehr im Heimatland lebend). Also private Gedanken zu allgemeinen Themen zum Besten zu geben.

Aber: ihr sollt dazu etwas zu sagen haben. Bitte schreibt doch eure Meinung, ob es lieber jede Menge Photos sein sollen und Erlebnisberichte, oder die ältere Liebesoffensive.

Bis bald! 

Linus und ich auf dem Balkon

Auf Anfrage einiger lieber Leserinnen ein aktuelles Photo von mir (mit unserem Spatz).

 

 

 

Schweben wie von Sinnen

Es gibt Sinneszustände, die man nur erlebt, wenn man sie aktiv aufsucht. Dazu gehört zum Beispiel die Sonne auf dem nackten Bauch oder Blindheit in einem Dunkelrestaurant. Oder zu erleben, wie anspruchslos Muskeln, Sehnen, Bänder und Knochen werden, wenn man sie auf sehr salzhaltiges Wasser legt. Bestimmte Wellnessoasen bieten das sog. Floaten an.

Also, gesagt, getan, zum Lohn für vier Jahre Beziehung schweben wir drei in körpertemperiertem Salzwasser - mein Schatz, mein Bauchzwerg und ich. In einer blau beleuchteten Pyramide, mit Chill-Out-Mucke unter Wasser. Nach einer Viertelstunde hatten wir das Brennen in den Augen im Griff, dank einem Waschlappen mit Leitungswasser, der draußen lagerte. Und dann hieß es: eine kleine Ewigkeit nichts spüren, im Sinne Paul Valérys "Gesundheit ist das Schweigen der Organe."

Neu war, dass auch nach einer halben Stunde kein Körperglied umgeschichtet oder bewegt werden wollte.  Neu war, dass kein Körperteil ein anderes tragen musste. Neu war, dass kein kalter Luftzug eine gegensteuernde Bewegung notwendig machte. Neu war, dass es nichts zu gucken gab und keine Information aus der Geräuschkulisse zu filtern war. Im Prinzip fallen einfach eine Menge Reize weg, mit denen der Mensch sonst zu kämpfen hat.

Trotzdem, zur Meditation würde ich nicht herkommen. Wenn sich das Nichts durch solche Bemühungen aus dem Sein herausschält, folgt keine Erleuchtung, sondern Leere. Dafür bin ich doch nicht auf der Welt! Darum habe ich im Schwebebad doch meine Sinne benutzt. Meinen Arm unter den Rücken meines Mannes geschoben (glitschige Haut)! Die feuchte Luft erspürt und zu meinem Sohn geschickt. Das war wohl der einzige Moment meiner Schwangerschaft, wo wir alle drei das Gleiche gemacht haben: Schweben und nichts fühlen außer sich wohl.

Nein zu "ProReli"

In Berlin gibt es einen Volksentscheid: soll das bisherige System an Berliner Schulen bestehen bleiben? Dann gehen weiterhin alle Schülerinnen in den Ethik-Unterricht und werden dort benotet. Ca. 20% besuchen zusätzlich noch vom Staat geförderten Religionsunterricht, genauso viel wie vor Einführung des Ethik-Unterrichtes.

Oder aber das System wird geändert, und die Schülerinnen müssen sich zwischen Ethik und Religion entscheiden und werden getrennt unterrichtet und benotet. Das ist die "ProReli"-Variante.

Ich bin eine Christin, ich habe sogar dafür gestimmt, den Volksentscheid herbeizuführen. Allerdings aus naiven Gründen: die Liste lag in meiner Kirche aus, der Pfarrer und sogar die muslimische Partneringemeinde sind dafür, das Ganze heißt "für die Religion", was gibt es da lang zu überlegen? Das bereue ich inzwischen. Diese implizite Darstellung, wem Religion wichtig sei, der solle der Initiative zustimmen, ärgert mich.

Gehen Sie am 27.04. wählen oder beantragen Sie Briefwahl, und stimmen Sie gegen "ProReli". Da stimmen Sie nicht gegen Religion.

