Bedürftigkeit
Warum ist unsere Gesellschaft im Ganzen und jede Person im Einzelnen so scharf darauf, Pärchen zu produzieren?
Für die Gesellschaft und das Fortbestehen der Menschheit im Allgemeinen sind Pärchen die Grundlage dafür, dass Kinder in die Welt kommen und gut versorgt werden. Eine nackte evolutionspsychologische Erklärung: wer im Kreise von Artgenossinnen wohnt, speist und spazieren geht, fällt seltener feindlich gestimmten Lebewesen anheim. Oder ökonomisch: man kann sich, anstatt alles alleine machen zu müssen, Aufgaben teilen. Und man muss nur einmal Miete und Milch bezahlen. Entwicklungstheorie: wir sind es von klein auf gewohnt, berührt, gestreichelt und geküsst zu werden. Kleinkinder, die nicht in diesen Genuss kommen, leiden stark darunter.
Am schwersten wiegt aber folgende Begründung: ein fühlender Mensch ist eine Frage, die beantwortet werden möchte. In der Nähe eines geliebten Menschen werden Glückshormone frei, wir atmen tiefer, fühlen uns geborgen, unsere Abwehrkräfte werden stärker. Ist lange niemand da, der über meine Haut streichelt, hört mein Herz nicht auf, vor Sehnsucht leise zu klagen. Es gibt innere Bilder, tief in mir angelegt: eine Hand in meiner. Ein Gesicht über meinem. Arme, die mich festhalten und alles gut machen. Ich bin ganz klar angewiesen auf ein liebendes Gegenüber, wenn ich ein erfülltes Leben führen möchte.
Unschick und unbequem, gerade dieser letzte Satz? Wir sind doch frei und nicht abhängig! Wir können auch alleine Einiges auf die Beine stellen! Freunde machen unglaublich stark! Dies alles trifft zu. Jede entscheidet für sich, ob es eine Person in ihrem Leben geben darf und soll, die ihr ganz nahe kommt. Auch gelten in jeder Lebenssituation und in jedem Lebensalter unterschiedliche Voraussetzungen. Jedoch, um einen Aspekt des Mensch-Seins kommen wir nicht herum. Ob ich Partnerin, Familie, Freundin oder Nachbarin nicht missen will: die Grundsituation eines Menschen ist Bedürftigkeit und Angewiesen-Sein.