Meine Argumente fürs NEIN:

- An den Berliner Schulen herrscht ein großer Ausländerinnen-Anteil. Gemeinsamer Unterricht, zumal er menschliche und gesellschaftliche Werte betrifft, ist sehr wertvoll und sollte stattfinden, und zwar so viel wie möglich. ProReli bedeutet Trennung.

- Da der Werte- und Religionsunterricht so wertvoll ist, sollten die Schülerinnen auch weiterhin die Gelegenheit erhalten, beides zu besuchen. ProReli bedeutet Entscheidungszwang.

- ProReli bedeutet, dass der Einfluss der religiösen Lobby auf die Gesellschaft stabilisiert wird. Wenn die Kirchen die Kinder nicht mehr über den Konfirmations- und Firmungsunterricht erreichen, müssen sie sich auf andere Weise attraktiv für diese Zielgruppe machen als mit Pflichtunterricht für Religion. Zum Beispiel durch umwerfend intelligenten und offenen freiwilligen Religionsunterricht. In Berlin jedenfalls stellt das Fach Ethik hier offenbar keine Konkurrenz dar.

 

 

P.S.: Es kursiert das Gerücht, Abstimmung mit den Füßen helfe der Ablehnung mehr als eine Nein-Stimme. Dies ist falsch.

Französischsprachkurs in der Provence - nicht romantisch.

Nun bin ich schon einige Zeit in Südfrankreich, und dass ich meinen Blog erreiche, ist ein Zeichen, dass ich mich langsam eingelebt habe (ich bin eine der wenigen Bloggerinnen, die ihren PC nicht mit sich herumtragen - zu meiner Entschuldigung: ich trage eine Gebärmutter in der Größe einer Wassermelone mit mir herum - nein, dort wächst kein Krebs, sondern ein kleiner Schreibhals heran!).

Die Sonne scheint für eine Berlinerin erstaunlich, für eine Freiburgerin gewohnt ausdauernd, eiskalt ist es trotzdem. 

Anlass für diesen Beitrag ist mein Sprachkurs. Heute möchte ich einen Schrei loslassen für alle Schülerinnen, die mit Frontalunterricht im Vorlesungsstil gequält werden. Wie kann man eine Sprache lernen, wenn man sie kaum sprechen darf? Wie sich fremde Fragestellungen zu eigen machen, wenn man dazu verdammt ist, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, bis zu acht Stunden am Tag, und sich Monologe anzuhören oder etwas diktiert zu bekommen? Steinzeitliche Lehrmethoden, wem nützen die bloß?

*AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!!!!!!!!!!!!!!!!!!*

Lang lebe Wien!

Letzte Woche habe ich in Wien verbracht. Wussten Sie, dass

- entfernte Verwandte unglaublich zuvorkommende Gastgeberinnen sein können, obwohl sie einen nicht kennen, insbesondere wenn sie Östereicherinnen sind?

- Sigmund Freud fünf jüngere Brüder hatte und einen amerikanischen Ehrendoktor in Rechtswissenschaften?

- Maria Theresia Beruf und Familie unter einen Hut brachte, indem sie während ihrer Regierungszeit in einem aufwendig bestickten, einzigartig wertvollen Stillbett - sie hatte 16 Kinder -  kurze Audienzen gewährte?

- die OSZE ziemlich kleine Brötchen bäckt in der Hoffnung, Kriege zu verhindern und deshalb alle 56 Mitglieder gleichberechtigt zu Wort kommen dürfen?

- Die UNO weniger als einen Euro Miete zahlt für das Gebäudekomplex, dass sie in Wien benutzt?

- es im Wiener Haus, das Hundertwasser entworfen hat, keine Ecken gibt und somit die Inneneinrichtung schwer auzuwählen ist?

- Palatschinken kein Fleisch ist?

Ja? Egal, Wien ist immer eine Reise wert.

Kino fürs Wochenende: Shay spiel Baseball

Bei einem Wohltätigkeitsessen zugunsten von Schülern mit Lernschwierigkeiten hielt der Vater eines der Kinder eine Rede, die so schnell keiner der Anwesenden vergessen wird. Nachdem er die Schule und ihre Mitarbeiter in höchsten Tönen gelobt hatte, stellte er folgende Frage: "Wenn keine störenden äußeren Einflüsse zum Tragen kommen, gerät alles, was die Natur anpackt, zur Perfektion.
Aber mein Sohn Shay ist nicht so lernfähig wie andere. Er ist nicht in der Lage, die Dinge so zu verstehen wie andere Kinder. Wo ist die natürliche Ordnung der Dinge bei meinem Sohn?"

Das Publikum war angesichts dieser Frage vollkommen stumm. Der Vater fuhr fort: "Ich bin der Meinung, wenn ein Kind so ist wie Shay, das geistig und körperlich behindert zur Welt kommt, dann entsteht die Möglichkeit, wahre menschliche Natur in die Tat umzusetzen, und es liegt nur daran, wie die Menschen dieses Kind behandeln."

Dann erzählte er die folgende Geschichte: Shay und ich waren einmal an einem Park vorbeigekommen, in dem einige Jungen, die Shay kannte, Baseball spielten. Shay fragte: "Glaubst du, sie lassen mich mitspielen?" Ich wusste, dass die meisten der Jungen jemanden wie Shay nicht in ihrer Mannschaft haben wollten, aber als Vater war mir auch Folgendes klar: Wenn mein Sohn mitspielen durfte, dann würde dies ihm ein Dazugehörigkeitsgefühl geben, nach dem er sich so sehr sehnte, und auch die Zuversicht, trotz seiner Behinderung von anderen akzeptiert zu werden. Ich ging also zu einem der Jungen auf dem Spielfeld und fragte, ohne allzu viel zu erwarten, ob Shay mitspielen könne. Der Junge schaute sich hilfesuchend um und sagte: "Wir haben schon sechs Runden verloren und das Spiel ist gerade beim achten Inning. Ich glaube schon, dass er mitspielen kann. Wir werden versuchen, ihn dann beim neunten Inning an den Schläger kommen zu lassen."
 
Shay kämpfte sich nach drüben zur Bank der Mannschaft und zog sich mit einem breiten Grinsen ein Trikot des Teams an. Ich schaute mit Tränen in den Augen und Wärme im Herzen zu. Die Jungen sahen, wie ich mich freute, weil mein Sohn mitspielen durfte. Am Ende des achten Innings hatte Shays Team ein paar Runden gewonnen, lag aber immer noch um drei im Rückstand. Mitten im neunten Inning zog sich Shay den Handschuh an und spielte im rechten Feld mit. Auch wenn keine Schläge in seine Richtung gelangten, war er doch begeistert, dass er mit dabei sein durfte, und grinste bis zu beiden Ohren, als ich ihm von der Tribüne aus zuwinkte. Am Ende des neunten Innings holte Shays Mannschaft noch einen Punkt. In der jetzigen Ausgangslage war der nächste Run ein potenzieller Siegesrun, und Shay kam als Nächster an die Reihe.

Würden sie in diesem Moment Shay den Schläger überlassen und damit die Chance, das Spiel zu gewinnen, aufs Spiel setzen? Überraschenderweise bekam Shay den Schläger. Jeder wusste, dass ein Treffer so gut wie unmöglich war, denn Shay wusste nicht einmal, wie er den Schläger richtig halten sollte, geschweige denn, wie er den Ball schlagen sollte. Als Shay allerdings an den Abschlagpunkt trat, merkte der Pitcher, dass die gegnerische Mannschaft in diesem Moment nicht gerade auf den Sieg aus zu sein schien, und warf den Ball so vorsichtig, dass Shay ihn wenigstens treffen konnte. Beim ersten Pitch schwankte Shay etwas unbeholfen zur Seite und schlug vorbei. Der Pitcher ging wieder ein paar Schritte nach vorn und warf den Ball vorsichtig in Shays Richtung. Als der Pitch hereinkam, hechtete Shay zum Ball und schlug ihn tief nach unten gezogen zurück zum Pitcher.

Das Spiel wäre nun gleich zu Ende. Der Pitcher nahm den tiefen Ball auf und hätte ihn ohne Anstrengung zum ersten Baseman werfen können. Shay wäre dann rausgeflogen, und das Spiel wäre beendet gewesen. Aber stattdessen warf der Pitcher den Ball über den Kopf des ersten Basemans
und außer Reichweite der anderen Spieler. Von der Tribüne und von beiden Teams schallte es: "Shay lauf los! Lauf los!" Noch nie im Leben war Shay so weit gelaufen, aber er schaffte er bis First Base. Mit weit aufgerissenen Augen und etwas verwundert hetzte er die Grundlinie entlang. Allen schrien: "Lauf weiter, lauf weiter!" Shay holte tief Atem und lief unbeholfen, aber voller Stolz weiter, um ans Ziel zu gelangen. Als Shay um die Ecke zur zweiten Basis bog, hatte der rechte Feldspieler den Ball. Er war der kleinste Junge im Team, der jetzt seine erste Chance hatte, zum Held seines Teams zu werden.

Er hätte den Ball dem zweiten Baseman zuwerfen können, aber er hatte verstanden, was der Pitcher vorhatte, und so warf er den Ball absichtlich ganz hoch und weit über den Kopf des dritten Basemans.
Also rannte Shay wie im Delirium zur dritten Basis, während die Läufer vor ihm die Stationen bis nach Hause umrundeten. Alle schrien nun: "Shay, Shay, Shay, lauf weiter, lauf weiter" Shay erreichte die dritte Basis, weil der gegnerische Shortstop ihm zur Hilfe gelaufen kam und ihn in die richtige Richtung der dritten Basis gedreht und gerufen hatte: "Lauf zur dritten!" "Shay, lauf zur dritten!"
Als Shay die dritte Basis geschafft hatte, waren alle Spieler beider Teams und die Zuschauer auf den Beinen und riefen: "Shay, ins Ziel! Lauf ins Ziel!" Shay lief ins Ziel, trat auf die Platte und wurde als Held des Tages gefeiert, der den Grand Slam erreicht und den Sieg für seine Mannschaft
davongetragen hatte.

"An diesem Tag", so sagte der Vater, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen, "brachten die Spieler von beiden Mannschaften ein Stück wahrer Liebe und Menschlichkeit in Shays Welt."

Shay erlebte keinen weiteren Sommer mehr. Er starb im folgenden Winter und hatte nie vergessen, wie es war, ein Held zu sein und mich so glücklich gemacht zu haben und zu sehen, wie die Mutter ihren kleinen Helden unter Tränen umarmte, als er nach Hause kam!"

Der Moment danach

An Silvester waren wir in Köln. Auf dem Rückweg setzt der Flieger zur Landung an und wir sehen die Lichter Berlins von oben durch die Nacht glimmen. Du sagst: "Ich mag Berlin." Ich denke: "So viel Strom. Und Berlin ist im Vergleich bei weitem nicht die größte Stadt der Welt. Irgendwann werden wir für unsere Verschwendung bezahlen müssen. Warum funkeln die Lichter eigentlich so? Ah, weil immer wieder ein Baum oder eine Laterne den Weg versperrt. Wir sind Ameisen…  Zigeunerinnen am Rande des Universums… warum nehmen wir uns immer so wichtig? Das tut doch weh."

Zuhause angekommen dann irgendwann diese fiesen Reise-Nachwirkungen: es wird einem bewusst, dass die schöne Zeit des Tapeten- und Zeitenwechsels vorbei ist. Montag wird man wieder Arbeiten gehen (oder nicht, egal, Montag bleibt Montag). Es kostet die Kraft einer Riesin, in dieser Zeit stark zu bleiben. Weltschmerz. Haben den eigentlich alle Menschen oder nur die, die in der Kindheit vom Vater/ der Mutter/ dem Meerschweinchen verlassen wurden/ die als Kind gehänselt wurden/ die eine Schraube locker haben/ die weinerlich veranlagt sind/ Frauen?

Bin ich okay?

Viele Zeitschriftenartikel, TV-Sendungen und Shows, Bücher und jede Menge Fragebögen, digital oder hardcopy, sollen der Leserin/Zuschauerin/Kundin eine einzige Frage beantworten: Bin ich okay, so wie ich bin? Denn tief in uns schlummern Komplexe ohne Ende. Zu dünn, zu dumm, zu arm? Ja, wozu denn eigentlich? Ein geliebter Mensch zu sein. Na klar, Jesus hat mir gesagt, dass er mich liebt. Auch dünn/dumm/arm. Durch ihn bin ich auch auf den ultimativen Test gestoßen für die Frage, ob man okay ist. Ich mache Besuchsdienst in meiner Kirchengemeinde. D.h., wer älter als 60 Jahre ist, Geburtstag hat und Gemeindemitglied in meiner Kirchengemeinde ist, läuft Gefahr, von mir mit Geburtstagskarte und Gemeindeblatt besucht zu werden. Die Reaktionen hierauf reichen von üblem Abwürgen über Nichtbeachtung hin zu einem äußerst warmherzigen Empfang. An meiner Persönlichkeit kann es also nicht liegen. (Übrigens das Credo einer jeden Psychologin ihren Klientinnen gegenüber, wenn sie einige Jahrzehnte in ihrem Job überleben will.) Es liegt an den Personen selbst, wie sie einer Fremden an der Haustür begegnen. Haben sie viel Angst, die Tür aufzumachen, weil jemand ihnen vielleicht etwas wegnehmen will? Haben sie keine Zeit? Kein Interesse an derjenigen, die Interesse zeigt oder kein Vertrauen in die Tatsache, dass es jemand mal gut meinen könnte? Schämen sie sich, weil sie selbst im Schlafanzug sind oder die Wohnung vermüllt ist? Ein älteres Ehepaar, was mir heute die Tür aufmachte, hat mich diesbezüglich freudig gestimmt. Nicht, weil sie sehr gläubig sind (höchstens Feiertagskirchgängerinnen). Sondern weil sie einfach so einer Fremden gegenüber freundlich und selbst so entspannt waren. Die waren okay.
 

Der erste Schnee

Samstag nur zuhause sitzen, und dann Sonntag Vormittag auf dem Rad, von Mitte nach Prenzl’berg. Der Brunch ist ein exzellenter Motivator, um Kälte und Matsch die Stirn zu bieten. Mitleidige Blicke von den Passanten erzeugen Stolz. Wir sind keine Weicheier. Vorbei an Parks, deren Grünflächen heute weiß sind. Die Luft ist so frisch und klar wie lange nicht mehr.

Die Erinnerung bringt bilderreich Freude und Ruhe ins Herz. Die Oma in der Großstadt besuchen, Vorweihnachtszeit, Vorfreude, gesellige, liebe Runde, Lachen, Plätzchenduft. Zeit haben mit den Lieben, durchs eiskalte Weiß laufen, bis einem warm wird. Die Natur sieht anders aus, kahl, ohne grün, und doch strahlt sie, einladend und verheißungsvoll. Einen Schneeball formen und werfen, mit schnell kalt werdenden Fingern.

So behütet und unbeschwert wie als Kind rennen wir nicht wieder durch den Schnee. Aber wir haben Plätzchenrezepte, wir besuchen und werden besucht, wir zünden Adventskerzen an und verbringen Zeit miteinander. Wir singen Adventslieder. Wir haben das Zeug dazu, die Herzen unserer Kinder zum Glühen zu bringen, so wie unsere Herzen geglüht haben.

Zum Reformationstag - weder süß noch sauer

Heute protestiere ich dagegen, es der Süßwarenindustrie durchgehen zu lassen, dass sie uns langfristig den Reformationstag sowie Allerheiligen durch häßliche Kürbisfratzen versaut. Heute vor genau 491 Jahren wurde unser lieber Theologe und Mönch Martin Luther der Überlieferung nach öffentlich aktiv, um eine Diskussion über den Ablasshandel in der Kirche anzuregen. Denken! Etwas ändern wollen, mit anderen zusammen! Allerheiligen, morgen, ist ein stiller Tag, da den Verstorbenen gedacht wird, die Kraft ihres Glaubens Gutes für die Menschen getan haben. Luther mag auch in diese Kategorie passen. Im Andenken und Gedenken an unsere Sterblichkeit und an all die Lieben, die wir verloren haben, sich die Hände reichen!

Lassen wir den Irinnen und Amerikanerinnen ihre Tradition, sich heute zu verkleiden und in süßem Gebäck zu schwelgen. Wir haben dafür Fasching/Fasnacht/Karneval, der am 11.11. los geht. Nehmen wir uns diese zwei Tage im Herbst zum Anlass, die genannten deutschen Feiertage zu begehen, denn sie tun uns gut. 

Am Geldautomaten

In der Geldbörse herrscht Ebbe. Deshalb nehme ich die Strecke mit dem Rad in Angriff, zwischen zwei Terminen. Die Schlange am Automaten ist lang. Kein schlechtes Zeichen, denn er scheint zu funktionieren. Ich warte. Als ich dran bin, tippe ich wie üblich auf dem Automaten herum. Man muss mit der Hand die Geheimzahl verdecken, haben wir gelernt, sonst zieht man einen Diebstahl förmlich an. Hinter mir tippeln die Leute nervös von einem Bein aufs andere. Ich möchte so schnell wie möglich weg, das Geld verstauen, weg von den Leuten, die scharf auf meine Geheimzahl sind, und auf zum nächsten Termin. Es dauert aber noch eine Weile, bis mein Auftrag bearbeitet ist. Die Spannung gipfelt im Geldsortiergeräusch des Automaten. Meine Hand weilt zitternd vor der Luke, in der gleich das Geld liegen wird. Ich starre auf die Geldlucke, als mein Blick zufällig nach links wandert. Ach richtig, die Karte wird trotz allem Rotieren im Automaten vor der Geldausgabe ausgespuckt! Und mittlerweise ist sie kurz davor, wieder eingezogen zu werden. Hektisch greife ich danach. Fazit: Je schneller man sein will, desto langsamer ist man.
 

Tunnelfahrt

Mein Vorderrad verschlingt den Asphalt Berliner Straßen, die voller Löcher und Risse sind. Es ist kühl geworden, was mich jetzt nicht stört, da ein zackiges Tempo innere Wärme verursacht. Latente Panik, zwischen offener Fahrertür rechts und überholendem Auto links eingekeilt zu werden. Es geht leicht bergab, über mir wölbt sich ein Tunnel. Es wird warm und dunkel. Orangefarbenes Licht strahlt von oben, Motorengeräusch und Benzingestank liegen in der Luft.

Die Erinnerung an nächtliche Autofahrten mit der Familie zur Ferienzeit blitzt vor meinem inneren Auge auf. Ich habe mich auf dem Rücksitz ausgebreitet, mein Kopf auf ein Kissen gebettet, als wir durch einen Tunnel fahren. Ich blicke nach oben in orangefarbene Lichter, die zu einer leuchtenden Linie verschwimmen, während gedämpfte Motorengeräusche zu mir dringen und das Radio verstummt. Die Luft im Tunnel ist stickig, aber wärmend. Sie bildet zusammen mit dem leichten Rütteln des Autos eine gemütliche Kapsel, in der ich sanft durchs Universum gleite.

Kurz darauf stehe ich, ins helle und kalte Dasein zurückgekehrt, an einer Ampel und seufze unhörbar, mit verträumtem Blick.

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